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L.A. Crash(tsch) Los Angeles ist eine Stadt zwischen den Welten. Traumfabrik, Moloch zugleich, zieht sie Träumer, Erfolgsmenschen und Gefallene an. Während New York einer Festung gleicht, jeder Straßenblock im Auge der Überwachungskameras, ist L.A. ein Tummelplatz für finstere wie für schwerreiche Gestalten. Hier lebt es sich gut Seite an Seite. Einerseits ist sie die Metropole einer Region mit den höchsten Mordraten in den USA, andererseits lässt es sich auf einer Parkbank nahe des Flughafens übernachten, ohne belangt zu werden - nicht von Dieben, nicht vom Überwachungsstaat. L.A. macht sich daher gut als Hauptdarsteller: Nach "Collateral", Michael Manns prosaischer Killermär über die nächtliche Stadt der Engel, kommt nun Paul Haggis mit seinem Herzblut-Stück "L.A. Crash". Anzeige Haggis ist ein weitgehend unbeschriebenes Blatt in Hollywood. Er schrieb viel, meistens Drehbücher fürs Fernsehen, produzierte auch schon mal - zuletzt "Million Dollar Baby". Doch nach "Crash", so der simple Originaltitel, hat der 52-Jährige Kanadier eigentlich nichts mehr Sinnvolles anzustellen. Es ist ein bombastisches Werk. Haggis schrieb das Drehbuch und inszenierte es. Allein die Darstellerriege lässt den Atem anhalten: Brendan Fraser, boxhorngejagter Komödienspezialist, zeigt sich als aalglatter Staatsanwalt, der fremde Schicksale nur nach dem Output für seine Chancen bei der nächste Wahl beurteilt. Sandra Bullock, zuletzt wenig erfolgreich mal wieder als Miss Undercover unterwegs, spielt die typische paranoide Besser-Weiße und frustrierte Ehefrau des Staatsanwalts. Don Cheadle dagegen brilliert erneut als Detective, diesmal nur weitaus desillusioinierter als in "Traffic", fast gleich seiner unvergesslichen Leistung in "Hotel Ruanda". Ryan Phillippe (der Snob aus "Eiskalte Engel") übt sich als gutherziger Anti-Pol und Partner von Matt Dillon als rassistischer Cop. Die Geschichte dieses intensiven Stadtportraits ist keineswegs schnell, leicht, gar nicht mal spannend erzählt. Es ist ein vielschichtiges Charakterdrama, in dem Gutes manchmal zu Bösem wird, und das Böse manchmal gut. Es ist die Geschichte einer Vielzahl unterschiedlicher Einwohner dieser "Stadt aus Glas", wie Don Cheadles Filmcharakter gleich zu Beginn philosophiert. Damit ist die Zielrichtung vorgegeben: Was versteckt sich hinter den spiegelnden Fassaden, die weniger ein architektonisches als vielmehr ein urmenschliches Problem der Wüstenstadt sind? Wie lässt sich hinter die Oberflächlichkeit, die Vorurteile, die Stigmata, die von so vielen gefühlte Determination blicken? Kein Schicksal, das macht Haggis im (rasenden) Verlauf der zwei Kinostunden klar, ist vorbestimmt. Egal, ob man sich für einen Gutmenschen hält oder einen entwirft. Oder ob sich jemand als Krimineller verdingt und nach rationalen Rechtfertigungen dafür sucht. Alles hängt zusammen, und niemand ist unschuldig. Zwei Schwarze diskutieren über den verkappten Rassismus der Weißen, der jeden Schwarzen zum Kriminellen stempelt, und stehlen einen Moment später unter Androhung von Waffengewalt ein Luxusauto. Ein Iraner verliert sich ob einer rassistischen Verbalattacke des Besitzers eines Waffengeschäfts, in der er zur Verteidigung seines Ladens eine Pistole kaufen wollte, in Hass auf jeden, der nicht in seinem Sinne handelt. Am Ende kommt es beinah zu einer tragischen Hinrichtung von Unschuldigen. Rassismus ist das tragende Leid-Thema des Films - egal von welcher Ethnie empfunden, egal von welcher persönlichen Enttäuschung vom Leben getragen. Den klassischen Part übernimmt Matt Dillon als Polizist, der die Beifahrerin und Freundin eines schwarzen Filmregisseurs bei einer Wagenkontrolle sexuell demütigt, nur weil sie ihn während der Fahrt offenbar oral befriedigt hat. Im Grunde ist "Crash" ein Lehrstück über Stolz und Vorurteil. Zwar hat der schmerzhafte Realismus nichts mit Jane Austens Buchvorlage "Pride & Prejudice" zu schaffen, doch sind es diese beiden menschlichen Makel, die den Film zu einer packenden Parabel werden lassen. Jeder bekommt - und da unterscheidet sich Haggis' Bestandsaufnahme des Lebens in L.A. gar nicht mal so von der Realität - eine Chance, wenn sie nur wahrgenommen wird. Die geballte Fülle an Emotionen und der verschachtelte, aber nie verwirrende Erzählstil lassen die erlebte Filmdauer aufs Kürzeste zusammenschmelzen. In der Erinnerung aber eröffnet sich nachträglich ein Panoptikum vielfältigster menschlicher Abgründe, aber auch Höhen. "L.A. Crash" ist der lang erwartete Film des Jahres. Leif Kramp |
Credits: |
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