(tsch) Mit seiner "Lulu" hatte Frank Wedekind (1846 - 1918) einige Probleme. Es war schon schlimm genug, eine Hure in den Mittelpunkt eines Dramas zu stellen, noch schlimmer aber war, dass Wedekind, der wegen Majestätsbeleidigung ein halbes Jahr Festungshaft verbüßen musste, es scheinbar genoss, mit größtmöglicher Radikalität die Konventionen der (spieß-)bürgerlichen Gesellschaft zu brechen. Die Zensur im wilhelminischen Deutschland zögerte jedenfalls nie lange, bevor sie eingriff. "Lulu", eines der skandalösesten Theaterstücke seiner Zeit, handelt vom Aufstieg und Fall einer Prostituierten, die auf der Suche nach Liebe lediglich eine Projektionsfläche für unterdrückte (Ge-)Lüste der Männer war. Regisseur Uwe Janson machte aus dem umfangreichen Stoff einen auf zwei Stunden komprimierten Theaterfilm, der bei ARTE Premiere hat.
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Nach Bertolt Brechts "Baal" (2004) ist "Lulu" schon die zweite Zusammenarbeit von Uwe Janson mit dem ZDFtheaterkanal und teamworx. Als dritter Ko-Produzent war ARTE mit an Bord. Mit dem Brechtschen Erstlings-Drama zeigte Janson wie Theater und Fernsehen miteinander verschmolzen werden können - seine freie und eigenwillige Inszenierung nutzte beide Darstellungsformen. Das hat sich bewährt, die Worthülse "Theaterfilm" wurde mit Inhalt gefüllt.
Dasselbe macht Janson nun mit Wedekinds Stücken "Der Erdgeist" (1895) und "Die Büchse der Pandora" (1904). Alban Berg hatte die Dramen für seine Oper "Lulu" (1937) zum ersten Mal zusammengefasst. Janson destilliert aus der ausufernden Handlung 120 Minuten heraus, die prall gefüllt sind mit Liebe, Selbstliebe, Sehnsucht und Verzweiflung.
Lulu, Inbegriff der nimmersatten Verführerin, wandelt bei Janson durch ein Sehnsuchtshotel, jeder Raum bringt sie letztlich ihrem unvermeidlichen Schicksal näher. Von Dr. Schön aus der Gosse aufgelesen, wird sie das Objekt seiner Begierde. Sie lernt den Luxus kennen, erkennt die Macht, die sie über die Männer hat.
Die Titelfigur wird von Jessica Schwarz ("Nichts bereuen", "Der Rote Kakadu") gespielt, deren offenes, großflächiges Gesicht ideal als Monitor intensiver Gefühle geeignet ist. Ihr verfällt zuerst Sylvester Groth als reicher Börsenhändler Dr. Schön, der sie zu seiner Geliebten macht und dann wegen einer bürgerlichen Ehe fallen lässt. In diesem Fall direkt in die Arme von Dietrich Hollinderbäumer, einem erfahrenen Theaterhasen, der sein Handwerk bei Ingmar Bergman lernte. Hinzu kommen später Esther Zimmering, Alexander Scheer, Carlo Ljubek und Wolfgang Packhäuser, bevor Matthias Schweighöfer als Jack the Ripper der Letzte sein wird, der Lulu lebend sieht.
Janson hat Lulu auf eine Zeitreise geschickt. Die miefige Bürgerlichkeit, die Wedekind mit seinen ausschweifenden "Unzüchtigkeiten" bekämpfte, ist einem liebesunfähigen neuem Mittelstand gewichen. Dem halten der Regisseur und seine Darsteller aber genauso lustvoll den Spiegel der eigenen Verderbtheit vor, wie es der Autor des Stückes vor 100 Jahren mit seinen Zeitgenossen auch tat.
Andreas Fischer
Das Suchen und Finden der Liebe ist ein schmerzhafter Weg, auf dem Lulu (Jessica Schwarz) scheitern muss. (ZDF / Jochen Roeder)
Dr. Schön (Sylvester Groth, rechts) las Lulu (Jessica Schwarz) einst aus der Gosse auf und machte sie zu seiner Geliebten. Nachdem er sie fallen lässt, wird sich die verführerische Schöne an dessen Sohn Alwa (Carlo Ljubek) rächen. (ZDF / Jochen Roeder)
Jessica Schwarz spielt Lulu mit beängstigender Intensität. (ZDF / Jochen Roeder)
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