The Dresden Dolls

Offene Bücher

Band The Dresden Dolls

(tsch) Als das Bostoner Duo The Dresden Dolls 2004 das selbstbetitelte Debütalbum veröffentlichte, konnte sich mancher nicht so recht vorstellen, für wen diese Musik überhaupt gemacht sein sollte. Cabaret-artige Schaukelpferdchen-Pianoweisen trafen auf Indierock, Punk-Attitüde und die verschrobenen, häufig arg verklausulierten Texte von Sängerin Amanda Palmer sowie das holprig-angejazzte Schlagzeugspiel ihres Kollegen Brian Viglione. Sperrig und schwierig klang das alles - und trotzdem auf eine seltsame Art faszinierend eingängig. Brecht und Weill standen offensichtlich Pate für Palmers und Vigliones befremdliches Schlupfloch aus dem Alltag in eine wirre Welt aus Fantasie und Kunst. Epische 20er-Jahre-Gefühle kamen auf, obwohl die Texte von der Frau mit den aufgemalten Schnörkel-Augenbrauen gleichsam universell wie modern waren. Sie coverten live Britney Spears und die Shins, machten das, was ihnen am besten gefiel und demontierten ihr eigenes Klischee regelmäßig selbst.

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Auf der Bühne veranstalteten die beiden mit Freuden ein großes Spektakel, zogen sich aus und wieder an und hinterließen ein gleichermaßen staunendes wie beeindrucktes Publikum. Das Konzept ging auf: Kaum eine andere neue Band zog derart wild gemischte Fans in ihren Bann. Mode-Grufties trafen auf Kunstprofessoren, Jazz-Liebhaber standen neben Indie-Kids, und selbst solche, die anfangs "hysterische Kunstkacke!" geraunt hatten, verliebten sich insgeheim in die offensive Amanda und den zerbrechlich wirkenden Brian. Über 10.000 mal verkaufte sich das Debüt in Deutschland und schuf so für das Zweitwerk der Band völlig neue Voraussetzungen. "Wir waren selbst ganz erstaunt, dass sich plötzlich so viele Leute für uns interessierten", erinnert sich Amanda. "Und das machte die Arbeit am neuen Album gleichzeitig spannend und ungewohnt. Ich hatte bis dahin immer bloß Songs für mich selbst geschrieben. Auf einmal gibt es da ein Publikum, Fans die auf unserer Website diskutieren und auf die es einzugehen gilt. Es ist völlig fantastisch."

Dennoch sehen die beiden keinen Grund, sich entspannt zurückzulehnen und genauso weiterzumachen wie bisher. Ihr neues Werk "Yes, Virginia" markiert gleichzeitig natürlich gewachsenen Fortschritt und einen ganz neuen, unvoreingenommenen Versuch. Variantenreicher ist es ausgefallen. Und auf den ersten Blick auch einfacher, weniger fordernd - bis man den Texten zuhört. "Diesmal wollen wir ebenso neue Leute erreichen, wie alte Fans zufriedenstellen", bemerkt Brian bestimmt. Ein hehres Vorhaben. Amanda nickt vehement: "Und außerdem möchten wir natürlich weiterhin Musik machen, die uns selbst etwas bedeutet. Diesmal setze ich mich in meinen Texten mit ganz anderen Dingen auseinander, was auch an den Erfahrungen liegt, die wir in den letzten beiden Jahren gesammelt haben." Palmers Songs sind hochpersönlich und vielseitig. Illegale Abtreibung trifft auf eine realistische und harte Abrechnung mit verqueren, pseudoemanzipierten Lebenskonzepten, explizit sexualisierte Psychogramme wechseln sich mit launigen Cabaret-Einlagen ab. Und im Vordergrund steht neben aller ernsten Thematik immer auch das Vergnügen. "Die Welt ist schlimm, machen wir uns nichts vor", zuckt die Sängerin mit den Schultern. "Aber das heißt nicht, dass man sich nicht auch ab und zu eine Auszeit erlauben darf. Im Gegenteil: Nie ist Kunst und Musik wichtiger gewesen als in Krisenzeiten, und das zieht sich durch die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation. Wir setzen uns zwar inhaltlich mit Missständen auseinander, doch gleichzeitig laden wir die Leute ein, eine gute Zeit zu haben, Kraft zu tanken - für den Alltag, der draußen schon wieder auf sie wartet."

Diese Herangehensweise manifestiert sich gleichsam sonor wie eindrucksvoll in der ersten Single des Albums: "Sing". Erstmals adressiert Amanda Palmer ihr Publikum und fordert explizit zum Mitsingen auf. Die Geschichte dahinter ist so einfach wie rührend: "Ich lese regelmäßig die Forumsbeiträge auf unserer Homepage", lächelt sie. "Und mir fiel auf, dass eine der brennendsten Diskussionen sich darum drehte, ob es dem Publikum erlaubt sei, auf Konzerten mitzusingen. Während die einen sich beschwerten, dass sie kein Geld für Konzertkarten ausgäben, um hinterher nur den Typen mit der schrecklichen Stimme zu hören, der hinter ihnen mitgrölt, betonten andere, dass das Mitsingen doch nur ein Ausdruck ihrer Zufriedenheit sei, weil sie das Konzert genössen. Ich habe sehr lange darüber nachgedacht. Und dann habe ich mich hingesetzt und einen Song geschrieben, bei dem die Leute nicht nur mitsingen dürfen, sondern ausdrücklich dazu angehalten werden. Egal wie schlecht oder gut es ihnen sonst geht, für diesen Moment sollen sie singen und sich nicht schämen. Ich freue mich sehr darauf, diesen Song bald tatsächlich live zu spielen. Diese direkte konversative Auseinandersetzung mit den Leuten vor der Bühne wird etwas völlig Neues für mich sein."

Amanda Palmer lehnt sich nachdenklich zurück. Sie ist keine artifizielle Figur, auch wenn das ganze Brimborium und der Brecht-Weillsche Ansatz dies vielleicht nahe legen könnten. Sie ist ein wenig exaltiert, freilich. Aber sie ist gleichzeitig das viel beschriebene offene Buch und möchte andere dazu animieren, sich ebenso zu öffnen, und sei es nur für einen fröhlichen Moment im sonst grauen Alltag. "Wenn man sich selbst aufreißt", weiß sie, "haben die anderen keinen Grund mehr, einen aufschlitzen zu wollen." Entwaffnend. Und wahr. Es wäre nicht sonderlich verwunderlich, wenn mit "Yes, Virginia …" die Anhängerschaft der Dresden Dolls noch viel bunter und unberechenbarer würde. Das stünde dem illustren Paar gut zu Gesicht.

Sonja Müller


Amanda Palmer und Brian Viglione sind die Dresden Dolls.
Amanda Palmer und Brian Viglione sind die Dresden Dolls. (Roadrunner)

Mit "Yes, Virginia" legen die Dresden Dolls ihr zweites Album vor.
Mit "Yes, Virginia" legen die Dresden Dolls ihr zweites Album vor. (Roadrunner)

Die Dresden Dolls fordern die Fans explizit zum Mitsingen auf.
Die Dresden Dolls fordern die Fans explizit zum Mitsingen auf. (Roadrunner)

Datum: 29.04.2006

Diskussion: "The Dresden Dolls"

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