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Geliebte Lügen

Geliebte Lügen

(tsch) Kommt der Hochmut vor dem Fall? Nach Julian Fellowes' Kinoerlebnis "Geliebte Lügen" muss dieser Satz neu überdacht werden. Eine Menage à trois, nach einer Romanvorlage ins Bild gerückt, bietet die geduldige Kulisse, vor der der Drehbuchautor von Robert Altmans "Gosford Park" die Verlogenheit der selbstsüchtigen britischen Oberschicht ausbreitet. Fellowes, selbst Schauspieler und für "Gosford Park" mit dem Oscar ausgezeichnet, zeigt die großen Unterschiede zwischen Theorie und Praxis, wenn es um Moral geht.

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Romantik, darüber sollte man sich von Beginn an klar sein, hat hier keinen Platz. Die Liebe ist ein knallhartes Geschäft in diesem Film, ein Gegengeschäft. Mit Gefühlsduselei verbringen weder der Jurist James Manning (Tom Wilkinson) noch seine etliche Jahre jüngere Ehefrau Anne (Emily Watson), geschweige denn der eitle Adelige William Bule (Rupert Everett) viel Zeit. Dennoch sind sie miteinander verbunden, mehr oder weniger leidenschaftlich und sehr folgenreich.

Um dies leise, aber effektvoll zu demonstrieren, betont Fellowes zunächst das gleichförmige Leben des Ehepaars, gestaltet es deutlich als Fassade, die Tom Wilkinson in der Rolle des Erzählers sogleich demontiert. Bis zum Auftauchen von diesem William Bule, weniger ein Mann, mehr in Form gegossene Dekadenz, ging Anwalt Manning großzügig mit den Schwächen seiner Frau um. Doch dieser attraktive Snob geht plötzlich in seinem Haus aus und ein und raubt ihm den Nerv. Als ein Unfall mit Fahrerflucht das dörfliche Leben durcheinander bringt und den Mann von Annes Haushälterin das Leben kostet, kristallisieren sich Geheimnisse heraus. Das Eis wird dünn.

So lange Anwalt James Manning William für den Verantwortlichen hält, gilt sein Prinzip, "das Richtige" zu tun: Er versucht Bule zu überreden, sich der Polizei zu stellen. Die Moral aufrecht zu erhalten, wird ihm bei den folgenden Verwicklungen zunehmend schwerer fallen. Rund um die Fahrerflucht entspinnen sich Geständnisse, manche führen in die Irre, manche zu neuen, schockierenden Themen. Sicher ist, seine Frau hat ihn mit Bule betrogen.

"Geliebte Lügen", die Hingabe des Titels spiegelt sich in der Linienführung wider. Das Drama bietet eine wahre Schwemme an Katastrophen und Wendungen. Mit dem nach und nach verzweifelnden Souverän, dem faszinierenden Nebenbuhler Everett und der schwer einzuschätzenden Emily Watson hat der Regisseur jedem Schauspieler eine Paraderolle zugewiesen. Der einzige, der wirklich für Recht sorgen möchte, ist Inspektor Marshall (David Harewood). Doch der steht auf verlorenem Posten.

Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, je nachdem, ob man den Menschen mag oder nicht. Den Mann, den man hasst, will man für Unrecht bestraft wissen. Doch die eigene Gattin? Da gelten andere Gesetze der Loyalität. Very british, bis in die Nebenrollen gut besetzt, schwelgt Nigel Balchins Romanverfilmung nach "Matchpoint" und "Wahre Lügen" wiederum im gerade sehr beliebten Kinothema "Lüge". Mit einer kühlen Mischung aus Contenance und Understatement kann man die Komplexität der Geheimnisse als erwachsene Charakterstudie sehen. Das legt auch die exzellente Besetzung nahe.

Doch die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Seiten gewechselt werden und die allzeit emotionsarme Darbietung kann auch, besonders durch Emily Watsons pseudotragische Figur, in Beliebigkeit abdriften. Noch eine Wendung, eine weitere willkürliche Konstruktion. Irgendwann ist man davon unter Umständen ähnlich genervt wie der Inspektor, der von den Beteiligten an der Nase herumgeführt wird. Diese Menschen haben ihre eigene Auffassung von Schuld und Sühne. Doch warum sollte der Zuschauer den Mikrokosmos beurteilen? Letztlich sind sie in ihrem oder mit ihrem Leben genug bestraft.

"Geliebte Lügen" will sehr viel in kurzer Zeit und ist ein typisches Beispiel für ein Drama, das besser Buch geblieben wäre. Denn dort erfährt man mehr Zwischentöne, die einem helfen, das zu hören, was man bei dieser Verfilmung schmerzlich vermisst: ein ehrliches Wort.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Fox, GB 2005, R: Julian Fellowes, D: Emily Watson, Tom Wilkinson, Rupert Everett u.a.

Laufzeit: 85 Min.

Kinostart:
23.03.2006


Anne Manning (Emily Watson) sehnt sich nach mehr Abenteuer in ihrem Leben: Sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre.
Anne Manning (Emily Watson) sehnt sich nach mehr Abenteuer in ihrem Leben: Sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre. (2005 Twentieth Century Fox)

Der erfolgreiche Londoner Anwalt James Manning (Tom Wilkinson) macht sich um seine Ehe große Sorgen.
Der erfolgreiche Londoner Anwalt James Manning (Tom Wilkinson) macht sich um seine Ehe große Sorgen. (2005 Twentieth Century Fox)

Bill Bule (Rupert Everett) wird in einen Unfall verwickelt.
Bill Bule (Rupert Everett) wird in einen Unfall verwickelt. (2005 Twentieth Century Fox)

Datum: 27.03.2006

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