Ausführliche Besprechungen wichtiger Sendungen (Kino- und Fernsehfilme, Dokumentationen, Shows)
Verhältnisse
Am Anfang bekommt Philipp Schneider (Devid Striesow) noch Applaus. In der schicken Designerküche seines ebenso schicken Hauses gibt der selbstständige Stadtplaner seinen Partygästen eine Lehrstunde in Sushi-Herstellung. Offensichtlich erleben die Zuschauer einen Erfolgsmenschen. Tatsächlich dreht Philipp Schneider das große Rad. Mit seiner Firma hat er einen Wettbewerb gewonnen, der dem Unternehmen viel Geld in die Kassen spülen soll. Doch die Auftraggeber halten Philipp und seinen Partner Lorenz (Harald Schrott) immer länger hin. Die Firma gerät in Liquiditätsnot. Dass auch sein Privatleben aus den Fugen gerät, bemerkt Philipp erst, als es schon zu spät ist.
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Devid Striesow in der Rolle des manisch getriebenen Mittelständlers, der ums wirtschaftliche und private Überleben kämpft. Erst vor Kurzem hat man den hochbegabten und vielgebuchten Schauspieler in einer sehr ähnlichen Rolle gesehen, in Dieter Wedels Zweiteiler "Gier". Doch wo Wedel seine pleite gehenden Figuren in eine theatralisch überdrehte Kunstwelt schickte, ist "Verhältnisse" ein Film, der sich beklemmend nah ans echte Leben heranrobbt. Autor und Regisseur Stefan Kornatz, der bei Großmeistern der präzisen Realitätsbeschreibung wie Aelrun Goette ("Keine Angst") oder Lars Kraume ("KDD") als Regieassistent arbeitete, schafft mit "Verhältnisse" nun einen eigenen großen Wurf in Sachen Fernsehspiel.
Philipps Frau Kerstin (Nicolette Krebitz) scheitert mit allen Versuchen, ihren Mann von der Tatsache zu überzeugen, dass es noch andere Lebensinhalte neben der Firma gibt. Immer mehr strauchelt Philipp bei seinem Tanz auf der Rasierklinge. Längst ist das Eigenheim beliehen, in dem Philipp mit Kerstin und den beiden Söhnen Emil und Jim wohnt. Auch der freudlos getriebene Flirt mit Politikerin Anne (Anna Schudt) soll dabei helfen, das zum Überleben erforderliche Geld schnell zu besorgen.
Philipp rastet aus, wird zum Mann ohne Nerven. Mit seinem manischen Kampf treibt er Kerstin in die Arme eines anderen - die des tiefenentspannten Kita-Leiters Daniel (Lars Eidinger). Wenn Philipp nach einer guten halben Stunde sein Leben um die Ohren fliegt, ist aber längst noch nicht Schluss. Bis zum überraschenden Ende bleibt dieses ergreifende und lebensechte Fernsehspiel voller kluger Wendungen.
In seinem ersten eigenen Langfilm "Sklaven und Herren", der einen sadistischen Schüler und sein System der Macht portraitierte, sorgte Regisseur Stefan Kornatz (Jahrgang 1968) 2008 für Aufsehen. Wie bei seinem ersten ARD-Mittwochsfilm im Auftrag des Hessischen Rundfunks kann sich Kornatz auch diesmal wieder auf einen grandiosen Hauptdarsteller verlassen. Nach Franz Dinda, der in "Sklaven und Herren" das unerklärlich Böse in jugendlicher Dandymaske verkörpert, gibt nun Devid Striesow einen scheinbar geerdeten Erfolgsmenschen, dessen Leben auf fast schon beklemmende Art den Bach runtergeht.
Eric Leimann
Verhältnisse
ARD
07.04.2010
20:15:00
Philipp (Devid Striesow, links) und Lorenz (Harald Schrott) stehen am Abgrund - ihrer Firma fehlt das Geld um weiterzumachen. (HR / Benjamin Knabe)
Schönheit unter Druck: Kerstin (Nicolette Krebitz) weiß nicht mehr, wie sie mit der Veränderung ihres Mannes Philipp (Devid Striesow) umgehen soll. (HR / Benjamin Knabe)
Schwierige Verhältnisse: Kerstin (Nicolette Krebitz) und Philipp (Devid Striesow) versuchen, ihre Beziehung in den Griff zu kriegen. (HR / Benjamin Knabe)
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