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Neil Young: Living With War

Neil Young Living With War

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Neil Young nimmt kein Blatt vor den Mund. Das ist nichts Neues. "Living With War" kommt dennoch etwas überraschend. Die Welle der Entrüstung, der Anti-Kriegsplatten ebbte ja nach den US-Präsidentschaftswahlen vor zwei Jahren sehr schnell ab. Neil Young, der zuletzt auf "Prairie Wind" zärtlichen Folk spielte, scheint also ein neues Fanal zu setzen und veröffentlicht eine rohe Rock-Platte, die es dem Hörer nicht immer leicht macht, die aber trotzdem überzeugt.

Man hat Neil Young lange nicht mehr so unproduziert gehört. Wenn man die ersten Gitarrenakkorde von "After The Garden" hört, denkt man nicht an große Tonstudios, nicht an große Bühnen. Sondern an eine Garage. Da rumpelt das Schlagzeug stoisch nach vorne, da dengeln die Gitarren, da ist der Bass weit hinten. Nur Youngs Stimme, die steht gewissermaßen über den Dingen, was bei einer Platte wie dieser, die verstanden werden soll und möchte, natürlich essenziell ist. Und die Texte, die sind Neil Young wichtig. Er singt über Amerika, über den Präsidenten, über die Männer, die im Hintergrund die Fäden ziehen, und die doch eigentlich niemand so richtig brauchen würde. Und das ist so wichtig, dass im zweiten Song, gleichzeitig der Titeltrack, ganz viele Leute mitsingen.

Natürlich verleiht so etwas dem Album eine gewisse Naivität. Da schrammelt Neil Young haarscharf an vielen Klischees vorbei. Lagerfeuer, Hippies, Michael Moore - das sind Schlagworte, die dem Hörer im Kopf herumfliegen und erst einmal zu Ratlosigkeit führen. Andererseits ist es hier tatsächlich der Zweck, der die Mittel heiligt. Der Barde agiert eben einmal nicht ausgefuchst, nicht kompliziert, sondern ganz einfach. Dass er dennoch das Händchen für eine gewisse Eingängig besitzt, zeigt "The Restless Consumer": "Don't need no more lies" singt er fast mantrahaft, dehnt und zerrt dabei die Vokale wie Bob Dylan, der freilich immer völlig anders funktionierte: Er war New York City, er war intelektuell, er war Folk. Young war - und ist - rurales Amerika, einer, der auch von der Unterschicht gehört und wahrgenommen wird. Dass er Teile dieser Anhängerschaft mit "Living With War", das ja dezidierte Forderungen wie "Let's Impeach The President" stellt, verprellen könnte, nimmt er offenbar in Kauf. Durchaus anerkennenswert.

Jochen Overbeck


Datum: 11.05.2006

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