Ulrich Mühe

Das Leben im Kartenhaus

Schauspieler Ulrich Mühe

(tsch) Der Kunstbetrieb der DDR war als Hort "subversiver Elemente" ein bevorzugtes Arbeitsfeld des Ministeriums für Staatssicherheit. Ulrich Mühe (53) kann davon ein Lied singen. Der in Grimma bei Leipzig geborene Schauspieler arbeitete mit Heiner Müller am Berliner Ensemble und drehte in den 80er-Jahren mehrere Kino- und Fernsehfilme. Nicht nur da schaute die Stasi genau hin. Für "Das Leben der Anderen" (Kinostart: 23. März) erkundete Ulrich Mühe nun die andere Seite. Er spielt den Stasi-Offizier Georg Wiesler, der einen Theater-Autoren überwachen muss. Aus dessen Wohnung entwendet er ein Buch, um sich die Warterei zu verkürzen. Am Ende der Lektüre wird der Stasi-Mann das System, an das er glaubt, in Frage gestellt und dem Dichter das Leben gerettet haben.

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teleschau: Kann Brecht das Leben verändern?

Ulrich Mühe: Die Kunst kann das Leben verändern. Sie trägt einen subversiven Anteil in sich, der so stark ist, dass sich sogar ein hartgesottener Stasi-Offizier weichklopfen lässt. Georg Wiesler wird mit Dingen konfrontiert, die bis dahin keine Rolle in seinem Leben spielten: Musik, Literatur, Theater. Das sind Dinge, die neben seiner Ideologie keinen Platz hatten. Insofern spielt die Kunst in "Das Leben der Anderen" eine große Rolle.

teleschau: Ist es nicht eher die Einsamkeit, die ihn dazu treibt, sein Leben zu verändern?

Mühe: Nein, das glaube ich nicht. Einsam war er immer, selbst innerhalb der Stasi. Wiesler ist der Macher-Typ, der Einzelkämpfer, der nicht einmal seinen Vorgesetzten, diesen Karrieristen, mag. Wiesler ist ein Diener der Sache, er glaubt an den Sozialismus und will ihn verteidigen. Er ist eine Hülle, die bis zur Hutgrenze mit Ideologie voll gefüllt ist. Im Film ist dann im Prinzip die Menschwerdung dieser Hülle zu sehen.

teleschau: Und er wird zu einem guten Menschen ...

Mühe: Das würde ich so nicht sagen. Wiesler erlebt eine Wandlung, die er selbst nicht unter Kontrolle hat. Er gewinnt an Menschlichkeit, und das lässt die Hoffnung zu, dass er damit irgendwann eine neues Leben aufbauen kann.

teleschau: Ist diese Wandlung - sagen wir zum "besseren" Menschen - in der DDR denkbar gewesen?

Mühe: Ich bin fest davon überzeugt, dass so etwas möglich war. Warum denn nicht? In einem Land, das innerhalb weniger Wochen zusammenfällt wie ein Kartenhaus, müssen sehr viele Menschen, auch staatsnahe, innerlich schon sehr weit weg gewesen sein. Sonst hätte man die DDR mit anderen Mitteln verteidigt. Ich erinnere mich an den 1. Mai 1989: Egal, in welches Gesicht man auf der Mai-Demonstration blickte, man sah überall, dass die Leute wussten, in einer Lüge zu leben. Die roten Fahnen und die Transparente waren zwar noch da, aber jeder spürte, dass dahinter nichts mehr war.

teleschau: Aber trotzdem wurde bis zur 40-Jahr-Feier durchgehalten ...

Mühe: Unser Intendant bettelte fast, dass wir so lange still hielten. Wir standen ja auch schon lange ungeduldig da, aber die Partei und der Staat wollten mit allen Mitteln den 7. Oktober feiern. Das taten sie dann, und es war ein Gespensterball.

teleschau: Sie waren in der DDR Schauspieler, am selben Theater, in dem "Das Leben der Anderen" gedreht wurde. Hatten Sie selbst Probleme mit der Stasi?

Mühe: Ja, natürlich. Aber ich war auch einer der Privilegierten, die in den Westen durften. Ich habe 1986 mit Bernhard Wicki "Das Spinnennetz" gedreht, im Westen. Ich glaube, es gab da einen Deal mit der DDR-Führung. Wicki hatte vorher zwei Filme in der DDR gemacht und mich dann als Schauspieler angefragt. Die staatlichen Organe überlegten lange, ob man mir das gestatten sollte. Man sollte.

teleschau: Gab es viele "Privilegierte"?

Mühe: Es gab einige, aber die sprachen davon nicht untereinander. Ich erzählte im Theater nicht, dass ich jederzeit nach West-Berlin durfte, um dort ins Theater oder Kino zu gehen. Ein Stück weit war es mir peinlich, auf diese Art privilegiert zu sein.

teleschau: Waren Künstler und Intellektuelle in der DDR Einzelkämpfer?

Mühe: Überhaupt nicht. Bei uns spielte sich das Leben aber sehr intensiv in Privatwohnungen ab, weil es den öffentlichen Bereich nur in bescheidener Ausprägung gab. Man rechnete außerdem immer damit, sich nicht so frei äußern zu können, wie man es wollte. Also haben wir uns immer bei jemandem zu Hause getroffen. Je größer der Kreis, desto größer war auch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von "Horch und Guck" dabei war. Das Schöne an diesen Parties - wir sagten damals Feten - war die Verknüpfung mit anderen Künsten: Da waren Dichter, Maler, Bildhauer, Schauspieler, Musiker. Es fand ein richtiger Austausch statt. Das vermisse ich heute.

teleschau: Wie präsent ist die DDR bei Ihnen noch?

Mühe: Sie verschwindet, das ist der Lauf der Dinge, und damit habe ich kein Problem. Ich habe sehr lebhafte Erinnerungen an die Zeit vor der Wende und möchte sie nicht aus meiner Biografie gestrichen wissen. Ganz im Gegenteil, ich bin glücklich, so unterschiedliche Erfahrungen im Leben machen zu können. Die Wende kam zu einem Zeitpunkt, an dem ich mit voller Kraft noch einmal loslegen konnte. Meine Eltern hatten weniger Glück. Sie waren 17 und 18 als der Zweite Weltkrieg ausbrach, verlobten sich schnell und konnten erst 1948, als mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft kam, heiraten. Dann folgten 40 Jahre DDR und dann waren sie alt.

teleschau: Nach vielen Komödien folgt im Kino nun die ernsthafte Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit ...

Mühe: Filme wie "Goodbye Lenin!" waren wichtig. Vielleicht ist es zunächst notwendig, sich der Vergangenheit mit einer Komödie zu nähern, lachen hilft bei der Verarbeitung. Das hat den Weg für ernsthafte und emotionale Filme geebnet. Jetzt können die Menschen noch einmal genau zurückblicken, um sich wirklich von der DDR zu verabschieden. Ohne Trauer und ohne Nostalgie.

teleschau: Warum dauerte es 17 Jahre, bis die Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Thema entdeckt wurde?

Mühe: Ich habe in den letzten 15 Jahren eine Menge Drehbücher gelesen. Die meisten waren klischeebeladen, es gab zu viel Schwarz-Weiß, zu viele Karikaturen, zu viele Urteile. Es dauert einfach eine Weile, um klügere Ideen und Ansätze zu finden. Das ist aber normal. Denken sie nur einmal an die Diskussion über den Entschädigungsfond für Zwangsarbeiter der Nazi-Zeit. Es hat 50 Jahre gedauert, bis sich da etwas bewegte. Mit der DDR-Geschichte wird es ähnlich sein. Ich glaube nicht, dass das Thema mit zwei oder drei Filmen durch ist.

teleschau: Ist "Das Leben der Anderen" authentisch?

Mühe: Zunächst einmal ist eine fiktive Geschichte, das sollte jedem Zuschauer klar sein. Aber vom Gefühl her, von den Umständen her, ist der Film sehr authentisch. Darüber kann ich mir als Zeitzeuge durchaus ein Urteil erlauben.

teleschau: Die leeren Straßen fielen auf ...

Mühe: Unter uns: Das hatte etwas mit dem Budget zu tun. Das Geld hat nicht gereicht, um noch zehn Trabbis mehr hin zu stellen.

teleschau: Themawechsel: Wird es eine achte Staffel von "Der letzte Zeuge" geben?

Mühe: Mit den Dreharbeiten beginnen wir im April.

teleschau: Wie stellen Sie sich eigentlich das Ende von Dr. Kolmaar vor? Landet er irgendwann auf dem Seziertisch von Frau Dr. Sommer?

Mühe: (lacht) Wahrscheinlich ja. Doch da die Serie erfolgreich ist, sind die Begehrlichkeiten beim ZDF und der Produktionsfirma groß, möglichst viele Folgen zu produzieren. Aber wir haben zum Glück einen Autoren, der nicht so schnell ist. Das lässt mir Zeit für andere Projekte.

Andreas Fischer


Ulrich Mühe spielt den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler mit messerscharfer Präzision. Für seine Leistung wurde Mühe mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.
Ulrich Mühe spielt den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler mit messerscharfer Präzision. Für seine Leistung wurde Mühe mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. (Buena Vista)

Die Veränderung bei Hauptmann Gerd Wiesler finden ganz langsam und nur im Inneren statt: Ulrich Mühe meistert die schauspielerische Herausforderung mit eindringlichen Gesten und Blicken.
Die Veränderung bei Hauptmann Gerd Wiesler finden ganz langsam und nur im Inneren statt: Ulrich Mühe meistert die schauspielerische Herausforderung mit eindringlichen Gesten und Blicken. (Buena Vista)

Durch die Kopfhörer hört Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) keine verräterischen Wortwechsel, sondern himmlische Musik. Und die wird sein Leben verändern.
Durch die Kopfhörer hört Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) keine verräterischen Wortwechsel, sondern himmlische Musik. Und die wird sein Leben verändern. (Buena Vista)

Datum: 27.03.2006

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