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Roberto Benigni

Liebe, die wie ein Tiger ist ...

Schauspieler Roberto Benigni

(tsch) Roberto Benigni ist weltweit bekannt als Zappelphilipp des italienischen Kinos. Als er den Oscar für seinen Film "Das Leben ist schön" über den Umgang mit dem nationalsozialistischen Terror in den Konzentrationslagern des Dritten Reichs erhielt, sprang er über die Sitzreihen und verewigte sich damit in der Filmgeschichte. Die Amerikaner fragten ihn oft, ob er nicht als Regisseur in Hollywood arbeiten wolle. Sogar Disney habe ihn gewollt. "Doch dann würde ich sterben. Ich wäre tot, aufgeschmissen, schließlich bin ich Italiener", sagt der 53-Jährige verschmitzt. Sein neuer Film "Der Tiger und der Schnee" (Start: 30.03.) beschreibt eine leidenschaftliche Romanze während des Irak-Krieges im Jahre 2003. Im Interview erzählt Benigni von der Liebe, der desolaten Situation des italienischen Kinos und über die Gründe, warum er nie einen Film über Berlusconi drehen würde.

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teleschau: Wieso haben Sie sich wieder für einen romantischen Film entschieden?

Roberto Benigni: Es ist doch wunderschön, dass es überhaupt noch romantische Dinge gibt auf dieser Welt, in der es nur noch um Gewalt und Krieg geht. Wir sind von dieser Autobahn der Romantik abgebogen, die eigentlich so breit und wundervoll zu befahren ist.

teleschau: Und wie kamen Sie darauf, den Irak-Krieg ins Zentrum Ihrer Geschichte zu stellen?

Benigni: Nicht ich habe den Irak-Krieg ausgewählt, sondern der Krieg hat uns alle ausgewählt. Wir wurden gezwungen, unsere Aufmerksamkeit auf dieses furchtbare Ereignis zu richten. Ich halte es daher für die klassischste Art der Erzählung, eine Liebesgeschichte in den Zusammenhang mit diesem Krieg zu setzen, um dadurch eine neue Perspektive zu bekommen. Das ist eine gute Möglichkeit, um zu zeigen, dass wir verloren sind, wenn wir nicht mehr lachen können.

teleschau: Welche Ähnlichkeiten sehen Sie zwischen "Der Tiger und der Schnee" und ihrem Oscar-prämierten Drama "Das Leben ist schön"?

Benigni: Ich habe mich mit beiden Filmen in verbotene Zonen vorgewagt, in denen eigentlich kein Humor zugelassen ist. Vor allem "Das Leben ist schön" lebt von der Verbindung von zwei Komponenten: Der Film hat einen komödiantischen Körper, aber eine tragische Struktur. Die größten Komiker sind nicht diejenigen, die die Leute zum Lachen bringen, sondern diejenigen, die in unbekannte Zonen vorstoßen und herumexperimentieren.

teleschau: Wie weit würden Sie gehen, um für Ihre Liebe zu kämpfen?

Benigni: Das fragen Sie mich? Das ist ja, als würden Sie Sylvester Stallone fragen, ob er tatsächlich durch den Dschungel läuft und wild um sich schießt. Das bin ja nicht ich im Film, sondern meine Kreation, eine Idee. Der Film ist wie ein Traum, ein Klischee. Aber vielleicht haben Sie ein bisschen Recht: Ein Teil von mir war wirklich dabei, als mein Filmcharakter durch die Wüste tobte. Wir erschaffen ja nur das, was wir auch zum Teil sind. Jeder erkennt, auch Sie, wenn wir in die Tiefen unserer Seele blicken, dass es da diese unbändige Kraft gibt, die niemand kontrollieren kann: die Kraft der Leidenschaft, Lebensfreude, Liebe - die schönste Kraft der Welt. In manchen Momenten können wir den ganzen Planeten auf unsere Schulter laden und sind unbesiegbar.

teleschau: Welches Bild von Liebe sagt Ihnen am ehesten zu?

Benigni: Liebe ist am schönsten, wenn sie stark ist, so stark, dass man Berge bewegen kann und vor Kraft nur so strotzt. Das ist keine Liebe, die sich in Schmeicheleien und einem Kussmund - "Oh, mon Amour", "Sugarbaby" - verliert. Diese Liebe ist wie ein Tiger, der alles besiegen kann, um für seine Liebe zu kämpfen. Wir alle können so sein, obwohl wir es so sehr zu verstecken versuchen. Religionen versuchen das oft zu propagieren. Dabei ist es die reinste Form der Emotion. Wir sollten uns dafür nicht schämen oder fürchten.

teleschau: Was steckt dahinter, dass stets Ihre Frau die große Liebe Ihrer Filmcharaktere verkörpert?

Benigni: Ich respektiere sie sehr in ihrem Beruf als Schauspielerin. Wir sind schon so lange zusammen, seit den 80-ern, und haben die gleiche Auffassung, wenn es um Filmprojekte geht. Ich bin ihr dankbar für alles, was sie getan hat. Und alles, was ich tat, tat ich mit ihr.

teleschau: Ein Grund könnten auch Eifersüchteleien sein, weil sie Ihnen verbietet, andere Frauen zu küssen ...

Benigni: Ich kann doch wirklich jeden küssen, den ich möchte! Wenn man sich verliebt, dann passiert das eben. Aber ich habe mich schon längst verliebt. Und eigentlich bin ich es, der eifersüchtig wird. Denn als meine Frau eine Rolle in einem Film von Giuseppe Bertolucci übernahm, musste sie Bruno Ganz küssen. Bruno! Ich musste das mit anschauen. Sie küssten sich viel zu lange, und da rief ich mitten hinein: "Stopp!" Da musste ich eingreifen. Aber ehrlich: Bruno Ganz ist ein wunderbarer Schauspieler. Ich nehme ihm das nicht krumm. (lacht)

teleschau: Wie wichtig ist sie in der Dramaturgie des Films?

Benigni: Sie ist seine Seele. Bei Komödien ist das immer so. Die weibliche Hauptrolle trägt den Film, haucht ihm Leben ein. Die männlichen Darsteller sind nur Staffage. Ich bewundere ihre Fähigkeiten und danke ihr sehr dafür, dass sie sich so für den Film einsetzt.

teleschau: Wie hart mussten Sie selbst für die Liebe Ihrer Frau kämpfen?

Benigni: Das war natürlich keine leichte Sache. Man muss sich die Liebe einer Frau verdienen. Wie im Film muss jeder immer wieder zeigen, wie verliebt er ist. Die größten romantischen Werke von Tolstoi oder Balzac begnügen sich nicht mit direkten Liebesbekundungen, sondern lassen sie auf subtile, indirekte Art wirken. Das ist die wahre Kunst.

teleschau: Haben Sie nicht manchmal die Befürchtung, dass die Zuschauer den wahren, ernsten Hintergrund Ihres Humors nicht verstehen?

Benigni: Wenn ich ehrlich bin, dann gibt es natürlich Leute, die vor einem Michelangelo stehen und keine Ahnung haben, wie großartig diese Kunst ist. Aber man muss verstehen: Es ist für mich unsagbar wichtig, klar zu machen, wie sehr und innig ich gegen diesen Krieg war und bin. Ich denke schon, dass der Zuschauer dies versteht, wenn er den Protagonisten in seiner Lebens- und Liebeslust sieht, in seiner Leidenschaft, mit der er die Liebe seines Lebens retten möchte. Wir haben nur das eine Leben.

teleschau: Bei Shakespeare gibt es die Zeile: "Lasst mich auch den Löwen spielen." Kann es sein, dass auch Sie gerne alle Rollen spielen würden?

Benigni: Ich bin zwar spielfreudig, habe ja aber auch schon unter anderen Regisseuren wie Federico Fellini, Bernardo Bertolucci oder Jim Jarmusch gearbeitet. Das Erste, was sie immer versucht haben, war, mich zu kontrollieren. Das war durchaus schwierig damals, weil ich so voller Lebensenergie war, dass man mich wirklich kaum zur Ruhe bringen konnte.

teleschau: Woher kommt ihre motorische, zappelige Veranlagung?

Benigni: Ich bin eben sehr italienisch. Als ich einmal eine Audienz bei Papst Johannes Paul II erhielt, hüpfte ich herum und küsste ihn hier und dort und wieder woanders. Er war freudig überrascht und stellte fest: Sie sind ein Italiener!

teleschau: Ihr amerikanischer Kollege Robin Williams, ebenfalls ein passionierter Humorist, versucht zurzeit, ernsthaftere Rollen zu spielen. Wann kommt für Sie die Zeit, andere Genres auszuprobieren?

Benigni: Wenn die richtige Geschichte daherkommt, bin ich gerne bereit dazu. Schließlich bin ich ein Schauspieler, der immer nach neuen Herausforderungen sucht. Zum Beispiel spielte ich in Jim Jarmuschs "Down by Law" einen sehr ruhigen, fast schon stillen Charakter, der nur einmal in einer halben Stunde etwas sagte. Das war schon etwas anderes.

teleschau: Wieso drehen Sie keinen Film über die aktuelle politische Lage in Italien?

Benigni: Es gibt ja diesen deutschen Film "Bye Bye Berlusconi", den ich mir immer noch mal anschauen wollte. Mir wurde gesagt, der sei sehr gelungen. Doch ist das nicht mein Stil. Berlusconi ist nicht Citizen Kane. Er ist eine Clown-Figur. Allein Shakespeare hätte ihm vielleicht etwas Nobilität verleihen können. Ich mache immer und überall Witze. Aber Filme sind nicht dafür da, sondern im Gegenteil: Sie sollen Geschichten erzählen. Andernfalls würde die Magie der Filmkunst verloren gehen. Man muss sich in den Protagonisten verlieben können. Das klappt nicht mit Berlusconi und auch nicht mit George Bush. Man kann nicht mit einem Idioten lachen, sondern nur über ihn. Und das gehört ins Fernsehen.

teleschau: Die große Zeit des italienischen Kinos ist längst vorbei. Sie sind einer der wenigen Regisseure, die noch erfolgreich italienische Filme drehen. Gibt es einen Weg aus der Krise?

Benigni: Die Filmindustrie liegt komplett am Boden. Die Italiener hassen Kultur. Sie verstehen es nicht: Als vor drei Monaten mein Film in den italienischen Kinos anlief, gab es wieder einmal einen riesigen Streit, weil erneut öffentliche Gelder für die Kulturarbeit gestrichen werden sollten. Ich kann meine Filme glücklicherweise selbst finanzieren. Aber die Industrie ist stark angeschlagen. Die Politiker sind blind, was die italienische Kultur angeht. Dabei gründet sich alles, was wir sind und haben, auf unsere alte Kultur.

teleschau: Dabei haben Sie eines der weltweit angesehensten Filmfestivals.

Benigni: Sicherlich: Wir haben die Filmfestspiele von Venedig. Nur werden dort keine italienischen Filme gezeigt. Die Schauspieler arbeiten heute bei MTV oder in der Fernsehwerbung. Schließlich zahlt niemand für Filmproduktionen. Zwar gibt es viel Protest, aber es ändert sich nichts. Wir werden aber nicht aufhören.

teleschau: Wie engagieren Sie sich selbst für den Aufschwung?

Benigni: Ich tue mein Bestes, um Wege aus der Krise aufzuzeigen: Ich spiele, führe Regie oder produziere Shows. Aber bisher hat das noch nicht viel gebracht. Es ist alles sehr traurig.

Leif Kramp


Attilio (Roberto Benigni) sucht verzweifelt seine schwer verletzte Freundin Vittoria.
Attilio (Roberto Benigni) sucht verzweifelt seine schwer verletzte Freundin Vittoria. (Concorde)

Fuad (Jean Reno, rechts) hilft Attilio (Roberto Benigni), dass Vittoria wieder gesund wird.
Fuad (Jean Reno, rechts) hilft Attilio (Roberto Benigni), dass Vittoria wieder gesund wird. (Concorde)

Attilio (Roberto Benigni) reist auf dem Kamelrücken durch den Irak.
Attilio (Roberto Benigni) reist auf dem Kamelrücken durch den Irak. (Concorde)

Datum: 27.03.2006

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