Die Kinder der Flucht
(tsch) Es ist ein dunkler, bislang kaum beachteter Schandfleck der Nachkriegsgeschichte. Erzählt aus einer gleichsam ungewöhnlichen wie schockierenden Perspektive. Es ist die Perspektive der Kinder, die Autor und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg ("Kanzleramt") für sein dreiteiliges Doku-Drama wählte. Jener Schutzlosen, die keine Schuld am Krieg trugen, die jedoch am meisten darunter litten. In drei erschütternden Episoden (jeweils Dienstag, 28.11., 5.12. und 12.12., 20.15 Uhr) berichten "Die Kinder der Flucht" von damals von grausamer Nachkriegsrealität. "Kein politisch überkorrekter Süßstoff zur Beruhigung eines kollektiven schlechten deutschen Gewissens, sondern authentische Erlebnisse aus einer finsteren Zeit."
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Der Zweite Weltkrieg mag im Mai 1945 vorbei gewesen sein. Das Elend war es nicht. Flucht und Vertreibung, Hunger und Krankheit zehrten nach wie vor an den ohnehin ausgemergelten Überlebenden. Von der Roten Armee als "Hitlerbrut" aus dem Osten vertrieben, irrten Millionen Deutsche jahrelang heimat- und ziellos an der damaligen Oder-Neiße-Grenze entlang. An sie erinnerte das ZDF bereits 2001 in der vielfach gelobten Dokumentarreihe "Die große Flucht". Doch auch viele Polen, deren Land von Stalin annektiert worden war, wurden von ihrem Grund und Boden verjagt. Ein gemeinsames Schicksal von Deutschen und Polen, an das das ZDF nun erinnern will. "Ein Europa, das zusammenwächst, darf es sich nicht leisten, verdrängte Lasten unerledigt in der Rumpelkammer der Geschichte zu belassen", sagt Guido Knopp, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte. "Es sind vor allem die Kinder von damals, die heute noch erzählen können, was sich in jener Zeit zugetragen hat." Autor und Regisseur Hans-Christoph Blumenberg hat nun drei solcher bewegender Nachkriegsschicksale ausgegraben. In drei Episoden berichten die Kinder von damals - inzwischen Rentner, damals jedoch erst zwischen sechs und 20 Jahre alt - von ihren Erlebnissen. Von Deportation, Zwangsarbeit in Sibirien, Hungersnot, Misshandlung und winterlichen Betteltouren. Bekannte Schauspieler wie Catherine Flemming ("Der letzte Zeuge") und Anna Brüggemann ("Kleinruppin forever") stellen in aufwändig produzierten Szenen an Originalschauplätzen das Geschehene nach, wodurch die Doku-Reihe Spielfilmcharakter erhält. Archivaufnahmen und die Erzählungen der Zeitzeugen erinnern immer wieder daran, dass es sich hier keineswegs um einen Spielfilm handelt, sondern um ein Stück authentischen Grauens. Doch es gab auch Momente des Glücks, Momente der Menschlichkeit inmitten all der kriegerischen Kälte. Wie das Schicksal von Elvira und Fortek zeigt, das den Auftakt zur dreiteiligen Reihe bildet. Es ist eine Liebesgeschichte, die kein Drehbuchautor der Welt hätte besser schreiben können. Elvira Profé (dargestellt von Anna Brüggemann) war die Tochter eines Fabrikbesitzers in Bärwalde an der Oder, heutiges Mieszkowice. Elvira verbrachte neun Jahre in Haft in Sibiren. Als das Mädchen zu seiner Familie zurückkehrte, hatte sich alles geändert. Die Profés waren nach der brutalen Vertreibung durch die Russen, dank der Position des Vaters, eine der wenigen deutschen Familien im Dorf. Wo Freunde und Bekannte gelebt hatten, richteten sich nun Polen ein. Darunter auch Fortek Mackiewicz (dargestellt von Adrian Topol). Der Nachbarsjunge wurde für Elvira schon bald zum Lichtblick in einer düsteren, aussichtslosen Zeit. "Es war wie ein Blitzschlag", erinnert sie sich. "Sie sah aus wie ein Engel", sagt Fortek. Doch das gemeinsame Glück war nur von begrenzter Dauer. Die Fabrikantenfamilie, der Klassenfeind, musste zum wiederholten Male die Heimat verlassen. 50 Jahre später - Fortek wartete zehn Jahre lang auf seine Geliebte, bis er schließlich doch heiratete, Elvira gab nie ihr Jawort - geschah das unmöglich Scheinende. Nach der Grenzöffnung finden die beiden auf Umwegen wieder zueinander. Die Gefühle von damals waren noch genauso stark. "Es war, als wären 50 Jahre einfach weg", erinnert sich Elvira an den Moment der ersten Wiederbegegnung. 1997 bezog das Paar ein Haus in Mieszkowice, dem Ort, an dem sie einst zusammenfanden. Im Herbst 2005, kurz nach Elviras 80. Geburtstag, heiratete sie Fortek. Am Dienstag, 5. Dezember, setzt Blumenberg die Reihe mit dem Film "Wolfskinder" fort, der tragischen Geschichte fünf kleiner Geschwister aus Ostpreußen, die sich nach dem Hungertod der Mutter auf der Suche nach Nahrung und einem Schlafplatz von Bauernhof zu Bauernhof durchschlagen mussten. Den Bildern frierender, hungernder und vagabundierender Kinder und den schockierenden Aussagen der Geschwister stellt Blumenberg alte "Wochenschau"-Berichte über die ersten Erholungsausflüge für Berliner Kinder und die Währungsreform gegenüber. Den Abschluss der mitnehmenden Serie bildet am 12. Dezember der Beitrag "Breslau brennt!", ein schauriges Zeitdokument einer damals erst 14-jährigen Überlebenden über Sklavenarbeit, Vergewaltigung und sinnloses Blutvergießen in der schlesischen Hauptstadt.
Nina Hortig
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Die Kinder der Flucht
ZDF
28.11.2006
20:15:00
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| Forteks (dargestellt von Adrian Topol) und Elviras (dargestellt von Anna Brüggemann) Liebe scheint keine Zukunft zu haben. (ZDF) |
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| Als die Rotarmisten in Bärwalde einfallen, schwebt Familie Profé in großer Gefahr. (ZDF) |
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| Ein Bild aus unbeschwerten Tagen: die Geschwister Liedke mit ihrer Mutter. (ZDF) |
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