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Die Wolke
Die Wolke(tsch) Generationen von Schülern kennen die Geschichte auswendig: Wie das Atomkraftwerk nahe Schweinfurt einen Super-GAU erleidet, wie plötzlich die Idylle im sommerlichen Hessen gestört wird von einer Massenflucht vor einer Gefahr, die niemand kommen sah. Deutschland wird verstrahlt. Und doch gibt es Hoffnung. Gudrun Pausewangs Jugendbuch-Klassiker "Die Wolke" wurde endlich verfilmt - und zwar von einem jungen Regisseur, der selbst nicht mit seiner Meinung über die Energiepolitik in Deutschland hinter dem Berg hält. Gregor Schnitzler verurteilt politische Forderungen, die Atomkraft nicht wie geplant zum Auslaufmodell in Deutschland zu erklären, sondern weiterhin zu nutzen. So versteht sich der spannende Familienfilm durchaus als Speerspitze im Kampf der Anti-AKW-Bewegung, die lange keine Aufmerksamkeit mehr in der Öffentlichkeit bekommen hat. Anzeige Pausewangs Erzählung erschien 1988, zwei Jahre nach dem verheerenden Unglück von Tschernobyl, als Familien bei Fahrradtouren den schönen Sommertag genossen, bevor ein Platzregen die radioaktive Strahlung in Boden und Körper trieb - auch in Deutschland. Die Sensibilität bezüglich des AKW-Themas steckte noch Jahre nach diesem Schreckmoment in den Knochen der Europäer, was sicherlich auch zum Erfolg des Buches beitrug. Darin schildert Pausewang in einfacher Sprache und ohne Effekthascherei ein Schreckensszenario, wie es sich in Deutschland ereignen könnte, sollte es in einem hiesigen Atomkraftwerk einen größt anzunehmenden Unfall geben. Hannah (eindrucksvoll: Paula Kalenberg) verliebt sich in der Stunde des Unglücks in den Einzelgänger Elmar (authentisch zurückhaltend: Franz Dinda), der Streber und Revoluzzer in einem zu sein scheint. Gemeinsam erleben sie, wie Unglaube über Vernunft zu triumphieren scheint, als die Warnsirenen zu jaulen beginnen: Niemand will den Schrecken wahrhaben. Viele reagieren viel zu spät. Doch die Wege der beiden Verliebten trennen sich allzu früh. Der erste Kuss ist gerade erlebt, schon muss Hannah ihren kleinen Bruder holen, gegen die Unsicherheit ankämpfen, ob sie nun lieber im Haus bleiben sollen oder flüchten, wie alle anderen. Es beginnt eine Flucht mit dem Fahrrad, zehrende Kilometer weit durch die schwüle Sommerluft, die am Vormittag noch so schön am See genossen wurde. Es ist eine Odyssee, die die Augen öffnet vor der Hilflosigkeit einer ignoranten Gesellschaft, welche die Vorzüge billigen Stroms zu schätzen weiß, ohne sich über Gefahren Gedanken zu machen. Ein Katastrophenplan existiert zwar, doch viele tausend Menschen werden sich selbst und dem Tod überlassen. Im Falle des Falles gilt: Jeder ist sich selbst der nächste. Schnitzler zeigt das Grauen ohne Filter, indem er die Wehrlosigkeit der Unschuldigen vor der herannahenden "Wolke" in fast schon ruhigen, gelassenen Einstellungen zeigt. Ob es nun der heillos überfüllte Regionalbahnhof ist oder das Auto, das über Getreidefelder fährt, weil Straßen gesperrt oder schlichtweg verstopft sind. Am Ende gibt es freilich einen Funken Hoffnung, obwohl die Geschichte kaum Erbauliches bereithält. Hannah wird verstrahlt nach Hamburg gebracht und fristet dort ihre scheinbar letzten Tage im Notlazarett. Ihre ehemals beste Freundin, die rechtzeitig entkam, möchte mit ihr nichts mehr zu tun haben. Doch Elmar kann sie ausfindig machen, rebelliert gegen seine Eltern, die Gesellschaft, die Vernunft und lässt sich selbst einweisen. Dass - gerade unter jungen Leuten - nicht Egoismus und Ignoranz in der Stunde des Überlebenskampfes die Oberhand bekommen, sondern Liebe und Mitmenschlichkeit obsiegen, ist nicht kitschig, sondern der einzige Hoffnungsschimmer, den ein solches Schreckensszenario bieten kann. Leif Kramp |
Credits: Laufzeit: 105 Min. Kinostart:16.03.2006 |
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