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Eric Burdon

Der alte Mann und der Blues

Sänger Eric Burdon

(tsch) Im wenigen Monaten vollendet Animals-Sänger und Rocklegende Eric Burdon sein 65. Lebensjahr. Wer in diesem Alter noch nicht an die Rente denkt, was unter vitalen und von Drogen gereinigten Altrockern zunehmend unpopulär wird, wirft gerne einen prüfend-melancholischen Blick zurück. Dorthin, wo die alten Wurzeln im Lebenssand stecken. Diese liegen beim Engländer, den man in den 60-ern als beste weiße Bluesstimme bezeichnete, natürlich im alten amerikanischen Süden begraben. "Soul Of A Man" heißt Eric Burdons neues Album mit Bluesklassikern und anderen Songs, die ebenfalls die schwüle Luft des Mississippi-Deltas atmen.

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teleschau: Ihr neues Album ist voll mit alten Bluessongs. War es schwer für einen Mann wie Sie, der sich sein ganzes Leben mit dem Blues beschäftigte, die richtigen Stücke auszuwählen?

Eric Burdon: Schwer war es nicht. Ich brauchte nur etwas Zeit, um Stücke zu finden, die ich zum einen aufnehmen wollte und die außerdem noch nicht so ausgelutscht waren. Ich wollte Songs singen, die nicht allzu bekannt sind. Wer es mit dem Blues zu tun bekommt, hört oft nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Gesamtangebot. Meistens sind es die Gitarristen aus den 30er- und 40er-Jahren. Für mich ist Blues ein viel weiter zu fassender Begriff.

teleschau: Welche Seite des Blues wollten Sie herausarbeiten?

Burdon: Bevor ich mit der Arbeit an dieser Platte begann, hatte ich mich gerade von meiner alten Band getrennt. Ich tourte mit dem Schlagzeuger Pete York, früher bei der Spencer Davies Group, und einem jungen österreichischen Pianisten, Christoph Steinbach. Wir reisten ein bisschen durch Griechenland und die Tschechische Republik und spielten in Clubs. Das Ganze war eine Art Experiment mit Stimme, Klavier und Schlagzeug. Die Stücke, die ich sang, waren Nummern, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich war gespannt, wie die Leute darauf reagieren würden. Man kann diese Musik ja schon fast als prähistorisch bezeichnen. Das Publikum kennt diese Songs in der Regel nicht. Ich jedoch habe diese Nummern seit meiner Kindheit im Kopf. Das auf CD zu transferieren, war eine reizvolle Aufgabe.

teleschau: Wie nahe stehen Sie dem Blues heute?

Burdon: Als das Album in meinem Kopf herumspukte, warf ich einen Blick auf meine Webseite. Mehr als nur ein paar Leute fragten mich da, wann ich denn endlich mal ein Bluesalbum aufnehmen würde. Da sagte ich mir: "Einmal im Leben kannst du tun, was die Leute von dir erwarten." Mein Produzent Tony Braunagel ist ein alter Blueshase. Er gewann Preise für Alben mit Leuten wie Taj Mahal oder Bonnie Raitt. Er kannte also viele gute Musiker, die das Genre aus dem Effeff beherrschen. Wir beide teilten uns dann die Arbeit. Ich hatte die Aufgabe, nach neuem Material zu suchen. Vor allem von jungen Songwritern, die mir über die Jahre ihre Lieder geschickt hatten. Tony wühlte sich durch die Geschichtsbücher und kramte Songs aus, die 50 Jahre oder mehr auf dem Buckel hatten. Und mit ein paar kleinen Textänderungen konnten wir einige dieser alten Stücke sogar in topaktuelle Songs verwandeln.

teleschau: Können Sie ein Beispiel nennen?

Burdon: Tony, mein Produzent, entdeckte den Song "Red Cross Store". Mississippi Frank McDowell schrieb ihn in den späten 20-ern. Ich wollte den Song unbedingt machen, wusste aber nicht warum. Etwa einen Monat nach Fertigstellung des Albums geschah das Katrina-Desaster in New Orleans. Auf einmal sah ich ständig das Zeichen des Roten Kreuzes im Fernsehen, auf den Bildern aus dem überschwemmten New Orleans. Kurze Zeit später wurden die Leute im Krisengebiet sauer: Wo blieb die Hilfe, wo war das Rote Kreuz? Ich will jetzt nicht die Arbeit solcher Hilfsorganisationen in Frage stellen. Doch auf einmal verstand ich die Bedeutung des Songs "Red Cross Store". Wo immer das Rote Kreuz auftaucht, gibt es großes menschliches Leid. Sie sind überall, wo Kriege stattfinden. Sie sind dort, wo Hunger herrscht. Oder sie sollten es zumindest sein. Das Symbol des Roten Kreuzes ist letztlich ein Teil der Kriegsmaschinerie. Plötzlich war mir klar, was der Songwriter mit dem Song sagen wollte: Das letzte, was ich in meinem Leben sehen möchte, ist das Rote Kreuz. Ich will dort nicht mehr hin! Der Text handelt auch vom Missmanagement und der Korruption innerhalb solcher Hilfsorganisationen.

teleschau: Lassen Sie uns ein bisschen über die Musik auf dem Album sprechen. Die meisten Menschen verbinden mit Blues eine eher intime, melancholische Musik. Ihre Platte ist jedoch ziemlich rockig und kraftstrotzend. War das so geplant?

Burdon: Nein, das entwickelte sich in diese Richtung. Mein letztes Album "My Secret Life" habe ich in etwa mit denselben Musikern eingespielt. Diese Typen sind alle sehr vertraut mit dem Blues, weil sie damit aufgewachsen sind. Wenn man diese Kerle mit einem Bluesalbum beauftragt, ist es so als würde man einen Hebel umlegen und die Männer wieder in kleine Jungs zurückverwandeln. Als würde man einen Fußball in einen schmuddeligen Hinterhof werfen. Alle schreien "yeah", und jeder will den Ball haben. Diese Platte hat den Jungs einfach eine Menge Spaß gemacht, sie haben etwas rausgelassen. Schauen Sie sich mein letztes Album an: Dieselben Musiker, derselbe Sänger und Produzent - aber der Sound ist viel zurückhaltender und konservativer. Diese Platte ist wie ein Ozean in einem Sturm, der die Wellen nach oben peitscht.

teleschau: Hört sich an, als hätten Sie das Album ziemlich spontan aufgenommen und schnell im Kasten gehabt ...

Burdon: Ja, wir nahmen alles in einer Woche auf - viel schneller geht's nicht.

teleschau: Vor zwei Jahren haben Sie ihre zweite Autobiografie veröffentlicht. Die erste stammt aus dem Jahr 1986. Ist das neue Buch der zweite Teil Ihres Lebens, oder sehen Sie Ihr gesamtes Leben heute einfach anders?

Burdon: Ein bisschen von beidem. Im Mittelpunkt meines neuen Buches steht jedoch eine Geschichte: der Tod von Jimi Hendrix. Ich recherchierte sehr viel und kam danach zu einem anderen Schluss, warum er so früh sterben musste. Ich war dabei, als Jimi Hendrix ums Leben kam - deshalb wurde ich in die Sache hineingezogen. Ich war lange Zeit überzeugt davon, dass Jimi Hendrix sich selbst tötete. Dass er einfach die Schnauze voll hatte, weil man ihn derart kontrollieren und einengen wollte. Ich war damals in derselben Situation, und hatte mit denselben Leuten zu tun. Ich warnte Jimi immer wieder, dass genau das passieren würde, wenn er nicht endlich aufwacht. Das Problem war jedoch, dass man ihn nicht mehr erreichen konnte. Er stand auf einem sehr hohen Sockel. Die Leute verehrten ihn. Es gab eine Dokumentation mit dem Titel "Hendrix, der Mann, den sie Gott nennen". Sie nannten ihn den "schwarzen Elvis" - all diese Übertreibungen. Ein Jahr bevor dieser Kult begann, war er noch eines von vielen schwarzen Gesichtern, die in New York zu überleben versuchten. Ich konnte spüren, dass etwas Tragisches in der Luft lag. Vor allem deshalb wollte ich dieses zweite Buch schreiben. Ich wollte meine alte Einschätzung korrigieren, das war der Ausgangspunkt für das Buch.

teleschau: Sie sagen, dass Sie heute anders auf die 60-er zurückblicken. Inwiefern hat sich der Blick auf Ihre eigene Biografie verändert?

Burdon: Wir alle müssen uns mit dem Thema Zeit auseinander setzen. Ob wir es wollen oder nicht. Ich versuchte die meiste Zeit meines Lebens, das Vergehen der Zeit zu ignorieren.In meinen alten Interviews erzählte ich immer, dass die Zeit mit den Animals die schönste Zeit meines Lebens war. In Wahrheit ist das falsch! Als ich noch alleine war, genoss ich viel mehr Freiheit. Die Zeit vor den Animals war eigentlich viel besser. Ich hatte mehr Möglichkeiten. Ich studierte Kunst an einem sehr liberalen College. Dort konntest du machen, was du wolltest. Wir hatten lange Sommerferien, ich hatte so viel Zeit. Zeit, um einen Job anzunehmen und in kurzer Zeit für damalige Verhältnisse eine Menge Geld zu verdienen. Ich konnte nach London fahren, was nicht weit entfernt lag, oder nach Paris. An all diese Dinge erinnere ich mich heute wieder.

teleschau: Ist es wahr, dass sie an Ihrem berühmtesten Song "The House Of The Rising Sun" keine Tantiemen verdienen?

Burdon: Das ist richtig. Nun, wie konnte das passieren? Der Songs ist ja zunächst mal ein Traditional und ich habe sehr intensive Recherchen dazu betrieben. Wahrscheinlich ist der Ursprung ein englisches Volkslied oder sogar ein Kirchenlied, das sich über die Zeit verändert hat und mit den Immigranten nach Amerika kam. Bei einem Traditional erhält der Arrangeur der Aufnahme die Rechte an den Tantiemen.

teleschau: Sind Sie verbittert, dass Sie an dem Song kein Geld verdienen?

Burdon: Vielleicht ein bisschen verbittert und gleichzeitig verzückt (lacht). Natürlich ist es schön, Geld zu haben. Aber es ist nicht alles. Was mich wirklich ärgert, ist, dass ich vor einiger Zeit den Animals-Drummer Alan Price, der den Song arrangierte, kontaktierte, um ihn zu fragen, ob wir den alten Streit nicht beilegen wollen. Ich selbst habe schon lange meinen Frieden damit gemacht. Anlass war der Versuch, die verbliebenen Mitglieder der Animals für ein Benefizkonzert zusammenzutrommeln, das den Opfern von Hurrikan Katrina zu Gute kommen sollte. Schließlich schulden wir alle New Orleans eine Menge. Wir sollten dieser Stadt helfen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben. Doch Alan Price antwortete nicht einmal.

Eric Leimann


Der alte Mann des Bluesrock ist zurück: Eric Burdon.
Der alte Mann des Bluesrock ist zurück: Eric Burdon. (SPV)

Auf "Soul of A Man" singt Eric Burdon alte Blues-Klassiker - die zum Teil erschreckend aktuell sind.
Auf "Soul of A Man" singt Eric Burdon alte Blues-Klassiker - die zum Teil erschreckend aktuell sind. (SPV)

An "Houe Of The Rising Sun" verdient Eric Burdon keinen Cent.
An "Houe Of The Rising Sun" verdient Eric Burdon keinen Cent. (SPV)

Datum: 11.02.2006

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