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Bai Ling

Das Wilde in ihr

Schauspielerin Bai Ling

(tsch) Fleischklöße sind schon eine sehr delikate Versuchung. Auch für Bai Ling, die zurzeit aufregendste Schauspielerin Chinas. Sie hat die 30 zwar schon lange hinter sich gelassen, gibt sich aber als 20-jährige Sirene. Der "Playboy" gewann sie gerade als Zugpferd: Ihre freizügigen Fotos galten gar kurzweilig als Grund dafür, dass Bai Ling aus dem letzten "Star Wars"-Film herausgeschnitten wurde. Sie selbst hält sich aber mit solchen Mutmaßungen zurück, schließlich sollen nicht die Türen wieder zufallen, die sich ihr in den vergangenen Jahren in Hollywood, aber auch in der aufstrebenden Filmmacht China geöffnet haben. Im Interview spricht die 34-Jährige über provokante Auftritte in der Öffentlichkeit, ihr Image als Sexsymbol und ... über Fleischklöße.

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teleschau: In "Dumplings" (deutsch: "Fleischklöße", Anm. d. Red.) spielen Sie eine recht alte Frau. Wie alt müssen Sie innerlich sein, um sich mit der Rolle zu identifizieren?

Bai Ling: Ich muss mich mit allen meinen Rollen identifizieren können. Ich suche mir immer Charaktereigenschaften, die mir ähnlich sind. Daher gibt es auch keine Rolle, für die ich mich im Nachhinein schäme. Die Frau in "Dumplings" hat einerseits eine sehr unschuldige Ausstrahlung, fast schon eine naive, andererseits ist sie auf sehr provokative Art sexy. Sie ist mutig und lebt im Hier und Jetzt. Sie genießt das Leben, das in der Gegenwart und nicht in der Zukunft stattfindet. Das viel beschworene Altersproblem ist für sie keines, ebenso wenig für mich: Sie und ich wissen, wer wir sind und brauchen uns keinen Kopf zu machen, ob wir Falten bekommen.

teleschau: Also ist das Ihre Traumrolle?

Bai Ling: Nun, das alles war eher ein Zufall: Produzent Peter Chan rief mich an, und ich wollte immer schon mal mit ihm arbeiten. Sein Film "Hongkong Love Affair" hatte mich 1996 tief beeindruckt. Als er mich anrief, freute ich mich zuerst, in einer ähnlichen Romanze mitspielen zu können. Worum es wirklich ging, war mir eigentlich egal. Ich vertraute ihm. Aber später war ich perplex, weil ich einfach nicht wusste, wie ich die Rolle spielen sollte. Aber Chan beruhigte mich: Ich würde ganz viele Preise gewinnen, meinte er. Und er hatte Recht: Ich habe vier der wichtigsten asiatischen Filmauszeichnungen bekommen.

teleschau: In "Dumplings" geht es um Jugendwahn und seine Folgen. Interessieren Sie sich für wissenschaftliche Thematiken wie Biogenetik, Klonen - oder die Schönheitschirurgie?

Bai Ling: Das ist wie ein Hobby für mich: Ich finde alles, was mit Wissenschaft zu tun hat, unheimlich interessant. Schauspieler dagegen, denke ich, werden oftmals überbewertet. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich liebe Angelina Jolie und Brad Pitt. Aber was abläuft mit der Bilderflut in all den Magazinen, das ist doch nicht mehr normal! Sie sehen ja auch toll aus, aber es sollten die Leute hinter der Kamera mehr ins Licht gerückt werden: Die machen die wirklich harte Arbeit. Das sind die wahren Wissenschaftler. Ein Regisseur kann deine Sichtweise auf das Leben vollkommen verändern - mit nur einem Film. "Dumplings" bietet einen kritischen Blick auf einen Trend im Westen der Welt, den ich Besorgnis erregend finde. Immer mehr Leute legen sich, wie Sie mit Ihrer Frage sicherlich auch andeuten wollen, auf den Schneidetisch, um sich verschönern zu lassen. Warum nur? Die Menschen sollen machen, was sie wollen, dafür haben wir eine freie Welt. Aber ich bekomme schon etwas Angst, wenn plötzlich jeder zum Schönheitschirurgen geht. Ich denke, man verliert dort jedes Mal ein Stück von sich selbst.

teleschau: Sprechen Sie aus Erfahrung?

Bai Ling: Ich habe mich niemals unter das Messer gelegt. Was mich angeht, halte ich überhaupt nichts von dieser Mode. Die beste Schönheit ist die natürliche Schönheit. Die Menschen sollen sich so akzeptieren, wie sie sind. Erst dann haben sie die Chance, wirklich schön zu sein.

teleschau: Wie ernähren Sie sich? Sind Sie im Film auf den Geschmack gekommen und essen nun gern Fleischklöße? Oder bleibt es bei kalorienarmen Reiskeksen?

Bai Ling: Von Fleischklößen habe ich nun wirklich die Nase voll. Es gab eine peinliche Situation, als wir bei der Hongkong-Premiere des Films waren. Sie haben uns natürlich Fleischklöße serviert: Ich war so angeekelt, dass ich keinen Bissen hinunter brachte. Ich musste die ganze Zeit daran denken, was da wohl drin sein könnte.

teleschau: "Dumplings" erzählt die Geschichte einer Frau, die Teigtaschen mit menschlichen Föten füllt, was die ewige Schönheit versprechen soll ...

Bai Ling: Es ist ja wahr, was der Film erzählt. In Asien gibt es Menschen, die aus Föten, also ungeborenen Kindern, Fleischklöße machen. Vielleicht nicht auf solch drastische Art, wie im Film gezeigt wird, aber es ist ein Brauch, der immer noch praktiziert wird. Wir hatten einen Arzt am Filmset, der überwachte, dass alles wirklichkeitsgetreu abläuft. Und der hat uns versichert, dass es Frauen gibt, die Föten von China nach Hongkong schmuggeln, um sie dort als Verjüngungsmittel zu verkaufen. Das ist furchtbar, aber wahr.

teleschau: Gibt es Frauen, die an die verjüngende Wirkung tatsächlich glauben?

Bai Ling: Ich esse so etwas natürlich nicht, weil ich genau weiß, dass es ungesund ist. Vergessen wir mal, dass es ein Baby war: Es ist ein altes, totes Etwas. Das kann dir keine Jugend geben. Aber da sind wir wieder bei der kranken Logik des Schönheitswahns: Der dominierende westliche Lebensentwurf gibt uns die Marschrichtung vor, dass sich alles um die Schönheit drehen muss. Nichts kann zu gefährlich dafür sein. Hauptsache, es dient der Sache.

teleschau: Wie erhalten Sie sich Ihre Ausstrahlung?

Bai Ling: Da brauche ich gar nicht viel zu tun. Ich habe eine Nachtcreme, die ich jeden Abend auftrage, und das war's. Allenfalls nehme ich manchmal noch Sonnencreme, um die Haut gegen die kalifornische Sonne zu schützen. Ich mag Kosmetik nicht so gerne, weil sie sich unnatürlich anfühlt. Auch wenn es abgedroschen klingen mag: Die Schönheit muss von innen kommen. Ein Lächeln macht dich tausendmal schöner als ein Lidschatten. Man muss zu sich selbst stehen und fröhlich sein. Erst so wird das eigene Leben romantischer, poetischer und lebenswerter. Und all die, die sich von Natur aus hässlich fühlen, sollten akzeptieren, dass niemand perfekt sein kann. Ich fühle mich so oft hässlich, dass ich schon tausendmal zum Chirurgen hätte gehen müssen - aber das widerspricht jeder Logik.

teleschau: Dabei haben Sie sich sehr freizügig in der Juni-Ausgabe des "Playboy" ablichten lassen. War das tatsächlich der Grund dafür, dass Ihre Szenen aus dem neuesten "Star Wars"-Film rausgeschnitten wurden?

Bai Ling: Ich bin mir nicht sicher, was der exakte Grund dafür war. Ich weiß aber, dass manche Dinge einfach zusammenhängen oder sich gegenseitig beeinflussen. Mir wurde nur gesagt, dass es aus künstlerischen Gründen geschehen sei. Aber die Wahrheit bekommt wohl nie jemand zu hören. Ich habe großen Respekt vor George Lucas. Daher halte ich mich in dieser Sache zurück. Außerdem komme ich nicht von hier, lebe noch nicht allzu lange in Los Angeles und habe keine Ahnung, wieso sich "Playboy" und "Star Wars" inhaltlich nicht vertragen. Das ist mir aber auch egal. Ich hatte die seltene Möglichkeit, vom "Playboy"-Magazin engagiert zu werden und in einem "Star Wars"-Film mitzuspielen, auch wenn man mich am Ende nicht sieht. Beide Institutionen sind brillant - Hugh Heffner zum Beispiel ist einer der intelligentesten Männer, die ich je getroffen habe - und ich bin dankbar dafür, dass ich dabei sein durfte.

teleschau: Die Medien mögen Sie für Ihre provokanten Auftritte in der Öffentlichkeit. Denken Sie nicht, dass Ihr Sex-Appeal Ihre Karriere als ernsthafte Schauspielerin gefährden könnte?

Bai Ling: Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas an meiner Zukunft fürchten muss. Ich sehe das ganz optimistisch. Jeder Tag ist für mich wie Weihnachten oder Silvester: ein Geschenk. Alles, was geschieht, passiert nicht ohne Grund. Warum sollte ich mich verstellen? Ich habe diese Wildheit, diesen Sex in mir. Das kann ich nicht einfach abstellen. Eine Seite von mir ist das verruchte Party-Girl, das sich immer dann Bahn bricht, wenn ein roter Teppich in der Nähe ist. Ich habe Spaß daran, und die anderen ja offensichtlich auch.

teleschau: Wenn Sie in der Öffentlichkeit viel Haut zeigen und offen und gern über Sex reden: Ist das die echte Bai Ling oder die prominente, die Erwartungen zu erfüllen hat?

Bai Ling: Manchmal weiß ich nicht, wer oder was ich bin: sexy, wild und weise oder unschuldig und schüchtern. Das hängt ganz von meiner emotionalen Verfassung ab. Ich reagiere oft instinktiv und beginne eben dann zu tanzen, wenn mir der Sinn danach steht. Der rote Teppich ist da wie ein Auslöser: Ich steige ein in eine Fantasiewelt, in der ich die Party entere und so richtig loslege.

teleschau: Fühlen Sie sich nicht manchmal reduziert auf Ihren Körper?

Bai Ling: Manche Fans scheinen das wirklich zu tun: Nachdem der "Playboy" erschienen war, wurde ich am Flughafen von einer ganzen Horde Fans förmlich überfallen. Das war um sechs Uhr morgens. Ich fragte sie, woher sie wüssten, dass ich hier zu dieser Uhrzeit ankomme. Sie meinten nur, sie hätten ihre Quellen, und ich müsste nun die Nacktfotos signieren. Aber ich wollte nicht, war total verängstigt. Das hatte schon etwas Fanatisches an sich.

teleschau: Schon mit 14 Jahren tanzten und sangen Sie für die chinesischen Truppen in Tibet. Geschah das alles freiwillig?

Bai Ling: Es war eine aufregende Zeit. Ich war fasziniert von den Armee-Uniformen. Ich wollte unbedingt auch selbst eine tragen. Das war quasi der maßgebliche Grund, dass ich zur Armee kam. Außerdem war da dieser wundervolle, einsame, spirituelle Ort: Ich bekomme Tibet einfach nicht mehr aus meinem Kopf. Deswegen schreibe ich auch ein Buch darüber und hoffe, dass ich es bald zu Ende bringen kann.

teleschau: Dabei hatten Sie nicht immer ein gutes Verhältnis zu Ihrem Heimatland. 1989 protestierten Sie auf dem Platz des Himmlischen Friedens.

Bai Ling: Ja, ich war an diesem Vorfall beteiligt, als die Panzer auf einmal auf die Menschen zu rollten. Ich war damals hin- und hergerissen, gerade weil ich beide Seiten verstehen konnte. Ich war zu dieser Zeit Studentin und fühlte mich wie eingefroren, wusste nicht, welche Stellung ich beziehen sollte.

teleschau: Vermissen Sie Ihre Heimat manchmal?

Bai Ling: Ich kehre nun öfter zurück, aber nur beruflich, um Filme wie "Dumplings" zu drehen. Demnächst beginnen dort die nächsten Dreharbeiten für einen weiteren Film. Aber ich habe mit meiner Vergangenheit abgeschlossen. Sie ist vorbei. Wieso also noch damit herumärgern? Ich erinnere mich auch nur noch an wenige Dinge. Der gesündeste Weg für mich ist also, nach vorn zu schauen.

Leif Kramp


Schauspielerin und Sex-Symbol: Bai Ling.
Schauspielerin und Sex-Symbol: Bai Ling. (3L Filmverleih)

"Schauspieler werden oftmals überbewertet." Bai Ling macht auf Understatement.
"Schauspieler werden oftmals überbewertet." Bai Ling macht auf Understatement. (3L Filmverleih)

Bai Ling lehnt Schönheitsoperationen dem eigenen Bekunden nach vehement ab.
Bai Ling lehnt Schönheitsoperationen dem eigenen Bekunden nach vehement ab. (3L Filmverleih)

Datum: 31.07.2005

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