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Ben Becker, deutscher Schauspieler

Jemand, der die Menschen liebt ...

Schauspieler Ben Becker

(tsch) Ben Becker, das ist zunächst einmal der Adoptivsohn von Otto Sander und der Bruder von Meret Becker. Doch Ben Becker ist freilich viel mehr als das Produkt mannigfaltiger künstlerischer Einflüsse. Mit seiner markant-sonoren Stimme, schauspielerischer Disziplin und Lust am Anspruchsvollen hat er sich nicht nur im Kino einen ganz eigenen Namen gemacht. Becker singt auch und spricht: Hörbücher zum Beispiel. Sein neuester Film verbindet seine Lust am Spiel mit der Stimme mit der an der eigenen Leinwandpräsenz. In der Verfilmung des Charles-Lewinsky-Buches "Ein ganz gewöhnlicher Jude" (Bundesstart: 19.01.) schöpft Becker das Potenzial seiner verbalen Darstellungskraft voll aus und zeigt, dass eine Rolle für ihn mehr sein kann als ein Job. Er spielt Goldfarb, einen deutschen Juden der Nachkriegsgeneration, ein Ein-Personen-Stück. Im Interview spricht der 41-Jährige über die eigene Religiosität, den Umgang mit Antisemitismus und über Kunst, die einlädt, sich daran zu reiben.

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teleschau: Wie haben Sie sich dieser Rolle genähert?

Ben Becker: Vor allen Dingen mutig und mit wenig Angst. Aber die bleibt natürlich nicht ganz aus. Ich habe mich einfach darauf eingelassen. Das musste ich ja auch. Ich wusste aber von Anfang an, dass es schwierig sein würde. Man klettert ja auch nicht mir nichts dir nichts auf einen Berggipfel. Man muss schon beißen können bei so etwas.

teleschau: Bei nur 15 Drehtagen brauchten Sie sicherlich viel Vorbereitungszeit.

Becker: Darüber hätte ich mich gefreut. Nur war ich mit meiner Band auf Tour, und dann kam es sehr schnell zu den Drehterminen, die freilich nicht nach hinten zu schieben waren. Letztendlich hatte ich nicht ganz zehn Tage Zeit, um 82 Seiten auswendig zu lernen. Da musste ich jeden Tag vier bis fünf Stunden büffeln. Anders geht es nicht. Das kann man sich vorstellen wie Gedichte auswendig zu lernen. Irgendwann sagt der Kopf: Jetzt ist Schluss.

teleschau: Dann kamen Sie erst kurz vor dem Dreh auf Ideen zur Umsetzung des Texts?

Becker: Allein den Text zu kennen, reicht tatsächlich nicht. Der ist ja nur Mittel zum Zweck. Wenn ich Klempner bin, kann ich auch nicht ohne Wasser- und Pumpzange zur Arbeit kommen. Schließlich warteten 35 Leute am Set auf mich. Da musste ich mit dem Text jonglieren können. Während des Drehs war das vorrangig Kopfarbeit: Wie bewältige ich den Charakter? Wie gut verstehe ich den Sinn des Textes? Da habe ich sehr viel Unterstützung von Oliver Hirschbiegel, dem Regisseur, erfahren. Aber ich habe mich auch mit dem Autor der Buchvorlage, Charles Lewinsky, zusammengesetzt und im Vorfeld lange Gespräche geführt. Das gehörte alles zur Vorbereitung. Schließlich war ja nicht von Anfang an klar, dass wir alle gut miteinander auskommen können, eine Grundbedingung, die ich an ein Projekt stelle, bei dem man sich so intensiv miteinander auseinander setzt.

teleschau: Wie viel Möglichkeit gab es für Sie zu improvisieren?

Becker: Ich ging mit Oliver immer wieder das Buch durch, um herauszufinden, wie Goldfarb in den einzelnen Momenten wirklich reagiert. Improvisation gehört nicht in einen Film, bei dem ein Text mit jedem Punkt und Komma eins zu eins umgesetzt wird. Es passierten aber dennoch einige Änderungen: Mal ein längerer Blick aus dem Fenster oder dass wir eine Szene, in der sich Goldfarb die Zähne putzen sollte, gestrichen haben, weil es unserer Meinung einfach nicht mehr in die Dramaturgie passte. In einem anderen Moment sollte Goldfarb zusammenbrechen. Doch kam dieser Zusammenbruch in diesem Moment nicht, und ich wollte ihn auch nicht künstlich herstellen. Dafür geschah es zwei Filmminuten später, obwohl wir das nicht erwartet hätten. Wir wurden also auch von uns selbst überrascht.

teleschau: Wie gläubig sind Sie selbst?

Becker: Ich fühle mich nicht gläubig im Sinne von religiös, bin auch nicht getauft. Ich gehe nicht regelmäßig zu Gottesdiensten. Ich ging aber durchaus schon mal allein in die Kirche und ließ die Ruhe und die ganze Atmosphäre auf mich einwirken. Manchmal gibt es auch bei jedem Menschen eine Art von Glauben, wenn man in einer Notsituation an seinen ganz persönlichen Engel appelliert, dass er helfen soll. Aber ich würde nicht zum Weltjugendtag nach Köln reisen, nur um Herrn Ratzinger zuzujubeln. Ich bin also eher auf spirituelle, emotionale Weise gläubig.

teleschau: War diese Distanz zu jeglicher Religion ein Vorteil für Sie, um sich an die religiöse Thematik heranzutasten?

Becker: Das würde ich nicht sagen. Ich ging einfach mit großem Interesse und Ehrgeiz an ein Thema heran, mit dem ich mich vorher nicht auseinander gesetzt hatte. Von meiner Mutter her bin ich ja Jude, aber nicht so erzogen. Ich wusste vorher auch nicht genau, wie eine Synagoge von innen aussieht, welche jüdischen Feiertage es gibt oder wie die Juden morgens ihre Gebetsriemen anlegen.

teleschau: Hat Sie der Film also verändert?

Becker: Die Geschichte hat mir viel gegeben. Ich habe viel dazugelernt, aber nicht nur, was das Wissen über das Judentum angeht, sondern auch, dass ich mich der Religion nun auch emotional sehr viel näher fühle.

teleschau: Ist der Film mit seinen 90 Minuten für den Zuschauer ein Schnellkurs in Sachen Religion?

Becker: Mit Verlaub: Ein Schnellkurs ist der Film auf keinen Fall, auch wenn viele Informationen über jüdisches Brauchtum vermittelt werden. Egal, ob einem der Film gefällt oder nicht: Keiner wird das Kino verlassen, ohne sich seine Gedanken zu machen. Es findet eine Auseinandersetzung statt. Das ist für mich das Bemerkenswerteste. Wenn ich mir ein Bild anschaue und mit den Achseln zucke, weil es zwar schön ist, aber mich nicht nachdenklich macht, dann ist das eine Art von Kunst, die mich nicht interessiert. Kunst, an der ich auf die ein oder andere Art beteiligt bin, soll dazu reizen oder manchmal sogar dazu zwingen, sich mit ihr auseinander zu setzen, sich auch daran zu reiben.

teleschau: Inwiefern kann man sich an dem Film reiben?

Becker: Der Film vermittelt natürlich auch sehr viel geballtes Wissen über das Judentum. Aber wer damit nicht zurechtkommt oder manches nicht versteht, soll ihn sich einfach noch mal anschauen oder im Nachhinein in Büchern nachschlagen. Wer nicht anfängt nachzudenken, interessiert mich nicht. Jede Form des Nachdenkens ist eine Form von Reibung.

teleschau: Denken Sie, die Situation der deutschen Juden ist tatsächlich wie die von Goldfarb von innerer Zerrissenheit geprägt?

Becker: Ich glaube eher, dass es sehr viele Juden hier in Deutschland gibt, die ganz harmonisch und ausgeglichen daher leben. Die seelische Lage von Goldfarb hat ja auch sehr viel mit charakterspezifischen Merkmalen zu tun. Aber die Sonderstellung der deutschen Juden ist ja offensichtlich: Bei mir in Berlin sind Synagogen von Absperrgittern umgeben, und da stehen Panzerwagen herum.

teleschau: Kann man ein "ganz gewöhnlicher Jude" in Deutschland sein?

Becker: Ich denke schon, dass das dem einen oder anderen gelingt. Das sind ja nicht alles schwer depressive Menschen, die draußen herumlaufen und sich darüber beklagen, in Deutschland zu sein. Die Auseinandersetzung, die Herr Goldfarb mit sich selbst führt und seine Gedanken das erste Mal für sich selbst zu formulieren und seine Position zu finden, ist auch austauschbar. Das kann jedem so gehen, weswegen man sich auch so gut mit ihm identifizieren kann.

teleschau: Wie schädlich ist der Philosemitismus?

Becker: Das ist eine Frage, die ich anders beantworten möchte: Die wahre Gefahr ist der Antisemitismus, jede Form von Ausgrenzung oder Hass gegenüber Menschen, die auf irgendeine Art und Weise anders sind. Das ist ein großes Übel, das es leider immer noch in einer wahnsinnigen Vehemenz gibt. Mir tut das sehr Leid, weil ich jemand bin, der Menschen liebt und dem egal ist, ob jemand schwarz oder gelb ist oder ein zu kurzes Bein hat.

teleschau: Wird der Kampf gegen Antisemitismus Ihrer Meinung nach vehement genug verfolgt?

Becker: Ich kann mir vorstellen, dass die Juden in Deutschland auch nicht Lust haben, sich ständig im Kampf zu befinden gegen den Antisemitismus. Die haben sicherlich auch mal den Spaß, einfach ihre Ruhe zu haben, sich in normalen Verhältnissen zu wähnen, wonach Goldfarb im Film ja auch eigentlich sucht.

teleschau: Wobei nicht schlüssig gezeigt wird, ob er findet, was er sucht.

Becker: Das weiß ich auch nicht. Das wäre dann die Fortsetzung. Vielleicht müsste man mal Charles Lewinsky fragen, ob er ein zweites Buch darüber schreiben möchte. Aber daran glaube ich eigentlich nicht. Das eigentlich Spannende ist die Spekulation darüber, was er den Schulkindern am Ende erzählen könnte. Das sorgt im Zuschauer für eine lange Suche nach eben dieser Antwort. Es gibt nämlich keine. Das macht alles so interessant.

teleschau: Sie denken, es gibt keinen Königsweg?

Becker: Es gibt keine Lösung im Spannungsverhältnis zwischen der notwendigen Vergangenheitsbewältigung mit den Gräueln der Nationalsozialisten und der angestrebten gelebten Normalität. Es kann nur eine Auseinandersetzung mit diesen Fragen geben. Die findet ja auch nicht ständig statt. Natürlich ist Goldfarb manchmal aufbrausend und regt sich auf über die verschiedensten Dinge, doch dann geht er sich ganz ruhig einen Liter Milch kaufen, ohne diese Probleme durchzukauen. Manchmal fühlt man sich eben schlecht, hinterfragt alles, und manchmal sind wir fröhlich und es gibt nichts, was uns ärgern könnte. Sonst müsste ich mich ja sofort erschießen, wenn ich abends in den Nachrichten wieder einmal sehe, wie viele tausend Kinder täglich verhungern.

teleschau: Kann ein Film mehr bewirken, als kurz nachdenklich zu machen?

Becker: Die Welt wird der Film nicht verändern. Aber man sollte den Versuch nie aufgeben, die Welt mithilfe der Kunst zu verändern. Ich bin einfach kein Pessimist, sondern finde es wichtig zu versuchen - um mit Van Gogh zu sprechen -, das richtige Gelb zu finden.

teleschau: Gibt es für Sie ein ideales Publikum?

Becker: Ich würde es zwar gerne sehen, wenn sich auch Kinder den Film anschauen. Aber ich denke da nicht an eine spezielle Altersgruppe. Ich würde mich freuen, wenn neben dem 16-jährigen Zuschauer ein Paar in den hohen 80-ern sitzt und alle gleichermaßen angeregt werden. Aber natürlich weiß ich auch, dass ein 15-Jähriger, der sich ständig Songs von 50 Cent auf sein I-Pod herunterlädt, nicht gleich begeistert sein wird. Das ist natürlich schade, aber nicht zu ändern. Doch es bleibt ein Versuch.

teleschau: Sind Sie jetzt auf den Geschmack gekommen, was Kammerspiele angeht, oder sagen Sie: Jetzt lasse ich erst einmal die Finger davon?

Becker: Gerade habe ich für das ZDF wieder einen kammerspielartigen Film gedreht, in dem ich Martin Luther spiele. Das war von der Machart ähnlich, aber für mich eine vollkommen andere Herausforderung und Erfahrung - obwohl ich mich auch hier wieder mit einer religiösen Thematik beschäftigt habe. Das ist das Tolle an der Schauspielerei: Ich kann mich immer wieder komplett neu erfinden.

teleschau: Wie schwer fiel es Ihnen aber, ohne Gegenspieler zu agieren?

Becker: Einen imaginären Kollegen hatte ich zumindest nicht. Ich habe eher mit der Kaffeemaschine interagiert. Gesprochen hat sie zwar nicht, war aber ein zuverlässiger Kollege. Zusätzlich hatte ich ja noch mein Diktaphon. Festgehalten habe ich mich aber tatsächlich am Inhalt, also dem, was Herr Goldfarb denkt, formulieren zu müssen. Der ist ja sehr konzentriert bei dem, was er macht, und damit gleicht er mir als Schauspieler natürlich sehr. Denn ich war beim Dreh freilich auch die pure Konzentration. Insofern wurde Goldfarb ein bisschen mehr Becker und ich ein bisschen mehr Goldfarb. Ich weiß nicht, ob er ein guter Freund geworden ist oder ob ich mit ihm abends um die Häuser ziehen würde. Aber ich habe ihn schon recht lieb gewonnen. Solch eine Rolle lässt sich nicht einfach ablegen wie ein Overall. Das ganze Filmteam saß im Laufe der Dreharbeiten oft in Goldfarbs Küche zusammen und köpfte eine Flasche Wein, um den Tag ausklingen zu lassen. Das hat mir sehr geholfen.

Leif Kramp


Ben Becker spielt spielt Emanuel Goldfarb, einen deutschen Juden der Nachkriegsgeneration.
Ben Becker spielt spielt Emanuel Goldfarb, einen deutschen Juden der Nachkriegsgeneration. (Multimedia / Joe Fish)

"Die Welt wird der Film nicht verändern. Aber man sollte den Versuch nie aufgeben, die Welt mithilfe der Kunst zu verändern." - Ben Becker.
"Die Welt wird der Film nicht verändern. Aber man sollte den Versuch nie aufgeben, die Welt mithilfe der Kunst zu verändern." - Ben Becker. (Multimedia / Joe Fish)

Ben Becker (links) führte zahlreiche Gespräch mit dem Regisseur Oliver Hirschbiegel.
Ben Becker (links) führte zahlreiche Gespräch mit dem Regisseur Oliver Hirschbiegel. (Multimedia / Joe Fish)

Datum: 11.03.2006

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Artikel ID 164578

 
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