logo
Anzeige
Eli Roth

"Die Filmvorlage war meine Ex-Freundin"

Regisseur Eli Roth

(tsch) Eli Roth ist ein Star, obwohl sein erster Film im Grunde alles andere als spektakulär war. "Cabin Fever" war in Deutschland ein halsbrecherischer Flop. Doch seit bei dem Toronto Film Festival eine bis dato beispiellose Bieterschlacht um den uninspirierten Horrorfilm entbrannt war, gilt Roth als der neue Star unter den jungen Wilden des blutigen Filmgenres. Nun kommt "Hostel" in die Kinos: ein Folterreigen, der in einer slowakischen Jugendherberge spielt. Es geht um die Lust auf Sex und deren schlimme Konsequenzen. Nicht ohne Ironie und mit viel Kunstblut inszenierte Roth einen Albtraum aus Dreck und abgehackten Körperteilen. Schon jetzt wird der zweite Teil vorbereitet. Der 34-Jährige ließ sich in Deutschland bereits während des Fantasy Filmfests in Berlin feiern, stand beim Interview im modisch heruntergekommenen Kulturzentrum Tacheles Rede und Antwort und sprach über den Preis des Lebens, die tiefere Bedeutung des Folterszenarios und die Inspiration durch seine Ex-Freundin.

Anzeige

 

teleschau: Sie mögen offenbar solch merkwürdige Orte wie dieses Gebäude hier.

Eli Roth: Ach, so gruselig finde ich es hier eigentlich nicht. Es wirkt auf mich eher wie ein künstlerisch-kreatives Zentrum. Aber natürlich könnte man wegen der herumliegenden Plastik-Körperteile auf andere Gedanken kommen ...

teleschau: Sie sind der neue Star des Horror-Kinos mit ausgesprochenen Weihen von Enfant Terrible Quentin Tarantino. Woran, meinen Sie, liegt's?

Roth: Natürlich ist es eine Ehre, wenn mich Tarantino lobt. Aber es erschreckt mich auch. Sofort steht man immens unter Druck. Natürlich gibt es eine neue Generation von Filmemachern, zu der auch ich und zum Beispiel Alexandre Aja gehören, der gerade ein Remake zu "The Hills Have Eyes" gedreht hat. Oder Darren Lynn Bousman, der "Saw II" gemacht hat. Wir alle versuchen, möglichst blutige Filme zu machen. Und dann ist es ein Lob, wenn uns ein britischer Journalist als "Splat Pack" bezeichnet.

teleschau: Sie haben dennoch lange gewartet, ehe Sie nach "Cabin Fever" einen neuen Auftrag annahmen.

Roth: Es wurden mir unzählige Projekte angeboten. Darunter war so viel Mist, dass ich meinen Hals riskiert hätte, wenn ich mich darauf eingelassen hätte. Die Studios wollten sich nie darauf einlassen, ein paar Kids im Film umbringen zu lassen. Aber genau darauf kommt es doch bei einem Horrorfilm an: ohne Limits zu filmen. Es kann doch nicht sein, dass man nur auf Filmfestivals solche Filme aus Japan oder Korea sehen kann.

teleschau: Sie gelten auch als Erfolgs-Regisseur, weil Ihre Filme ein Vielfaches ihrer Kosten wieder einspielen. Wie schaffen Sie das?

Roth: Untere Kostengrenze für einen Hollywoodfilm sind 80 Millionen Dollar. Low Budget bedeutet etwa 40 Millionen Dollar. Wenn wir also für ganz ganz wenig Geld arbeiten, wie zum Beispiel bei "Cabin Fever", der nur 1,5 Millionen Dollar gekostet hat, oder wie nun bei "Hostel" für 4,5 Millionen, dann gibt es dafür gar keinen Begriff. Tarantino war vor allem begeistert, weil ich einen Film abseits des Studiosystems gemacht habe. Er hat mich von Anfang an unterstützt, weil er die Geschichte, die ich erzählen wollte, für die krankeste Idee überhaupt hielt. Ich fragte mich nur: Wenn Quentin das schon für krank hält, wer wird es dann überhaupt anschauen wollen?

teleschau: Die Idee zu "Cabin Fever" hatten Sie, weil Ihnen die eigene Haut vom Körper pellte. Welche Klassenfahrt-Erinnerung haben Sie für "Hostel" verarbeitet?

Roth: Das war eine ganze Reihe von Erfahrungen, die ich in die Geschichte eingebracht habe. Als ich 17 oder 18 Jahre alt war, machte ich beispielsweise eine Rucksacktour durch Frankreich. Aber auch mein Produzent Chris Briggs hat sich eingebracht, indem er sich an seine Erlebnisse in Jugendherbergen erinnerte. Wir stießen außerdem auf eine Internetseite, auf der man für einen gewissen Geldbetrag Leute umbringen lassen kann. Ich glaube, das kostet 10.000 Dollar. Ich wusste natürlich nicht, ob das echt war, aber darauf kommt es doch auch gar nicht an: Es gibt jemanden, der sich das ausgedacht und eine Website daraus gemacht hat. Das ist doch krank genug. Ich bin da aber nicht tiefer eingestiegen, denn irgendwann wollten sie meine Kreditkartennummer. Also dachte ich mir: Wenn's Blödsinn ist, haben sie meine Kreditkartennummer. Wenn's echt ist, haben sie auch meine Kreditkartennummer. Beides wäre nicht unbedingt von Vorteil.

teleschau: Leben wir tatsächlich in einer Welt, in der ein Menschenleben einen Preis hat?

Roth: Ich mag die Vorstellung, dass jeder Mensch seinen Preis hat. Diese Typen zu Beginn des Films machen sich lustig über die Prostituierten und reduzieren sie auf ihren Preis - wie in einer Achterbahn in Disneyland. Viele junge Amerikaner wollen mit Mädchen schlafen, um Bettgeschichten zu sammeln. Im Film dreht sich diese Situation komplett um, und sie selbst werden zu Objekten, die man verscherbeln kann. Das fürchten die Amerikaner am meisten: Dass jeder einen Preis hat - und dass irgendeiner daherkommen und mit ihrem Leben anstellen kann, was er will.

teleschau: Gibt es nicht auch konkretere Vorbilder für die Charaktere im Film?

Roth: Ein guter Freund von mir, ein Isländer, den ich während der Werbetour für "Cabin Fever" kennen gelernt hatte, war vollkommen verrückt: Der schlief in einer Nacht mit drei vollkommen unbekannten Frauen, einfach so! Währenddessen machte er mit seiner Handykamera auch noch Fotos und schickte sie von einem Kumpel zum nächsten. So jemand gehört zum Film, dachte ich mir. Also flossen natürlich auch er und sein Verhalten mit in die Konzeption der Figuren. Aber im Grunde, jetzt mal ganz ehrlich, geht es im Film um meine Ex-Freundin: Ich wusste nie, worüber sie mit mir geredet hat. Ich habe es versucht, aber sie nie verstanden. Diese Verklausulierungen, Lügen und alles dazwischen hat mich verrückt gemacht. Dass hirnlose Typen meine Freundin flachlegen und dafür gefoltert werden, ist eine Vorstellung, die ich direkt in den Film eingebaut habe.

teleschau: Wie haben Sie sich auf die Folter-Thematik vorbereitet?

Roth: Ich war in einem Foltermuseum in Prag und habe amerikanische Touristen gesehen, natürlich Jugendliche, die ihre Späße machten: "Hey, steck' deinen Schwanz da rein!" Folter ist für viele pure Unterhaltung. Das ist seit den Gladiatoren im alten Rom so. Außerdem hört man doch immer wieder: Folter im Irak, Folter im Keller des Nachbarn. Folter ist überall. Also musste ich nicht unbedingt Bücher wälzen, um mich auf das Thema vorzubereiten.

teleschau: Was ist Ihnen wichtiger: der Unterhaltungsaspekt oder Gesellschaftskritik?

Roth: Ich glaube, es geht beides zur selben Zeit. Natürlich ist es in erster Linie Unterhaltung. Ich bin kein Regisseur, der Filme wie "Crash" dreht, wo es um eine tiefgründige moralische Botschaft geht. Ich mochte schon immer Filme wie "Texas Chainsaw Massacre" oder "Last House on the Left", also all die Filme aus den 70er-Jahren, die einfach nur blanken Horror versprühten, doch auf einmal tieferen Sinn bekamen, als jemand Gesellschaftskritik in ihnen erkannte - zum Beispiel die Dekonstruktion der modernen amerikanischen Familie. Ich möchte nicht predigen, aber für beide Zuschauergruppen etwas bereithalten: Die Kinogänger sollen ihren Spaß haben, und die DVD-Seher, die es meistens sehr genau nehmen, können den kritischen Unterton erkennen. Wer es möchte, kann sich Gedanken machen. Wer nicht, soll nicht dazu gezwungen werden.

teleschau: Der Film wirkt in seiner Bildsprache und den Charakteren stark überzeichnet. Haben Sie wirklich einen solch schlechten Eindruck von Osteuropa?

Roth: In vielen Regionen der Erde gibt es Kinder, die sich in Banden zusammenrotten und Leute überfallen, damit sie selbst überleben können. Sie sind einerseits brutal und unmenschlich, aber andererseits auch immer noch Kinder. Das ist so in den Vororten von Rio de Janeiro, aber auch in Rumänien. In der Slowakei hatte ich eigentlich nicht diesen Eindruck. Ich wollte das Land auch nicht so darstellen, dass man dort für ein Kaugummi umgebracht wird.

teleschau: Dennoch wurden Sie ja gerade deswegen angefeindet, dass die Slowakei nicht gerade als ein nettes Reiseziel dargestellt wird.

Roth: Ich habe mittlerweile meinen Frieden mit der Slowakei gemacht. Ich traf mich mit etwa 70 slowakischen Journalisten und machte ihnen klar, dass ich nicht die Slowakei abgebildet habe, sondern das Klischee, dass die Amerikaner von der Slowakei im Speziellen und Osteuropa im Allgemeinen haben. Die denken eh, dass Osteuropa ein einziges Land ist. Vielleicht liegt das auch daran, dass viele junge Amerikaner nur die osteuropäischen Frauen kennen, die in Pornofilmen mitspielen. Mein Film handelt also eigentlich von dem Machtgefühl der Amerikaner über ärmere Staaten.

teleschau: Ihr Film wurde wegen der Gewaltdarstellungen bereits unter anderem in der Ukraine verboten - für Sie ein Rückschlag?

Roth: Es gibt keinen einzigen klaren Beweis, dass ein Film einen Mord ausgelöst hat - ganz im Gegensatz zu Religionen. Wenn jemand eine Abtreibungsklinik in die Luft jagt, wird das mit religiösen Überzeugungen erklärt. Oder nehmen Sie die Hexenverfolgung: Wollen Sie die Bibel verbieten, weil sich darauf Gewalt gegründet hat? Wer Horrorfilme sieht, erfreut sich an Zaubertricks, mehr nicht. Wer solche Filme verbietet, ist paranoid und versteht rein gar nichts.

teleschau: Aber denken Sie wirklich, dass Ihr Publikum den Film tatsächlich versteht?

Roth: Da mache ich mir nichts vor: Wenn ein amerikanischer Teenager einen der Jungs im Film sagen hört, wie er prahlt, er würde gleich diese oder jene Frau flachlegen, dann nickt er und denkt: Ja, würde ich auch sofort machen. Da fehlt komplett der Sinn für Ironie. Diese Einstellung ist vollkommen natürlich für sie. Das geht sogar so weit, dass selbst junge amerikanische Frauen das für ganz normal halten. Dazu kommt, dass nur etwa zwölf Prozent aller Amerikaner einen Pass besitzen. Sie tun zwar so, als kennten sie die ganze Welt. Aber eigentlich sind sie nie aus ihrem Kaff raus gekommen. Was sie antreibt, vielleicht doch einmal nach Amsterdam zu fliegen, ist der Reiz, völlig legal mit Prostituierten zu schlafen. Dabei gibt es genug Prostituierte in den USA.

Leif Kramp


Eli Roth gilt in den USA als der Horror-Regisseur der Zukunft.
Eli Roth gilt in den USA als der Horror-Regisseur der Zukunft. (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)

"Hostel" ist erst der zweite Langfilm des Autors und Regisseurs Eli Roth. Doch nun hagelt es neue Angebote.
"Hostel" ist erst der zweite Langfilm des Autors und Regisseurs Eli Roth. Doch nun hagelt es neue Angebote. (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)

Datum: 27.04.2006

Facebook aktivieren

Diskussion: "Eli Roth"

Um eine Diskussion zu "Eli Roth" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 168741

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Kate Hudson
    Wer sich an das hübsche "Band Aid" aus dem Achtungserfolg "Almost Famous" erinnert, das aus Liebe zur Musik zum suizidgefährdeten Groupie wird, der wird Kate Hudson nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Mittlerweile ...

    18.8. Kate Hudson in Der verbotene Schlüssel
    Es sind häufig kurze Szenen, puristisch in harmonischer Stille gedreht, die im Gedächtnis bleiben. In "Lost in Translation" war es nicht die Art, wie sie ihre Zigaretten rauchte, die Scarlett Johansson ...

    Almoust Famous
    Das Leben ist eine schnelle Sache geworden. Kein Kutscher, kein wochenlanger Ritt, um eine Nachricht zu überbringen. Wie viel Wärme versprüht in dieser Zeit ein handgeschriebener Brief statt einer E-Mail, ...

    Kate Hudson trennt sich von Chris Robinson
    In ihrer neuesten Romantikkomödie "Ich, du und der andere" (Start: 21. September) spielt Kate Hudson eine frisch Vermählte, deren junges Liebesglück (mit Matt Dillon) durch die ewige Anwesenheit eines ...

    MO: Wie werde ich ihn los - in 10 Tagen
    Auf seinem Bett stapeln sich ihre Plüschtiere, die Schminkutensilien verdrängen sein Rasierzeug im Badezimmerschrank, und wenn sie unterwegs ist, muss die Liebe ständig am Telefon neu beschworen werden. ...

    Kate Hudson und Matthew McConaughey
    Hollywood hat ein neues Traumpaar - zumindest auf der großen Leinwand. Matthew McConaughey (38) dient schon seit mehreren Sommern dank gemeißelter Bauchmuskeln als Pin-up für seine weiblichen Fans, und ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 110 - id = 1270 - task = view - option = com_content - limitstart= 0