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Queensryche

Notizen zur amerikanischen Gesellschaft

Band Queensryche

(tsch) Komplett von der Bildfläche verschwunden waren Queensryche nie. Dass die US-Rocker einen solchen Trubel wie in diesen Tagen verursachen, ist allerdings ebenso ungewöhnlich wie der Grund für die gesteigerte Aufmerksamkeit: Er nennt sich "Operation: Mindcrime II". Klar gab es davon auch eine "I", eine, die in keiner ewigen Hardrockchartliste fehlen darf. Wäre es ein Film, der Untertitel "Die Legende lebt" ließe sich prächtig integrieren. Bequem ist's, in dem großen Raum eines Kölner Hotels, in welchem Geoff Tate an einem kalten Januartag bereitwillig Auskunft gibt. Über den wohl unbequemsten Job, den der Sänger und seine Queensryche sich hätten an Land ziehen können: die Fortsetzung zu einem Konzeptalbum zu schreiben, dessen Einfluss bis heute spürbar ist.

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"Ich habe schon seit einer geraumen Zeit daran gedacht", gesteht der Frontmann. "Die Geschichte des ersten Teils besaß ein offenes Ende, Nikki landet im Gefängnis. Nun ist es so, dass ich gelegentlich an Charakterskizzen arbeite, also Charaktere für Geschichten entwickle. Und ich merkte, dass ich immer mehr zu dem Fall Nikki hingezogen wurde. Was macht er? Über was denkt er nach?" Das fragten sich viele, die nach "Eyes Of A Stranger", dem Abschlusstrack des ersten Teils, alleine gelassen wurden. Es gab jedoch noch einen anderen Grund, der den in Deutschland geborenen Sänger dazu veranlasste, die Herausforderung anzunehmen: "Die soziale Struktur in Amerika ist momentan eine ähnliche wie damals, als der erste Teil erschien. Die Wirtschaft ist in einer sehr schlechten Situation. Menschen ohne Arbeit und ohne Gesundheitsversorgung. Und was den Charakter Nikki anbelangt, so konnte ich auch der Tatsache nicht widerstehen, dass zu dem Zeitpunkt, als Nikki ins Gefängnis kommt, George Bush an der Macht ist, und zu dem Zeitpunkt, als Nikki aus dem Gefängnis kommt, George Bush an der Macht ist." Sagt es und betont die Überraschung, welche den Protagonisten der Geschichte bei seiner Freilassung ergriffen haben mag.

Aber egal, "I'm American" dröhnt es zu Beginn von "Operation: Mindcrime II". "Uns wurde gelehrt, dass Amerika der beste Platz auf Erden ist. Die meisten Amerikaner bekommen nicht die Chance, oder nehmen die Chance nicht wahr, außerhalb von Amerika zu reisen, um zu sehen, dass die Welt auch ohne sie funktioniert. Um zu sehen, dass andere Lebensweisen, andere Wertvorstellungen, andere Länder seit Hunderten oder manchmal Tausenden von Jahren mit ihrer bestimmten Kultur verbunden sind. Es ist verdammt arrogant, zu denken, dass wir alle Antworten besitzen. Davon handelt der Song." Deutliche Worte.

Nun also ist er draußen, der von der Gesellschaft ausgespiene Junkie, den Dr. X, der Machtmensch, zum Tötungswerkzeug verstümmelt hat. Nachdem Mary, sein einziger Anker in all dem Unheil, selbst ein Mordopfer wurde, sieht er schwarz. Sein Problem: Nikki kann nicht an die Liebe glauben, aber in seiner Welt ist die Liebe das Einzige, an das es sich zu glauben lohnt. "Das ist korrekt, absolut", kommt die Bestätigung von Tate. "Das ist sein Dilemma. Und er realisiert dies erst am Ende der Platte. Nikki begreift nicht, was er an Mary hat, bis er sie nicht mehr hat. Es mag für einige Leute kitschig klingen, aber ich glaube fest daran, dass das Wichtigste im Leben im Aufbau einer Beziehung zu einer anderen Person besteht. Liebe ist die einfachste, eleganteste und bedeutendste Sache, nach der ich Ausschau halten und streben kann. Ohne sie kannst du nicht wachsen, dich nicht verändern, nicht besser werden."

Nicht nur textlich bewegt sich "Operation: Mindcrime II" auf mehreren Ebenen. Im Unterschied zum ersten Teil ist dieses Mal auch musikalisch ein breites Feld beackert worden. "Wir versuchten, das musikalische Umfeld so zu gestalten, dass es neben 'Operation: Mindcrime' existieren kann. Sodass der Hörer ein ähnliches musikalisches Umfeld vorfindet. Wohlgemerkt, nicht dasselbe, weil dazwischen 18 Jahre liegen. Aber es gibt Ähnlichkeiten zwischen den beiden, und die sind beabsichtigt. Wir haben Motive aus dem ersten Teil aufgegriffen, wir haben die Gitarren gleich gestimmt, wir haben uns einen Haufen Aufnahme-Equipment gekauft, dass wir beim ersten Teil benutzt hatten." Jedoch: "Was wir nicht wollten, ist es eindimensional zu gestalten.", umspannt der 47-jährige die Zielvorgabe. "Wenn du dir den ersten Teil anhörst, merkst du, dass wir damals beispielsweise denselben Snare-Sound auf der gesamten Platte benutzt haben, und nur zwei Gitarrensounds, einen cleanen und verzerrten. Das wollten wir diesmal nicht haben. Wir wollten diesmal jeden Song sehr groß klingen lassen, mit vielen verschiedenen Sounds. Das ist ein modernere Herangehensweise."

Das führt zur Abschlussfrage: Konzeptalben mit realitätsnaher Geschichte, musikalische Weitwinkelfunktionen, Blicke über den Tellerrand - sieht Geoff Tate Queensryche als eine Heavy-Metal-Band? "Tue ich das?" Er schaut kurz aus dem Fenster, doch die Frage ist rhetorischer Natur, die Antwort deutlich: "Nein, das tue ich nicht. Zu der Zeit, als ich aufwuchs und Musik hörte, wurde Musik nicht so kategorisiert. Alle machten einfach Rock. Meine Generation lernte, in dieser Beziehung aufgeschlossen zu sein. Verschiedene Arten von Musik zu akzeptieren und sich für sie zu interessieren. Seit, na ich schätze mal den späten Achtzigern bis frühen Neunzigern, hat es die Bewegung gegeben, all diese Musik in Kategorien zu zerstückeln, wahrscheinlich aus verkaufstechnischen Gründen. Ich sehe mich nicht als Teil eines dieser kleinen Häufchen."

Alexander Diehl


Heavy Metal? Nein, mehr als das. Die Rock-Veteranen Queensryche.
Heavy Metal? Nein, mehr als das. Die Rock-Veteranen Queensryche. (Warner)

Mit "Operation Mindcrime II" setzen Queensryche eine Legende fort.
Mit "Operation Mindcrime II" setzen Queensryche eine Legende fort. (Warner)

18 Jahre ließen Queensryche ins Land streichen, um den Nachfolger von "Operation Mindcrime" zu präsentieren.
18 Jahre ließen Queensryche ins Land streichen, um den Nachfolger von "Operation Mindcrime" zu präsentieren. (Warner)

Datum: 23.03.2006

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Diskussion: "Queensryche"

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