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3° kälter

3° kälter

(tsch) Auf einmal ist man gezwungen, Bilanz zu ziehen. Der Auslöser mag klein sein, und doch verwandelt er das Leben in eine Frage. So formuliert Florian Hoffmeister die Überschrift für sein Kinodebüt "3° kälter". Er stellt den Alltag den Träumen gegenüber und schickt die Generation um die 30 dahin, wo's weh tut. Denn es ist Zeit, sich offen und ehrlich miteinander und mit sich selbst auseinander zu setzen, statt sich weiter in der sich ausbreitenden Banalität zu verlieren.

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Genau diese zelebriert er zunächst: Steini (Alexander Beyer) und Jenny (Meret Becker) ziehen endlich zusammen, obwohl er sie permanent betrügt. Sie weint am Abend des Umzugs, findet es schrecklich, dass er so tut, als wäre mit der Frau gestern nichts gewesen. Er sagt nur: "Ich liebe dich." Marie (Bibiana Beglau) und ihr Mann Frank (Johann von Bülow) haben die Kisten geschleppt. Sie kann nachts trotzdem nicht schlafen, denkt an Jan (Sebastian Blomberg), ihren Ex-Freund, der vor fünf Jahren einfach verschwunden ist. Ausgebrochen aus der Gleichförmigkeit, mutig oder feige?

Jan kommt zurück - und Florian Hoffmeister, bisher bekannt als versierter Kameramann von bekannten Produktionen wie "Liegen lernen", ist dabei, wie der verlorene Sohn das Leben der anderen durcheinander bringt. Die Befindlichkeitsstudie beginnt bei den Eltern, geht über die Freunde bis zum melodramatischen Wiedersehen mit Marie. Hoffmeister ist ambitioniert, jede Begegnung unterliegt einem genauen Aufbau, ist komponiert. Keiner steht zufällig an dem Platz, an dem ihn die Kamera von Busso von Müller wahrnimmt.

Konzentrierte, manchmal gestelzte Dialoge dokumentieren das Wiedersehen. So sagt die Mutter zu ihrem Sohn: "Ich hatte ganz vergessen, wie gut du aussiehst." Und scheint gerade deswegen ihren Jan besonders fest in die Arme zu schließen.

Marie verliert natürlich just zu dem Zeitpunkt, als ihre große Liebe wieder auftaucht, ihren Ehering, während Steini gerade rechtzeitig informiert, dass sie "so verschlossen" wirkt, "ganz anders als früher". Für Hoffmeister, der in wunderbaren Umschreibungen für seinen Film schwelgt, die aber trotz atmosphärischer Dichte erst zum Schluss sichtbar werden, ist es wichtig, nicht alles auszusprechen. Der Zuschauer möge mehr fühlen denn hören. Doch er bekommt so viel zu hören, zum Beispiel erklärt Jan seinem Kontrahenten, dass er mitgekommen wäre, wenn sie ihn damals gefunden hätten. Der Zuschauer weiß, dass Frank Jan gesehen, aber geschwiegen hat. In der Anfangssequenz kehrte er zurück zu Marie und Steini und log, dass seine Suche erfolglos war: "Wieder nichts."

Ein Jahr später eroberte er Maries gebrochenes Herz, sodass man das ganze Drama darauf reduzieren kann, dass die Beziehung, die von der Lüge lebt, mit der ersten Wahrheit stirbt. Dabei geht es darum gar nicht. Auch Hoffmeisters Ansatz, über Gründe zu gehen und Gründe zu bleiben, nachzudenken, rückt in den Hintergrund. "3° kälter" beschränkt sich auf Entscheidungen, die man fällt und die, die man meidet, und nebenbei philosophiert er ein wenig über Schuld und Sühne.

Während Blombergs Figur zum Epizentrum wird und auf positive Art rätselhaft bleibt, nimmt die unterkühlte Beglau dem Film die Spannung. Jede unbeschwerte Szene mit ihr scheitert. Ihr Unglück in ihrer Beziehung mit Frank schreit zum Himmel. Immer wieder schweigen sich Menschen an, um dann beispielsweise beim Tanz emotional zu explodieren. Das ist weniger innovativ als vielleicht angenommen.

So schadet der starke Symbolismus mehr als er nützt. Im Bemühen, einen hochwertigen Film zu machen, erstarrt der Regisseur oftmals in Plattitüden und erarbeitet sein interessantes Thema ungewollt immer wieder mit dem Holzhammer. Was aber nichts daran ändert, dass er nachdenklich stimmt und vielleicht manchem das Gefühl gibt, es sei plötzlich drei Grad kälter.

Claudia Nitsche

Credits:
V:blue eyes, D 2005, R: Florian Hoffmeister, D: Bibiana Beglau, Sebastian Blomberg, Meret Becker u.a.

Laufzeit: 104 Min.

Kinostart:
16.03.2006


Jan (Sebastian Blomberg) ist einfach mal so verschwunden.
Jan (Sebastian Blomberg) ist einfach mal so verschwunden. (blue eyes)

Als Jan (Sebastian Blomberg) nach fünf Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrt, sorgt er für Aufregung.
Als Jan (Sebastian Blomberg) nach fünf Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrt, sorgt er für Aufregung. (blue eyes)

Marie (Bibiana Beglau) und Jan (Sebastian Blomberg) kommen nicht voneinander los.
Marie (Bibiana Beglau) und Jan (Sebastian Blomberg) kommen nicht voneinander los. (blue eyes)

Datum: 12.03.2006

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Diskussion: "3° kälter"

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