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Skin

Kein Bock aufs fette Tonstudio

Sängerin Skin

(tsch) Wenn Anthropologen irgendwann mal ein Portfolio des Sounds der 90-er erstellen, wird sicherlich auch ein Musikbeispiel von Skunk Anansie im Fokus der Wissenschaftler stehen. Schließlich überführte die britische Band um die charismatische Sängerin Skin das Erbe des Crossover in studiotechnisch hochgezüchteten Modern Rock. Zwischen 1994 und 2001 verkauften Skunk Anansie Alben wie geschnitten Brot. Danach fanden die Mitglieder, man habe genug erreicht, und die Band löste sich auf. Nach dem kontemplativen Skin-Solodebüt "Fleshwounds" kehrt der spindeldünne Gesangsvulkan nun mit einem kompromisslosen Rocker zurück. Für ihr überraschend geradliniges Zweitwerk "Fake Chemical State" tat sie sich mit Strokes-Produzent Gordon Raphael zusammen.

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teleschau: Skunk Anansie, das war ebenfalls energetische Rockmusik mit harten Gitarren. Trotzdem hört sich Dein neuer Stil ganz anders an ...

Skin: Mein erstes Album "Fleshwounds" war ein sehr sanftes Album, nicht energetisch, keineswegs Hardrock. Eine ganz klassische Songwriterplatte. Ich wollte etwas ganz anderes machen als bei Skunk Anansie. Und während ich das getan habe, merkte ich, was ich am besten kann. Skunk Anansie war der Sound von vier Menschen, die zusammen einen ganz eigenen Stil hatten. Mein Soloalbum nun hat einen viel kleineren Klang. Es klingt schmutziger, es ist ein Garagenalbum. Es ist Punk. Natürlich gibt es auch ein paar sanfte Songs, denn die gehörten schon immer zu mir. Wenn Skunk Anansie Rock waren, bin ich nun Indierock - das klingt eher so ein bisschen nach White Stripes.

teleschau: Du wolltest also mit diesem Album etwas ganz Neues probieren?

Skin: Die Platte ist entstanden, als ich "Fleshwounds" promotete. In dieser Zeit entwickelte ich einen eigenen Skin-Sound, das musste einfach sein. Ich lernte in jener Zeit viel über Gitarren. Welche Gitarren ich mag, welche Verstärker. Bei Skunk Anansie kümmerte ich mich um all das nicht. Da dachte ich nur über die Melodien nach, der Gitarrist erledigte seinen Teil selbst. Bei dieser Band bin ich von Anfang an involviert: der Kauf einer Gitarre, die Tests, Verstärker, Effektgeräte. Dadurch bin ich auch selbst eine viel bessere Gitarristin geworden.

teleschau: Bei Skunk Anansie warst Du also nur die Sängerin?

Skin: So kann man das auch nicht sagen, denn ich kontrollierte alles, was mit der Band zu tun hatte. Ich hatte schon den Überblick. Aber ich kümmerte mich nicht um den Bass oder Schlagzeugsound, das haben die Musiker selbst getan. Ich schrieb die Songs, zusammen mit anderen Leuten, mit der Band. Also kann man sagen, ich war so ein bisschen der Regisseur der Band - aber ich musste keine Geräte anfassen (lacht). Das hat sich geändert, jetzt mache ich alles selbst.

teleschau: Hattest Du auch im Studio eine andere Arbeitsweise?

Skin: Ich bin nun der Solokünstler. Ich muss alles selbst überwachen und entscheiden. Ich muss die Band überblicken und gleichzeitig unter ihr durchsehen (lacht). Das ist vielleicht die größte Neuerung. Ich mache nun Platten, wie ich es will. Für jedes Skunk-Anansie-Album und für "Fleshwounds" war ich vier Monate lang im Studio. Das will ich nicht mehr machen. Ich nehme lieber ein paar Songs in einem kurzen Zeitraum auf. Ich habe einfach kein Verlangen mehr danach, so viel Zeit in einem fetten Tonstudio abzuhängen. Das ist für meine Art von Musik nicht notwendig.

teleschau: Für Dein neues Album hast Du mit dem Produzenten der ersten beiden Strokes-Platten, Gordon Raphael, zusammengearbeitet ...

Skin: Nachdem ich die ganze Vorproduktion des Albums selbst übernommen hatte, wollte ich nicht, dass jemand ins Spiel kommt, der mir genau sagt, was ich tun sollte. Ich brauchte jemanden, dem meine Sachen gefallen und der mir lediglich dabei hilft, zum Beispiel einen besseren Schlagzeugsound hinzukriegen. Es gab ja bereits Demos, eine Band, die geprobt hatte. Das war alles klar. Gordon Raphael sorgte dafür, dass alles in einer sehr lockeren und angenehmen Arbeitsatmosphäre aufgenommen wurde. Wir mussten uns nur darüber Gedanken machen, unseren Part exakt zu spielen. Es gibt ja auch Produzenten, die arbeiten zwei Jahre an einer Bassdrum oder einem Snaresound. So jemanden wollte ich auf keinen Fall. Lieber jemanden, der fix am Start ist. Und natürlich ist er einer, der es versteht, alles ganz toll klingen zu lassen.

teleschau: Skunk Anansie lösten sich 2001 auf. Was hast Du seitdem getan?

Skin: Ich habe erst einmal viel geschlafen. Dann schrieb ich "Fleshwounds" und ging viel ins Fitnessstudio. Ich hörte mir Musik an und entspannte mich. Ich konzentrierte mich darauf, ein vollständiges Leben wiederzubekommen. Das hatte ich jahrelang nicht. Ich tat also viele ganz normale Sachen, die andere Leute auch jeden Tag tun. Und ich schrieb eben die erste Platte, die immerhin mehr als 400.000 Stück verkaufte. In vielen Ländern wie England, Italien oder Portugal lief das Album sehr gut, wenn auch nicht in Deutschland.

teleschau: Stimmt es, dass Du auch einen Wohnsitz auf Ibiza hast und dort oft als DJ arbeitest?

Skin: Ja, meine beste Freundin lebt dort, und sie sagte immer zu mir: "Hey, warum kommst Du nicht nach Ibiza und arbeitest hier ein bisschen als DJ?" Das habe ich dann einfach getan. An einem Wochenende entschieden, am darauf folgenden war ich dort. Ibiza macht Spaß, du hast das Beste beider Welten: einen wunderbar sonnigen Ort mit schönem Strandleben. Wenn ich Party machen will oder mir eine Band anschauen möchte, dann ist das auch kein Problem. Sie haben das Beste dort, was die Welt zu bieten hat. Coole englische Bands wie die Kaiser Chiefs oder Babyshambles habe ich auf Ibiza gesehen. Man kann sich zumindest einmal die Woche dort einen guten Gig anschauen.

teleschau: Was für eine Art Musik spielst Du bei deinen DJ-Auftritten?

Skin: Das ist ganz unterschiedlich. Ich bin äußerst verwöhnt, weil ich nur an Orten auftrete, die ich mir selbst ausgesucht habe. Ich spiele nur für Leute, die ich mag. DJ-ing hat für mich nichts mit Geldverdienen zu tun, das ist nur Spaß. In London kenne ich eine Freundin, die einen Club hat. Wenn sie dort arbeitet, übernehme ich manchmal den Rock-Dancefloor. Auf Ibiza gibt es einen Sonntagnachmittag-Club. Dort spiele ich dann Sachen wie Earth, Wind & Fire. Dann lege ich Platten zu Hause auf, einfach nur für Freunde. Und zuletzt gibt es noch eine kleine Bar in der Altstadt auf Ibiza, da spiele ich ab und zu Reggae und Indie, ganz verschiedene Sachen.

teleschau: Deine Stimme ist sehr charakteristisch. Wie hast Du sie entdeckt und entwickelt?

Skin: Die Leute erzählten mir schon sehr lange, dass ich singen könnte. Aber es hat lange gedauert, bis ich es selbst erkannte. Ich verstand nie, was das Besondere an meiner Stimme sein soll. Das geht wohl vielen Sängern so. Ich dachte schon, dass ich anders als andere klinge, aber nicht anders genug. Ich wollte nicht klingen wie die typische schwarze Sängerin. Das ist mir auf "Fake Chemical State" übrigens besser gelungen als auf jedem Album zuvor. Aber ich habe meine Stimme wirklich nie analysiert. Sie ist einfach da.

teleschau: Wann hast Du mit dem Singen begonnen?

Skin: Ich sang immer zu meinem Walkman, als ich die Uni besuchte. Der Gitarrist meiner späteren Band sagte schließlich: "Warum trittst Du nicht in meine Band ein, Du kannst das gut!" Ein Jahr lang redete er auf mich ein, dann tat ich es einfach. Danach blickte ich nie mehr zurück.

Eric Leimann


Auf "Fake Chemical State" arbeitet Skin reduzierter als zuletzt.
Auf "Fake Chemical State" arbeitet Skin reduzierter als zuletzt. (V2)

Skin, früher Sängerin von Skunk Anansie, veröffentlicht ihr zweites Solo-Album.
Skin, früher Sängerin von Skunk Anansie, veröffentlicht ihr zweites Solo-Album. (V2)

Datum: 08.03.2006

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