Trost heißt ein neues Projekt aus Berlin, nicht nur, weil es uns Trost spenden will, sondern weil die Protagonistin, früher Teil des Duos Cobra Killer, von Shizuo und Atari Teenage Riot, Annika Line Trost heißt. "Trust Me" nennt Annika ihr zweites Album, ein buntes dreisprachiges Fräulein-Trip-Pop-Kaleidoskop, das sich noch weiter weg bewegt vom intellektuellen Electronic-Punk der früheren Trost-Tage. Trost brauchte früher nur einen Sampler, um eine wilde und großartige Bühnenshow zu bieten. Was sie damit jedoch alles erschafft, das ist virtuos. Diesmal jedoch griff sie nicht nur auf ihren alten Sampler-Freund, sondern auch auf einige Musiker zurück, und als gelernte Schlagzeugerin und früherer Klavier-Elevin war sie scheinbar auch sehr anspruchsvoll bei der Suche.
Frau Trost arbeitet rhythmisch mit quasi jeder Variante des tanzbaren Schlagwerks, das je ertrommelt wurde. Alles was in Afrika über den Balkan, im Club, am Lagerfeuer, von der argentinischen Hafenbar, den Pariser Brasserien oder auf moderner Ballettbühne an Beats jemals erfunden worden ist. Und wir sprechen jetzt nur vom Rhythmus!
Musikalisch erzückt uns Trost, grundsätzlich leicht elektronisch verzerrt, mit echtem (beziehungsweise eben gesampelten) Klavier, Geigen, Posaunen, E-Gitarren oder schwummrigen Kino-Sounds, die sie in die unterschiedlichsten Zusammenhänge stellt: In einen schleppenden Tom-Waits-Duktus beispielsweise, in fluffige 70er-Jahre-Pornofilm-Beats, Zirkus-Bigbandsounds der 60-er, ins Vampirfilm-Genre, in die boogaloo-geschwängerten Serien-Leichtigkeit der orange-grünen Mustertapeten-Ära, zum mädchenhaften 70er-Jahre-Stil der französischen Lolita-Chansonnieren, neben die ironische NDW-Frische der 80er-Jahre-Stachelhaar-Schwestern, die lakonische Verrücktheit der Francoise Cactus oder die schrill-autistische Versunkenheit einer Nico. Diese unbeirrte, völlig unhomogene Stilmischung ist aber, anders als sonst so oft, nicht störend oder nervtötend, im Gegenteil, sie ist bunt und überraschend, durchdacht und hochmusikalisch. Frau Trost arbeitete in Studios in Australien und Berlin, nutzte ortsansässige Musiker von The Devastations, Ideal (F.J. Krüger) oder Nick Cave (Thomas Wydler). "Trust Me" wurde ein witziges Album, bizarr und kreativ, hochmodern dank der mangelnden Berührungsangst auch mit traditionellen Mitteln, ein wildes Album für böse Mädchen, nie bequem aber immer schön!