Morrissey Ringleader Of The Tormentors
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Das war dann wohl eine der gelungensten Re-Inventions der letzten Jahre. Mit "You Are The Quarry" setzte sich Morrissey vor gut zwei Jahren vom Altenteil direkt in die Top-Ten, wischte die Tatsache, dass sein Solowerk bis dahin nur teilweise atemberaubend und oft arg ambivalent war, mit gönnerischer Geste beiseite und war plötzlich der King Of Cool. Eine Selbststilisierung, die viel mit Optik, viel mit Inszenierung und Marketing zu tun hatte, aber auch genug Substanz besaß, um künstlerisch zu überzeugen. Jetzt folgt mit "Ringleader Of The Tormentors" der nächste Streich der großen Eminenz der britischen Popmusik. Und Morrissey holt uns genau da ab, wo wir frierend stehen, weil der Bus nicht kommt.Natürlich kann man eine so direkte Erfüllung der Erwartungshaltungen, so eine Zementierung des Images, hinterfragen. Nein, Morrissey macht auf dieser Platte wenig anders und auch wenig besser als zuletzt. Das Wichtige: Er macht auch überhaupt nichts schlechter und hat sich mit Ennio Morricone einen zweiten Mann neben Tony Visconti an die Regler geholt, dessen Autorität, dessen Können unbestritten ist. Er ist es, der ein diffuses Fellini-Feeling injiziert, der diese Platte so reif, so dramatisch, so tragisch klingen lässt und dadurch Songs wie die Breitwand-Ballade "Dear God, Please Help Me" in den passenden und übrigens mit Morrisseys neuem Wohnort Rom deckungsgleichen Kosmos rückt. Nach wie vor ist es die Liebe zur großen Geste, die Morrissey so gut beherrscht: Sein Leiden ist nicht das kleine, emotionale Menschen-Ding, sondern eine Art umfassendes Kreuz, dass er für uns alle trägt. Der Mann, der auf dem letzten Album Jesus großzügig vergeben durfte, verströmt einen unglaublich klerikalen Gestus, reißt in "The Father Who Must Be Killed" Entscheidungsgewalten an sich, während das folgende "Life Is A Pigsty" nicht nur sein Lieblingsthema eigene Unsterblichkeit, sondern auch sieben Minuten lang mediteranes Regenwetter zelebriert. Zum stoisch rumpelnden Bass und einem sparsam agierenden Klavier, die die wohl eindeutigsten Referenzen ins frühe Solo-Werk geben, scheint sich Morrissey fast ein wenig zu langweilen - bis doch noch die Dramatik kommt. Der Donner, ganz ohne Blitz, ganz ohne klischeebehaftete Beliebigkeit. Und dann ist da halt noch die Single. "You Have Killed Me" ist Midtempo-Eleganz der guten Sorte, textlich schlagwortartig referenzlastig, aber nicht verkopft und hochgradig tanzbar. Dass die Überraschung hier ausbleibt, dass auch "The Youngest Was The Most Loved" etwas arg an "The Last Of The Gang To Die" erinnert, liegt am aktuellen Prinzip Morrissey. Da ist eben nicht die Erwartungshaltung das Zentrum, da muss nichts erfüllt werden. Da geht es um den Künstler als stilisierte Projektionsfläche einer wie auch immer gearteten Verehrung. Und dass Morrissey dafür bestens taugt, weiß man schon seit The-Smiths-Zeiten.
Jochen Overbeck
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Wertung 
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