Ben Harper, amerikanischer Musiker
"Musik ist aufrichtiger als Politik"Songwriter Ben Harper (tsch) Eine große Zeitung bezeichnete ihn mal treffend als "unsichtbaren Superstar". Ben Harper, Mittdreißiger aus Los Angeles, verkaufte mehr als zehn Millionen Alben. Das Ganze ohne die von Marketing-Strategen geplante Medien-Penetration. Er hatte keinen Sack Hit-Singles und schon gar nichts mit Trendmusik zu tun. Seit seinem Debüt 1993 spielt der Sohn eines Musikalienhändlers einfach seinen Stiefel, und der heißt: nur das Beste der amerikanischen Graswurzel. Harper liebt Blues, Gospel, Folk. Alten Funk und Rock'n'Roll aus den Siebzigern. Besondere Stärken? Seine beseelten Balladen, so sagt man. Nun hat der spirituell veranlagte Singer / Songwriter das Doppelalbum "Both Sides Of The Gun" aufgenommen. Seine Vorlieben hat er dort erstmals auf zwei Scheiben verteilt. Ein Album mit furiosem Voodoo-Rock, das andere mit herzzerreißenden, schönen Balladen. Anzeige teleschau: Vor dem Rockalbum "Both Sides Of The Gun" hast Du ein Album mit der Gospelgruppe Blind Boys of Alabama aufgenommen. Wie passt da zusammen? Ben Harper: Es gibt eine ganz klare Beziehung zwischen den beiden Alben. Sie sind beide stilistisch sehr eindeutig. Früher waren meine Platten ziemlich eklektisch. Von den Blind Boys habe ich gelernt, dass Eindeutigkeit auch eine Stärke sein kann. Diese Erkenntnis habe ich auf dieses Doppelalbum übertragen. Es besteht aus einer härteren und einer sanften Platte. teleschau: Sind stilistisch eindeutige Alben die besseren? Harper: Nein, nicht unbedingt. Eine klare Stimmung und Atmosphäre macht noch keine gute Platte. Die Songs sind wichtiger. Trotzdem kann die Stimmung natürlich eine Qualität des Albums sein. teleschau: Behandeln die schnelle und die langsame Platte unterschiedliche Themen? Harper: Vielleicht ist das so, aber ich werde nichts über die Texte sagen. Ich mag es nicht, daraus zu zitieren. Es gibt ein Booklet, da kann man alles nachlesen. teleschau: Was kommt bei Dir zuerst: Text oder Musik? Harper: Kann man nicht sagen. Wir sind nicht in der Schule, Mann. Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden. Texte klingen wie Melodien für mich. Höre ich Melodien, dann kann das ein sehr lyrisches Erlebnis sein. teleschau: Das heißt: Oft kommt beides gleichzeitig zu Dir? Harper: Songs können auf jede erdenkliche Art entstehen. Manchmal sitze ich da mit meiner Gitarre, und alles passiert gleichzeitig. Dann gibt es die Situation, wo ich mit Papier und Stift alleine bin. Oder ich höre Musik, und plötzlich ist der Text da. teleschau: Welchen Sound hast Du Dir für Deine neue Platte gewünscht? Harper: Ich hatte mich in ein Studio verliebt, das in Silver Lake nahe Los Angeles liegt. Es heißt "Boat Studio" und gehört den Dust Brothers. Ein recht bekanntes Studio, das wie ein Schiff gebaut ist. Beck und die Beastie Boys haben dort schon aufgenommen. Ich lud also meine Instrumente in einen Laster und fuhr hin. Normalerweise packe ich immer viel zu viel ein, aber diesmal habe ich mich auf das Wesentliche beschränkt. Das Album ist hochgradig improvisiert, es gab keine Vorproduktion, ich habe viele Instrumente selbst gespielt. Die meisten Songs waren jedoch schon vorher fertig. Alle Songs auf dem Album wurden nur einmal gespielt. Oh nein, "Get Around The Stone" wurde zweimal aufgenommen, aber wir haben die erste Version aufgehoben. teleschau: War das ein Konzept? Harper: Nein, es hat einfach so funktioniert. Ich wollte, dass es ein aufrichtiges, raues Album wird. Auch das habe ich von den Blind Boys gelernt, es einfach aus mir rauszuholen und nicht viel darüber nachzudenken. Ich war nervös, dass es keine Demos gab. Aber ich konnte die Platte in meinem Kopf hören. teleschau: Die schnelle Platte erinnert an die Jahre um 1970 herum, vor allem an die Voodoo-Phase der Rolling Stones. Harper: Ich würde sagen, dass ist eine faire Beurteilung. Diese Zeit hat mich stark beeinflusst. Meine Lieblingsplatten stammen fast alle aus dieser Phase. teleschau: Das Stück "Black Rain" hast Du noch schnell im Studio geschrieben. Unter dem Eindruck der Flutkatastrophe von New Orleans ... Harper: Ja, der Song hat sich sozusagen selbst geschrieben. Ich habe ohne Filter aufgeschrieben, was ich fühlte. Ich fühlte Depression, Einsamkeit und Scham. Der Song war der einzige Ausweg für mich. teleschau: Sind Lieder wie "Black Rain" reine Selbsttherapie oder kann man etwas damit etwas bewirken? Harper: Der Song ist das Erreichte. teleschau: Die alte Frage. Wenn Du ein politischer Künstler bist, wie groß ist der Effekt Deines Songs? Harper: Das hängt davon ab, wie sehr dich Musik bewegt. Wenn dich Musik tief bewegt, kann so ein Song sehr viel verändern. Wenn nicht, spielt der Song keine Rolle. Aber unterbewusst spielen Lieder eine große Rolle in der Kultur. Was ist Musik? Sie soll unsere Unabhängigkeit zeigen. Unsere Individualität, Freiheit. Ein Soundtrack unseres Lebens, unserer Seele. Wenn du Musik hereinlässt, wird sie einen Effekt haben. teleschau: Kann man mit Musik Meinungen verändern? Harper: Ich will niemandes Meinung verändern. Ich will Musik machen, die klar und entschieden ist. Ich kenne meinen Song, und ich weiß, warum ich ihn singe. Ich weiß, was ich will, bevor ich meinen Mund öffne. Ich will in jeder Situation den Song immer so beseelt wie möglich spielen. Jedes Konzert, das ich in meinem Leben spielte, habe ich nüchtern bestritten. Ich war klar im Geist. Ein erfüllter Musiker. teleschau: Bist Du ein politischer Künstler? Harper: Nein, weil ich keine Nähe zur Politik suche. Politik sollte von Leuten für Leute gemacht werden. Aber das hat sich verändert. Heute ist Politik etwas, das Privilegierte für Privilegierte tun. Doch die Politik hinter geschlossenen Türen stirbt. Das hatten wir viel zu lange. Politik muss sich in einem sozialen Umfeld neu erfinden. Damit sie Hoffnung und Hilfe schaffen kann. Für die untere Klasse. Die obere Klasse braucht keine Politik. Reiche brauchen keine Politik. Arme, hungrige Leute aus der Arbeiterklasse, die brauchen Politik und Hilfe. teleschau: Hast Du Martin Scorseses' Bob-Dylan-Film gesehen? Wenn man die Bilder von der alten Folkbewegung sieht, denkt man, dass das Politische in der Musik damals der zentrale Punkt war. Das ist völlig verschwunden heute, oder? Harper: Ja, ich habe den Film gesehen. Aber ich denke: Musik ist besser als Politik, weil sie aufrichtig ist. Aufrichtigkeit. Das fehlt den Politikern. Alles verändert die Welt: Musik, Wissenschaft, Kunst. Medizin. Politik. Das alles ist eine kollektive Bewegung, die Veränderung ausmacht. Ich lese gerade ein Buch von Taylor Branch "Parting the Waters: America in the King Years". Ein fantastisches Buch, das zeigt, was Dr. King erreicht hat. Doch es standen ganz unterschiedliche Gruppen und Personen hinter seinem Erfolg. Es war ein Kollektiv. Auch Rosa Parks war kein Zufall. Sie wurde ausgewählt. Dass sie an jenem Tag ihren Platz im Bus nicht räumen wollte, war so abgesprochen. Doch was in New Orleans passiert ist, wirft uns zurück. Zurück in die Zeit von Feindschaft und Chaos. Zurück zu Schusswaffen und scharfen Hunden. teleschau: Gibt es eine Renaissance der sozialen Bewegungen in Amerika? Harper: Es gibt viele motivierte und inspirierte junge Leute in unserem Land, die kaufen dir keine Scheiße ab. Hast Du Seattle und die Proteste gegen den Weltwirtschaftsgipfel gesehen? Das war krass. Es ist eine aufregende Zeit, um erwachsen zu werden. teleschau: Es gibt also Hoffnung auf Besserung? Harper: Es gibt viele Gründe, um pessimistisch zu sein. Aber ich will nicht als Pessimist aufwachen. Wenn du morgens als Pessimist aufwachst, stehen die Chancen gut, dass du auch als Pessimist ins Bett gehst. Pessimistischer Schlaf schafft keine guten Träume. Eric Leimann |
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