Das Leben der Anderen
Das Leben der Anderen(tsch) Mit der DDR lief das im Kino bisher so: In den ersten Jahren nach der Wende - als der Zorn noch tief saß - wurde sie düster, kalt und völlig freudlos dargestellt. Später, als der Zorn verblasste und von der bundesrepublikanischen Wirklichkeit eingeholt wurde, kamen ostalgisch verklärte Rückblicke in Mode. Mit der Wirklichkeit hatte das alles nichts zu tun. Erst jetzt beschäftigen sich deutsche Filmemacher ernsthaft und differenziert mit der real existierenden Vergangenheit. Nach Dominik Graf ("Der Rote Kakadu", 2005) beendet nun auch Florian Henckel von Donnersmarck mit seinem großartigen Spielfilmdebüt "Das Leben der Anderen" (2005) die Schwarz-Weiß-Malerei. Anzeige Der in Köln geborene Regisseur lässt die Menschen Menschen sein. Und davon gibt es nun einmal gute und schlechte. Es gibt Künstler, Spitzel, Arbeiter, Nichtsnutze, Bonzen, Karrieristen und Menschen, die sich Fragen stellen. Manchmal sehr spät, aber sie stellen sie und erkennen, dass Veränderungen nicht immer Bedrohungen sind. Sie sind das größte Pfund, mit dem Henckel von Donnersmarck wuchern kann. Er entlarvt das System, ohne die Menschen darin für seine Botschaft zu instrumentalisieren. Das ist ein Ansatz, der lange gefehlt hat. Bisher waren all die IMs, Dissidenten, Genossen und Bürgerrechtler im Kino vor allem Träger der Botschaften der Autoren - wie auf einer Maiparade durften sie lediglich ihre Parolen hochhalten und auf Befehl jubeln. In "Das Leben der Anderen" hingegen sind sie Individuen, die sich entwickeln. Der Film ist vor allem das Drama eines kleinen Mannes, der in einem System groß geworden ist und nicht anders kann, als daran zu glauben. Es ist eine Geschichte, die in jedem totalitären System hätte spielen können, aber nun mal in Ostberlin, im Orwell-Jahr 1984 beginnt. Die Überwachung des Einzelnen kann hier total sein und heißt dann Operativer Vorgang, im verstümmelten Stasisprech OV. Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) ist eigentlich kaum noch im operativen Geschäft tätig. Der Ausbilder und Verhörspezialist ist trotzdem immer im Dienst, ein Stasi-Mann, der seinen Beruf liebt, der daran glaubt, den eine innere Überzeugung treibt. Und er ist eine perfekte Maschine - kalt, berechnend, emotionslos. Für ihn zählt das Ergebnis. Wiesler ist dabei als Mensch integer, auch wenn genau das bei einem Stasi-Mitarbeiter schwer zu glauben ist. Seine Intelligenz und Überzeugung machen ihn zu einem guten Mitarbeiter, während sein Studienfreund und Vorgesetzter Anton Grubitz (Ulrich Tukur) ein karrieregeiler Dummkopf ist. Diese Art Menschen ist wirklich gefährlich, vor allem wenn sie nach oben buckeln: Weil ein Minister auf die Schauspielerin Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck) scharf ist, ordnet Grubitz die totale Überwachung ihres Freundes an. Dabei war der Dramatiker Georg Dreyman (Sebastian Koch) bei der SED-Führung bislang beliebt: unkritisch, unpolitisch, mittelmäßig begabt. Der beste Mann muss ran: verwanzen, Nachbarn einschüchtern, abhören. Das geht alles schnell und professionell und Wiesler sitzt fortan sehr oft unterm Dach des Künstlerhauses, umringt von seinen Apparaturen: einsam auf seinem Abhörposten, interessiert, akribisch. Oben die Dunkelheit, die Technik, die Leere - unten das Leben, die Liebe, die Kunst. Doch Dreyman und Sieland haben nichts zu verbergen. Sie sind unschuldig, und Wiesler erkennt die Fehler des Systems, in dem Menschen nicht als Individuen zählen sondern als generelle Bedrohung der Macht gelten oder persönlichen Interessen im Weg stehen. Seine Akribie weicht nach und nach einem Interesse am Leben der Anderen. Wiesler nimmt daran Teil und entdeckt seine Emotionen wieder. Er will das Paar beschützen, greift in die fremden Leben ein, fälscht Protokolle und wagt den geheimen Widerstand. Aber nicht nur Gerd Wiesler verändert sich. Auch Dreymann gibt seine unpolitische Haltung auf und bezieht Stellung. Diese Veränderungen spitzt Florian Henckel von Donnersmarck mit Originalität und dem Mut zu großen Emotionen zu. Der Stasimann als Beschützer des Systemkritikers - das ist nicht nur rührend, sondern sogar glaubhaft. "Das Leben der Anderen" ist keine generelle Abrechnung oder hat den Anspruch, allgemeingültig zu sein. Es ist eine Geschichte, eine von tausend Geschichten, die sich täglich in einem Land mit 17 Millionen Einwohnern ereignen. Sie ist gut recherchiert, wenn auch nicht ganz klischeefrei, und beschönigt nichts. Die Stasi war ein sehr düsterer, bedrohlicher Machtapparat. Und "Das Leben der Anderen" zeigt das System, so wie es war: Menschen verachtend und zerstörerisch. Aber der Film zeigt auch die Menschen, die in diesem System leben. Und das sind gute Menschen und schlechte Menschen. Aber es sind Menschen mit Persönlichkeit, Menschen mit Gewissenskonflikten und der Fähigkeit, sich zu ändern - wie Georg Wiesler. Und das macht den Film zur bisher besten Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte. Andreas Fischer |
Credits: Laufzeit: 137 Min. |
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