Susanne Bormann
Den Kopf an der richtigen StelleSchauspielerin Susanne Bormann (tsch) Eine realistische Selbsteinschätzung kriegen die wenigsten hin. Wozu, über den Wolken lebt es sich mit einem ausgeprägten Ego ohnehin besser. Die eigene Wenigkeit in einem neutralen Licht zu betrachten, Wert und Erfolg klar zu sehen, damit fangen, wenn überhaupt, die meisten erst kurz vor der Rente an. Bei der jungen Schauspielerin Susanne Bormann ist das anders. Mit klarem Blick geht sie den Weg, der ihr als der richtige erscheint, obwohl das nicht so bequem ist, wie sie es sich nach ihren TV-Erfolgen und dem Popularitätsschub durch den Kinofilm "Liegen lernen" machen könnte. Anzeige Die 26-Jährige ist aus Berlin nach Nürnberg gezogen. Sie hat dort ein Engagement für zwei Jahre am Staatstheater, überschritt die Demarkationslinie aller Norddeutschen. Freiwillig. Auch sie hatte natürlich keinen Bezug zu Bayern, doch ihr reichte dieses "Wenn dann richtig"-Gefühl, zu dem gehört, "länger an einem Theater zu bleiben, um Vertrauen zu entwickeln". Wie ein Arzt im Praktikum. Der Vergleich drängt sich bei Susanne Bormanns Geradlinigkeit auf. Kinderstar, Erfolge als Teenager, trotzdem Studium an der Filmhochschule plus Theaterwissenschaften. Jetzt, da ihre Kinokarriere ausbaufähig scheint, setzt sie auf ein breites Fundament und konzentriert sich auf die Bühnenarbeit. "Ich habe mich auf etwas Neues eingelassen, und es ist für mich manchmal schwierig, den Ansatz zu finden beim Theater. Die Mittel, eine Geschichte zu erzählen, sind mir noch fremd, und ich merke, da brauche ich Hilfe." In Nürnberg hat sie die Feuertaufe bereits hinter sich. In den Kammerspielen läuft seit kurzem ihr erstes Stück, "Das Maß der Dinge" von Neil LaBute ("Nurse Betty"). Umgeben von einem jungen Team an Debütanten, spielt sie die Hauptrolle der Evelyn und kam gut weg in den Kritiken. Nach der Premiere ging sie zum Feiern in einen alternativen Club, sie kennt bereits die netten Cafés in ihrem Stadtteil. "Ich möchte nicht auf diesem Besucher-Status hängen bleiben. Man muss sich schon einlassen auf die Stadt, sonst macht das keinen Sinn." So wie auf die Rollen. Susanne Bormann nähert sich einer Figur durchaus vom Kopf an, macht sich, geprägt vom theoretischen Wissen des Studiums, viele Gedanken. Aber dann "muss die Intuition folgen." So wie damals. Als sie für Andreas Dresens "Nachtgestalten" auf dem Strich recherchierte, um die hoffnungslos traurige Patty zu spielen. Doch auch im Kino kann man sich nie sicher sein, da kann sechs Jahre später das Unerwartete passieren, weiß Susanne Bormann. "Es gibt Figuren, die flutschen an einem vorbei." So ging es ihr jetzt bei "Polly Blue Eyes" (Start: 03.11.) von Tomy Wigand. Sie ist jene Polly, ein junges, blondes Mädchen, das aus dem Knast entlassen wird. Die Rückkehr in ihre illustre Familie, bestehend aus Meret Becker, Ulrich Noethen und Maxi Warwel, erweist sich als bunter, aber auch explosiver Knallbonbon. Von jeher zum Chaos neigend, lässt sich der Papa gerade auf einen Deal mit einem kleinkriminellen Imbissbesitzer in Gestalt von Matthias Schweighöfer ein. Polly versucht das zu verhindern, ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. "Sie sucht einen Job, eine Wohnung, Liebe. Das ist alles sehr substanziell", resümiert die Schauspielerin. Eine Menge Holz und viele widrige Umstände, mit denen der Film allerdings nicht kämpft. Stattdessen überhöht er comicartig, verausgabt sich mit bunter Action, bis "die Ästhetik mehr im Vordergrund steht als der Inhalt". Schade, doch im Moment zählt die Theatererfahrung, bei der die Grenzen neu ausgelotet werden, weil da rigoros und kurzfristig gehandelt wird. "Wir haben bei 'Das Maß der Dinge' eine Woche vor der Premiere ziemlich viel umgeschmissen - gerade, was meine Figur betraf. Es war aufregend. Ich wusste nicht, ob ich das schaffe und schwimme immer noch ein bisschen, suche mir meinen Raum." Genau genommen wusste sie ja bis vor wenigen Wochen gar nicht, ob sie fürs Theater geeignet ist. "Es ist ja selten, dass man für beides die Begabung hat." Da ist sie wieder, diese realistische Einschätzung der eigenen Leistung, verbunden mit Mut zum Risiko. Schließlich hätte sich ihr Schwerin als Alternative geboten und "wäre mir wesentlich vertrauter gewesen". Doch warum warten, bis einen andere ins kalte Wasser stoßen, wenn man das selbst tun kann? Das Nürnberger Ensemble bietet ihr derzeit recht kuscheligen Familienersatz, tröstet über den bitteren Beigeschmack, dass der Freund in Berlin sitzt. Auch ihre Agentin bejubelte die Theater-Entscheidung nicht gerade, hat aber "kulant" reagiert, erklärt Susanne Bormann - und meint einen Trend bei Schauspielern auszumachen, sich neben dem Kinopublikum auf der Bühne zu präsentieren. "Vielleicht sehe ich das nur so, weil es meine Situation ist - und es deshalb von anderen höre." Wirklich dünn ist das Eis, auf dem sie sich befindet, keineswegs, dennoch ist es ihr ganz Recht, dass sie noch vier Produktionen, die meisten davon fürs Fernsehen, abgedreht hat und dadurch ihre Präsenz im nächsten Jahr gesichert ist. Eine Episodenrolle im etablierten ZDF-Krimi "Nachtschicht" gehört dazu. Vor allem aber eine weitere in einem der aufwändigsten Zweiteiler der letzten Jahre. "Dresden", eine teamWorx-Produktion, erzählt von der Bombardierung der Stadt 1945 und wird im ZDF 2006 gezeigt. Sie hätte neue Angebote, könnte in der spielfreien Zeit drehen. "Aber ich glaube, ich brauche den Urlaub. Ich merke schon jetzt: Theater ist richtig Arbeit." Man könnte direkt den Eindruck gewinnen, dass Schauspieler ein ganz normaler Beruf ist. Und ganz unüberlegt stellt sie einen Satz in den Raum, der einem erst beim zweiten Nachdenken gefällt: "Ich bin noch lange nicht da, wo ich hin will, aber ich bin da, wo es ganz gut ist, jetzt gerade zu sein." Claudia Nitsche |
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