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Depeche Mode

"Schmerz und Leid in verschiedenen Tempi"

Band Depeche Mode

(tsch) Am 16. Juni verlautbarten die britischen Pop-Ikonen bei ihrer Düsseldorfer Pressekonferenz die Einzelheiten der kommenden Deutschland-Tour im Rahmen ihres neuen Albums. Was sie nicht verrieten: "Playing The Angel" ist das dunkelste und geheimnisvollste Album in der 25-jährigen Band-Geschichte von Depeche Mode geworden. Im Interview spricht Sänger Dave Gahan über Schmerz, Leid, Motivation und seine neue Rolle als gleichberechtigtes Band-Mitglied.

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teleschau: Schon im Vorfeld kursierte das Gerücht, das Album werde den Untertitel "Schmerz und Leid in verschiedenen Tempi" tragen ...

Dave Gahan: Das war tatsächlich der ursprüngliche Titel der Platte! Während der ersten Aufnahmesession, die wir in Santa Barbara machten, kam ein Manager unserer Plattenfirma vorbei, wollte wissen, ob wir schon einen Titel hätten. Hatten wir natürlich nicht. Ich hab' dann gescherzt: 'Es geht wie üblich um Schmerz und Leid'. Und der Typ ergänzte: "Vermutlich in verschiedenen Tempi". Das steht jetzt auf der Rückseite des Albums.

teleschau: Die Songs wirken düster, melancholisch, fast klaustrophobisch. Warum?

Gahan: Dies ist vermutlich unser dunkelstes Album, aber der Himmel öffnet sich immer wieder, um ein paar Sonnenstrahlen hindurch zu lassen. Das Positive: Es ist eine stabile, robuste, funktionierende Platte. Wenn du sie von Anfang bis Ende durchhörst, durchlebst du eine Menge melancholischer Momente, aber es gibt immer dieses Grundgefühl der Hoffnung und die Möglichkeit des Glücks. Was im Grunde nichts anderes als ein Spiegelbild des realen Lebens ist.

teleschau: Du hast erstmals eigene Songs für ein Depeche-Mode-Album beigesteuert. Was hast Du Dir von der Seele geschrieben?

Gahan: Zum Beispiel, dass ich noch immer nicht Gefühle zulassen kann. Es gibt diese Seite in mir, die ein wenig seltsam ist. Ich könnte nie einen Song über den euphorischen Beginn einer Beziehung schreiben, wo alles toll und rosarot ist. Solche Liebeslieder sind so lahm. Ich schreibe lieber darüber wie sich eine Beziehung verändert. Wie sie sich entwickelt, wenn es wirklich spannend wird ...

teleschau: ... oder endet. Ein Song über Schmerz und Tragik wäre passend für Dich.

Gahan: (lacht) Könnte stimmen. Aber ein Ende ist auch immer ein Anfang von etwas Neuem. Okay, ich habe keine Angst mehr vor neuen Anfängen.

teleschau: Zum Beispiel als Songwriter bei Depeche Mode. Wie müssen wir uns Euren ersten gemeinsamen kreativen Prozess vorstellen?

Gahan: Wir saßen in London zusammen und spielten uns gegenseitig unsere Songs vor. Ich stellte Martin fünf Ideen vor, er hatte vier. Wie immer, nachdem Martin seine Songs vorgestellt hatte, war ich extrem aufgeregt, weil sie so gut waren. Ich machte meine Lieder ein bisschen runter, weil ich unsicher war. Aber dann dachte ich mir: Eigentlich ist es das aber nicht, was ich wirklich denke. Ich hatte mich diesen Songs wirklich hingegeben und liebte sie wirklich.

teleschau: Nachdem Du "Paper Monster" veröffentlicht hast und Martin "Counterfeit 2", war es danach schwierig für Euch, wieder zusammenzufinden?

Gahan: Es war überhaupt kein Problem. Martin und ich wussten, dass wir eine Platte zusammen aufnehmen wollten. Wir hatten sozusagen noch was zu erledigen. Das endgültige, letzte Album von Depeche Mode ist noch nicht aufgenommen.

teleschau: Erinnerst Du Dich, wie Martin reagiert hat, nachdem er Deine Songs zum ersten Mal gehört hatte?

Gahan: Ich denke, sein knapper Kommentar war (verstellt die Stimme): "Die sind gut. Gefällt mir." Warum auch immer: Martin hat Probleme damit, einem anderen Mensch ein Kompliment zu machen. Und egal, was ich ihn fragen würde, er würde mir sowieso nicht wirklich sagen, was er denkt. Das ist nicht okay. Aber es wäre mein Fehler, ihn nicht zu fragen, denn du musst den anderen um seine Meinung bitten, selbst wenn er unfähig ist, darauf zu antworten. Das ist eben Martin.

teleschau: War er eifersüchtig, dass Du jetzt mit Songs wie "I Want It All", "Suffer Well" und "Nothing Impossible" zum ersten Mal als Komponist auftrittst?

Gahan: Nicht wirklich. Er hat es allerdings auch nicht so locker genommen, wie er tat. Dazu kommt, dass er und ich diesmal aus ziemlich unterschiedlichen Perspektiven schrieben. Meine Songs drehten sich um das stetige Ringen in deinem Leben und deiner Beziehung und der Suche nach Trost. Ich habe heute erkannt, wie destruktiv ich in einer Beziehung sein kann und wie ich sie permanent sabotiere. Was im Grunde dann gar nicht so anders als das war, was Martin zu der Zeit fühlte. Er durchlitt nach der Trennung von seiner Frau puren Schmerz. Inzwischen geht es im besser, er ist heute schon viel besser drauf.

teleschau: Das Witzige ist: Deine Stücke klingen, als hättest Du schon immer für Depeche Mode geschrieben.

Gahan: Nun, ich hatte über die Jahre hinweg einen wirklich guten Lehrer! (lacht) Was ich von Martin gelernt habe: Manchmal reicht eine kleine Phrase, ein Reim, um dich zu berühren. John Lennon war ein Meister darin. Seine Doppeldeutigkeiten, seine Interpretationsmöglichkeiten sind wirklich groß. Wenn du dich in dieser Form mitteilen kannst, ob über Euphorie oder Schmerz - das ist die höchste Form.

teleschau: Ihr arbeitet derzeit mit Anton Corbijn am visuellen Konzept Eurer Shows. Kannst Du schon etwas verraten?

Gahan: Leider nicht viel. Er hat sein Konzept gerade erst fertig gestellt, und ich kann es kaum erwarten seine Vorschläge zu sehen. Es geht in erster Linie um die Einbindung von Filmen, was sich direkt auf die Bühne beziehen wird, auf Arbeiten, die Anton in der Vergangenheit mit uns gemacht hat. Die Bühne wird ziemlich Sci-Fi-mäßig aussehen, das kann ich sagen. Und es wird mein Job sein, ihr ein bisschen Menschlichkeit zu verleihen.

Stefan Woldach


"Playing The Angel" zeigt Depeche Mode dunkler, aber weniger sperrig als zuletzt.
"Playing The Angel" zeigt Depeche Mode dunkler, aber weniger sperrig als zuletzt. (Mute / Anton Corbijn)

Ein kreativer Prozess: Erstmals steuerten sowohl Martin Gore als auch Dave Gahan Songs zu einem Depeche-Mode-Album bei.
Ein kreativer Prozess: Erstmals steuerten sowohl Martin Gore als auch Dave Gahan Songs zu einem Depeche-Mode-Album bei. (Mute / Anton Corbijn)

Ein Bild aus den Anfangstagen: Vom Synthpop der 80-er haben sich Depeche Mode freilich längst entfernt.
Ein Bild aus den Anfangstagen: Vom Synthpop der 80-er haben sich Depeche Mode freilich längst entfernt. (Mute / Anton Corbijn)

Datum: 18.10.2005

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