Reportagen, Essays, Interviews und Hintergrundberichte zu aktuellen Themen im Fernsehen
"Ich will die Stimmung genießen"
Lächeln. Wach, charmant, präsent und schlagfertig sein - auch wenn's jetzt schon ein bisschen wehtut. Jürgen Klinsmann hat einen wahren Medienmarathon, inklusive Fotoshooting, Werbetrailer-Dreh und Pressekonferenz hinter sich und sieht am späten Abend im Brühler Afrika-Themen-Hotel "Matamba" schon ein klein wenig müde aus. Aber noch gibt es einiges zu sagen, denn "Klinsi goes South Africa": Im Sommer ist der ehemalige Bundestrainer (45) wieder nachdrücklich im deutschen Fernsehen präsent: Als Experte für RTL bei der WM in Südafrika. Im Interview spricht der prominente RTL-Neuzugang vor allem über seine Vorfreude auf das Großereignis.
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teleschau: Herr Klinsmann, Sie berichten im Sommer als RTL-WM-Experte aus Südafrika. Wie nah werden Sie, wie nah wollen Sie bei der deutschen Nationalmannschaft sein? Werden Sie sich eine gewisse Distanz auferlegen?
Jürgen Klinsmann: Nein. Das ergibt sich alles aus der Situation heraus. Jogi kann mich jederzeit anrufen, ich kann jederzeit vorbeikommen. Wie oft ich von Kapstadt aus den Weg hoch nach Pretoria finden werde, weiß ich aber nicht. Doch ich denke, einige Male, hin und wieder, werde ich sicher vorbeischauen. Natürlich werde ich die deutschen Spiele verfolgen, ob im Stadion oder am Bildschirm. Und ich will die Stimmung genießen - innerhalb und außerhalb der Stadien.
teleschau: In Südafrika könnten womöglich einige sehr emotionale Momente auf Sie zukommen, Erinnerungen an das "Sommermärchen" ...
Klinsmann: Ja. Ich bin mit dem Team noch verbunden, habe aber auch schon ein bisschen Abstand - es sind eben vier Jahre vorbeigegangen. Klar. Man ist Fan, man drückt die Daumen, man fiebert mit. Aber was wir alle gemeinsam erlebt haben, was emotional 2006 bei uns, im eigenen Land, passierte, das werden wir in diesem Extrem sicher nicht mehr erleben.
teleschau: Wie sieht Ihr derzeitiger Kontakt zu Joachim Löw aus?
Klinsmann: Gut. Wir mailen und telefonieren regelmäßig. Wir diskutieren ... Über die Entwicklung der Spieler, über das, was im Umfeld passiert.
teleschau: Wo sehen Sie das deutsche Team im Moment?
Klinsmann: Ich glaube, dass wir eine sehr stabile Nationalmannschaft haben, die vier Jahre weiter gewachsen ist, eine Europameisterschaft gespielt und viel Erfahrung gesammelt hat. Der große Kern der Mannschaft besteht aus Spielern, die 2006 gespielt haben. Ein paar junge Spieler sind nachgekommen: Mesut Özil ist ein Riesentalent, es macht Spaß, ihn zuzuschauen. Auch Thomas Müller oder Toni Kroos. Jetzt liegt es an ihnen, sie müssen sich diesen Moment greifen und sagen: "Wir wollen das Ding!"
teleschau: Wie verbrachten Sie die letzten Monate in Kalifornien?
Klinsmann: Es war ein relativ normaler Übergang nach der Zeit beim FC Bayern wieder mehr ins Privatleben. Außerdem wartete die Arbeit in meiner kleinen Consultingfirma, wir machen nach wie vor einige Projekte im Fußballgeschäft in den USA. Ich nahm an Fortbildungen teil ... Aber das Wichtigste ist das Familienleben. Amerika ist ja nicht so ein fußballverrücktes Land. Das heißt für uns, wir können ein ganz normales, anonymes Leben leben, wie jeder andere auch, was uns in Deutschland nicht möglich ist. Ein schönes Lebensgefühl!
teleschau: Mussten Sie die Lust am Fußball erst wieder auftanken?
Klinsmann: Nein, die habe ich immer, die ist in mir drin.
teleschau: Also fielen Sie nach der Bayern-Zeit nicht in ein Loch?
Klinsmann: Nein. Ich sehe jeden Lebensmoment als Erfahrung, als eine Fortbildung, die man durchläuft. Und gerade im Fußball gibt es so viel zu lernen - auch aus anderen Sportarten. Ich konnte mir nun wieder die Zeit nehmen, mich in neue Themen zu stürzen, mich mit Trainern und Experten aus anderen Sportarten zusammensetzen, mich über Trends in Sportwissenschaft, Psychologie und Leadership informieren. Alles Sachen, von denen du profitieren kannst, wenn du dann wieder aktiv im Fußballgeschäft tätig bist.
teleschau: Wie wollen Sie Ihre Experten-Tätigkeit angehen?
Klinsmann: Eigentlich will ich gar nicht der Experte sein. Jedenfalls nicht der, der sagt, was überall falsch gemacht wurde. Ich sehe mich als jemand, der ein Spiel mit seinen eigenen Augen verfolgt und seine Gedanken dazu rüberbringt. Es geht darum, ein Spiel zu lesen, zu analysieren und vor allem mit anderen, die das Spiel auch gesehen haben, zu diskutieren. Das ist doch das Spannende an der Sache: Jeder liest das Spiel komplett anders. Ich muss mich nicht als Experte profilieren, sondern ich will den Zuschauern von RTL einen bestmöglichen Service bieten. Dewegen hätte ich auch kein Problem, wenn wir ein deutsches Spiel übertragen würden.
teleschau: Was ist für Sie das Besondere an dieser WM?
Klinsmann: Die faszinierende Frage wird sein: Was macht Afrika aus diesem Ereignis? Wie kommt der Kontinent rüber? Die haben ja alle Heimspiele, so fühlen die Leute das: auch Nigeria, Kamerun, Ghana, Elfenbeinküste ... Die sind unheimlich stolz. Keiner von uns kann derzeit beurteilen, wie die Sicherheitsvorkehrungen sein werden, das können nur die, die sie machen. Ich mache mir eigentlich gar keinen Kopf. Ich war schon drei-, viermal in Südafrika. Einmal auch alleine, 1993 vier Wochen auf Tour durch Südafrika und Namibia, ich war auch in Townships - und hatte nie Probleme.
Frank Rauscher
Die RTL-"Viererkette" (von links): Günther Jauch, Jürgen Klopp, Jürgen Klinsmann und Florian König. (RTL / Stefan Gregorowius)
"Man ist Fan, man drückt die Daumen, man fiebert mit": Jürgen Klinsmann freut sich auf seinen RTL-Job in Südafrika. (teleschau / F. Rauscher)
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