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Jewel
Liebe, Wahrheit, AbschiedSongwriterin Jewel (tsch) Als unbekannte Newcomerin zog Jewel Kilcher, lediglich mit der akustischen Gitarre ihres Vaters bewaffnet, in Alaska los und wurde in Los Angeles zum gefeierten Star. Auf ihrem Weg hat die heute 32-Jährige alle Seiten des Musik-Biz kennen gelernt: von der obdachlosen Straßenmusikerin bis zum Grammy-nominierten Star. Und nun das: Es gilt als größte Platitüde des Musik-Biz, wenn ein Künstler behauptet, er habe sein neues Album so aufgenommen, als sei es sein letztes. Nun sagt die US-Songwriterin dies nicht direkt über "Goodbye Alice In Wonderland", obwohl ihr neues Album ein würdiger Abgesang wäre. Und vielleicht ist es das tatsächlich. Anzeige
teleschau: Du sagst, diese CD dokumentiere Deine Geschichte als Künstlerin. Warum blickst Du gerade jetzt zurück? Jewel: Weil es einige Gemeinsamkeiten gibt, zwischen dem Damals und dem Heute, zwischen den Orten, an denen ich damals stand und heute stehe. teleschau: Mit dem Unterschied, dass Du heute ein Star bist ... Jewel: Ja, das stimmt natürlich. Ich habe mein Debüt aufgenommen, als ich um die zwanzig war, jetzt sind zehn Jahre vergangen, ich schaue zurück und versuche das alles zu begreifen. Ich bin ab und zu etwas überanalytisch, wie mein Freund jetzt sicher bestätigen würde. Ich denke oft zu viel (lacht). teleschau: Es ist auf alle Fälle das persönlichste Album seit "Pieces Of You". Du sagst, es sei eine emotionale Achterbahn. Was macht es dazu? Jewel: Ich habe in Alaska begonnen, behütet Musik zu machen, in diesem wunderbaren, weiten Land. Wenig später war ich obdachlos in San Diego. Das waren Extreme. Dann kam ich nach Los Angeles und machte Straßenmusik, bis ich einen Plattenvertrag bekam. Es war eine wilde Reise. Eine bewegte Zeit. teleschau: "Goodbye Alice In Wonderland" - klingt wie eine Abrechnung und auch ein bisschen enttäuscht. Jewel: Nun, nicht wirklich. Das ist nicht so einfach. Viele der Songs drehen sich ums Älterwerden, und das hat wiederum damit zu tun, die Wahrheit zu finden. Meine Wahrheit. Wenn du merkst, dass es dir wie Dorothy im "Zauberer von Oz" ergeht, wenn du merkst, dass vieles nicht real ist, kann das sehr enttäuschend und desillusionierend sein. Es kann aber auch eine großartige Erkenntnis und wichtige Gabe für dein Leben sein. So wie Kindern in Märchen erzählt wird, dass es wichtig ist, die Liebe zu suchen und sie zu finden, dass es sich lohnt, für sie zu kämpfen, vielleicht sogar für sie zu sterben. Wenn du die wahre Liebe findest, könntest du die ganze Welt damit retten. Nur ist das leider einfach nicht wahr! (lacht) Das ist bitter, aber es stimmt. Die wahre Liebe ist noch schwieriger, als jede andere Form der Liebe. Aber keiner sagt's dir vorher. Und am Ende trifft sie dich völlig unvorbereitet. teleschau: Aber die Liebe ist doch trotzdem wundervoll! Wir sehnen uns nach Ihr. Da lohnt es sich doch, dafür zu leiden. Jewel: Ja, sie ist wundervoll. Aber wenn du glaubst, dass es perfekte, wahre Liebe ohne Enttäuschung gibt, glaubst du anscheinend noch an Märchen! Denn das stimmt einfach nicht. Aber so wie du begreifst, dass es diese Märchenliebe nicht gibt, findest du plötzlich Schönheit, Poesie, Melancholie und vieles mehr in und neben der Liebe, und damit auch eine Menge Befriedigung. Jeder meiner Songs dreht sich im Grunde irgendwie darum, eine Wahrheit zu finden, die Wahrheit in meinem Leben. teleschau: Und was kommt dann? Jewel: Wenn du dann irgendwann die Wahrheit herausfindest, wie schaffst du es da, nicht zynisch werden? Ich finde viele Erwachsene sind sehr hart und verbittert, weil sie irgendwann verletzt wurden. Darin liegt der Trick - sich seinen Optimismus zu bewahren. Obwohl Optimismus für manche auch nur eine Form der Flucht in unreflektierte Ignoranz ist. teleschau: Und was hast Du aus den Niederlagen Deines Lebens gelernt? Jewel: Mich selbst besser zu beobachten, um bestimmte Dinge früh zu erkennen. Mitunter benehme ich mich wie ein Idiot, bin blind wie ein Maulwurf. Aber wenn ich mir Zeit genommen hätte, in mich hineinzuhorchen, hätte ich manche Dinge kommen sehen, oder gespürt - was auch immer. Ich hätte die Signale erkannt. Ich versuche besser darin zu werden, aufmerksamer zu sein. teleschau: Außerdem sagt man Dir nach, mitunter ganz schön zickig zu sein. Jewel: Ja, das stimmt. Wenn ich eine Scheißlaune habe, solltest du mir nicht begegnen. Ich war schon so, bevor ich berühmt wurde. Ich denke, jeder Mensch hat solche Seiten! Ich bin eben kein Fake. Ich bin real und kann mich nicht verstellen. Aber wenn mich jemand reizt, kann ich wirklich nervig werden. teleschau: Du genießt den Ruf einer starken Frau. Worauf beruht der? Jewel: Nun, ich wurde erzogen, meinen Willen zu behaupten, mich durchzusetzen, außerdem in einer sehr ruhigen Umgebung, in der man sich gut auf sich selbst konzentrieren konnte. Mein Großvater war Sprachwissenschaftler. Ich habe mit zehn schon Nietzsche von ihm vorgelesen bekommen. Mein Opa hat mich gelehrt, zu diskutieren, argumentieren, und Ideen, Thesen und Gedanken zu formulieren. Das kommt wohl daher. teleschau: Und Deine Schwächen? Jewel: Oh, viele. Ich bin sehr leicht zu berühren, wenn man mich kennt. Ich bin ein echtes Leichtgewicht, total nahe am Wasser gebaut. Meine Mutter und mein Freund wissen das. Ich bin leicht zu verletzen. teleschau: Der Albumtitel impliziert den Abschluss eines Kapitels. Was folgt als nächstes? Jewel: Ich weiß es noch nicht. Es kann gut sein, dass ich eine Zeit pausiere. Ich möchte heiraten und Kinder haben. Ich werde auch Musik nicht mehr auf dem bisherigen Level machen. Ich würde gerne Songs für andere Künstler schreiben, vielleicht auch die eine oder andere Platte produzieren. Mal sehen. teleschau: Was ist mit einer Zukunft als Autorin, Du hast doch "A Night Without Armor" und "Chasing Down The Dawn" geschrieben ... Jewel: Ich würde gern ein Buch mit Liebesgedichten veröffentlichen. Das einzige Problem, das ich habe, ist die Tatsache, dass ich nicht weiß, wie ich es veröffentlichen soll. Meine Liebesgedichte sind drastisch, explizit, wenn du verstehst. Ich habe eine Menge junger Fans, und ich befürchte, einige meine Gedichte sind deutlicher, als die Kids das lesen sollten. Stefan Woldach |
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