(tsch) Eine derart schwergewichtige Free-TV-Premiere hätten wohl nicht viele bei RTL II vermutet. Der Coup dürfte den Münchnern gelungen sein, denn im allgemeinen hochsommerlichen Fliegengewichtsprogramm fällt Will Smiths ausnahmsweise ganz und gar nicht komischer, sondern sehr ernsthafter Auftritt als Boxlegende ungefähr so auf wie Bud Spencer beim Boston Marathon.
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Es gab eine Umfrage unter Sportreportern: 43 von 46 waren überzeugt, dass der Sieger dieses Kampfes eigentlich nur Sonny Liston heißen könnte. Sie irrten. Am 25. Februar 1964 triumphierte Cassius Clay in einem Kampf, der die Grundlage für eine der eindrucksvollsten Sportkarrieren aller Zeiten war. Hier beginnt auch Michael Mann seine Geschichte. Der Regisseur stand womöglich ebenso wie Ali vor einer der größten Herausforderungen aller Zeiten.
Cassius Clay, der sich bald darauf Muhammad Ali nannte, wird in aller Welt verehrt. Er war ein Großmaul, aber er bestätigte seine fulminanten Ankündigungen häufig im Ring und ließ seine Kritiker so ein ums andere Mal verstummen. Es gibt sie dennoch, aber Michael Mann gehört sicher nicht zu ihnen. Er zeichnet ein über weite Strecken bewunderndes Portrait des Boxers und ersparte sich Misstöne. Grundlage dafür ist die Tatsache, dass "Ali", so der schlichte Titel des Biopics, nur die Jahre 1964 bis 1974 im Leben des Sportlers beschreibt. So ist es ein Film ohne wesentliche sportliche Niederlagen, ein Triumphmarsch sondergleichen mit einem glamourösen Auftritt am Ende.
Dabei ist die beinahe 160 Minuten lange Produktion, die mehr als 100 Millionen Dollar verschlang, weniger Sportfilm denn Drama. Denn es sind nicht nur die Titelkämpfe Alis, die im Mittelpunkt stehen. Vielmehr geht es um die politischen Probleme des dunkelhäutigen Publikumslieblings, der zum Islam übertrat und sich schließlich der Teilnahme am Vietnam-Krieg verweigerte. Sein Titel war futsch, seine Boxlizenz ebenso. Michael Mann beschreibt bei alldem Ali (Smith) eher von außen als von innen, obwohl ihm so gut wie jede Szene gehört.
Bestärkt wird der Sportler durch Berater und Freunde, die ihn umgeben, unter anderem Malcolm X (Mario Van Peebles) sowie seine Betreuer Drew Brown (Jamie Foxx) und Angelo Dundee (Ron Silver). Die interessanteste Nebenrolle hat Jon Voight als Sportreporter Howard Cosell, mit dem sich Ali zeitlebens ein unterhaltsames, bisweilen böses Show-Duell lieferte, der den Sportler aber immer unterstützte.
160 Minuten sind eine Menge Zeit, so ist es verwunderlich, dass Michael Mann für die privaten Verhältnisse Alis nur wenig Platz übrig hat. Frauen gab es im Leben des Sportlers einige (Will Smiths Ehefrau Jada Pinkett-Smith spielt Alis erste Ehefrau Sonji), doch es ist ein belanglos anmutendes Kommen und Gehen, das sich dort auf der Leinwand abspielt. So als hätte es den Boxer nie wirklich betroffen, was sich daheim ereignete.
Doch es überwiegen die Stärken, die den Film sehenswert machen: allen voran die Boxkämpfe, die von Kameramann Emmanuel Lubezki unglaublich gut in Szene gesetzt wurden. Realistisch sieht das aus, keine wilden Prügeleien, wie man sie etwa aus "Rocky" kennt. Ohne die Zeitlupe allzu oft zu bemühen, sind die Sportbilder durchgehend ästhetisch. Glaubhaft wirken sie aber vor allem aufgrund der offensichtlich akribischen Vorbereitung von Will Smith, der diesen Muhammad Ali verinnerlichte wie es kaum ein Schauspieler vor ihm mit einem authentischen Vorbild tat. Hinter all der Großmäuligkeit bleibt der Schauspieler zurückhaltend und beschränkt sich auf eine Kopie. Doch die ist so glanzvoll gelungen, dass sie den Oscar ganz sicher verdient hätte.
Smith wurde für seine beeindruckende Leistung 2002 mit einer Oscar- und einer Golden-Globe-Nominierung belohnt.
Allerdings war es sein Kollege Jamie Foxx, der drei Jahre später den Oscar für die Darstellung einer anderen afroamerikanischen Legende erhielt: den Musiker Ray Charles in dem Biopic "Ray". Foxx steht zurzeit mit Colin Farrell für Michael Manns neueste Regiearbeit vor der Kamera: der Leinwandversion der Kultserie "Miami Vice".
Kai-Oliver Derks
Will Smith ist eine glaubhafte Kopie von Muhammad Ali. (Fox)
Sonji war die erste Ehefrau Alis. Auch privat sind Jada Pinkett-Smith und Will Smith ein Ehepaar. (Fox)
Ali (Will Smith, links) und George Foreman (Charles Stufford, rechts) stehen bei einer Pressekonferenz Rede und Antwort. In der Mitte: Promoter Don King (Mykelti Williamson). (Fox)
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