Inside Man

Inside Man

(tsch) Ein Mann mit attraktivem Dreitagebart, schwarz glänzendem Haar und einem stets etwas ironisch, aber immer todernsten Gesichtsausdruck überfällt eine Bank, nimmt Geiseln und brüstet sich mit beängstigender Überzeugungskraft damit, das perfekte Verbrechen geplant zu haben. Das ist freilich für Kinogänger ein unterhaltsames Anliegen. Doch wenn es sich dabei um Überfälle und Geiselnahmen handelt, auch wenn es eigentlich nur (vordergründig) ums schnöde Geld geht, dann muss man schon aufpassen, mit wem man sich identifiziert. Regisseur Spike Lee hat sich des pfiffigen Drehbuchdebüts von Russell Gewirtz angenommen, in dem nichts so ist, wie es scheint. Das Geschehen in "Inside Man", so der Titel des Thrillers, spielt in New York, der vom Terror geschundenen Großstadt. Das Sinnbild für Reichtum, Verschwendung - und Lifestyle.

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Und so kommt der Obergauner daher, als wäre er direkt vom Dreh einer Parfüm-Werbung in den Overall geschlüpft um sich etwas dazuzuverdienen, nein, zu stehlen. Dafür zieht er sich eine Art Rollkragen (ohne Pullover) in luftig leicht verwebter Baumwolle über Kinn und Nase. Und weil das so trendy ist, verpasst er auch gleich seinen Mitstreitern und all den Geiseln diesen todschicken Look.

Die Verwirrung ist komplett: Wer ist böse, wer ist harmlos? In den USA läuft der Film erst einen Tag nach dem Deutschlandstart an. Vor allem in New York wird er kräftig beworben. Und das Potenzial des Geiselkrimis ist tatsächlich vor allem in der Ostküsten-Metropole enorm: (Beinahe schon) sympathische Gangster und gewissenhafte Polizisten, die auf der Suche nach einem Sinn hinter dem kriminellen Treiben sind und dabei vor allem Kopfarbeit leisten, sich untereinander ausgefeilte Rededuelle im Kampf um die geringste, vielleicht verwertbare Information liefern: Das alles passt in das Bild einer Großstadt, die sich in den vergangenen Jahren zu einer der sichersten Orte in den USA gemausert hat und doch weiß um ihre düstere Vergangenheit.

"Inside Man" ist ein Aufbäumen zweier Charakterköpfe der US-amerikanischen Filmgeschichte, die endlich einmal wieder einen Publikumserfolg verbuchen müssen, um ihren Marktwert zu erhalten. Spike Lee war nie ein Filmemacher, der für Millionengewinne und Umsatzrekorde an Startwochenenden in den Multiplexen rund um den Globus sorgte. Seine Filme waren fast ausschließlich hochpolitisch, immer gesellschaftskritisch, und stets offenbarten die meisten seiner Werke die schwierige soziale Situation der afroamerikanischen US-Bevölkerung. Mit "Inside Man" hat er sich nun nicht unbedingt dem Mainstream- und Blockbuster-Kino verschrieben, doch reicht er diesem, den Zirkusbetrieb namens Hollywood am Leben und Laufen haltenden Industriezweig, mit seinem spannungsgeladenen Thriller die Hand.

Sein Hauptdarsteller Denzel Washington spielt die Rolle des Detectives, der den Geiselnehmer unschädlich machen soll, aber freilich auf seine besonnene, intellektuelle Art. Washington arbeitete bereits mehrere Male mit Lee zusammen, hat aber seit seiner Oscar-prämierten Rolle in "Training Day" (bereits fünf Jahre ist das her) mit keinem seiner Projekte wirklich Aufsehen erregen oder Anerkennung ernten können. "Out of Time", "Man on Fire" und "Der Manchurian Kandidat" unterforderten das Talent des immer noch populärsten Afroamerikaners in Hollywood.

An der Seite von Lee bildet er nun ein Gespann, das gemeinsam wieder an Boden gutmachen möchte und dies auch furios vollbringt: Lee erweckt eben jene ruhige und doch energetische, augenzwinkernde und unerbittliche Ausstrahlung Washington wieder zum Leben, die seine wichtigsten Filme wie "Hurricane", "Training Day" oder "Malcolm X" zu Welterfolgen werden ließen. Demgegenüber stehen zwei Überflieger Hollywoods: Jodie Foster spielt eine Verhandlungsexpertin, die vom Bankenchef engagiert wird, um ganz offensichtlich ein Geheimnis zu hüten, das wichtiger zu sein scheint als alles Geld, was sich in den Tresorräumen befindet. Foster zeigt nach ihrem Comeback mit einer Nebenrolle in "Mathilde - Eine große Liebe" und ihrer gefeierten Schauspielleistung in "Flight Plan" eindrucksvoll, dass sie imstande ist, nahtlos in der A-Liga Hollywoods weiterzuspielen.

Clive Owen ist auf dem Sprung dorthin. Der 41-jährige Brite arbeitet sich seit Jahren langsam nach oben. Zuletzt war er in dem zwar etwas schematischen, aber durchweg spannenden Seitensprung-Thriller "Entgleist" zu sehen. Diesmal muss er aber nicht lieb sein, sondern darf als gewiefter Verbrecher - sympathisch und doch ein wenig abstoßend zugleich - seinen klug ausgetüftelten Plan reibungslos in die Tat umsetzen.

Angenehm ist die weitgehende Gewaltlosigkeit des Films. Während sich Bruce-Willis-Storys mit Geiselthematik (nicht nur die "Stirb Langsam"-Reihe, sondern auch sein letzter Film "Hostage") vor allem durch Blei- und Explosionsfülle auszeichnen, zeigt Spike Lee, dass es auch anders geht: Die intelligenten Wortgefechte zwischen Guten und Bösen sorgen dafür, dass der etwas über zweistündige Nervenkrimi nicht langweilig wird. Und am Ende wird der Zuschauer mit einem zumindest etwas überraschenden Finale für seine Geduld belohnt.

Leif Kramp

Credits:
V:UIP, USA 2006, R: Spike Lee, D: Jodie Foster, Denzel Washington, Clive Owen u.a.

Kinostart:
23.03.2006

Wertung
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Detective Keith Frazier (Denzel Washington) weiß noch nicht, was er von Madaline White (Jodie Foster) halten soll.
Detective Keith Frazier (Denzel Washington) weiß noch nicht, was er von Madaline White (Jodie Foster) halten soll. (2005 Universal Studios)
Keith Frazier (Denzel Washington, links) verhandelt mit Dalton Russell (Clive Owen).
Keith Frazier (Denzel Washington, links) verhandelt mit Dalton Russell (Clive Owen). (2005 Universal Studios)
Jodie Foster festigt mit "Inside Man" ihren Platz in der A-Riege Hollywoods.
Jodie Foster festigt mit "Inside Man" ihren Platz in der A-Riege Hollywoods. (2005 Universal Studios)

Datum: 27.03.2006

Diskussion: "Inside Man"

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