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Mediengruppe Telekommander

Der Slogan macht's

Band Mediengruppe Telekommander

(tsch) "Gib mir ein T-Shirt mit Andreas Baader drauf" (aus "Trend"): An diesem sloganartigen Zitat der Mediengruppe Telekommander kam vor zwei Jahren niemand vorbei. Die linke Pop-Kritik jubelte, das konservative Feuilleton debattierte, DJs sendeten die Botschaft unkommentiert in die Nacht und Club- wie auch Festivalgänger feierten wilde Partys zu den harten Beats, grölten die subtilen, (medien-)kritischen Texte des Berliner Elektro-Punk-Duos mit. Im besten Sinne ziemlich unerhört war die Mischung, die Gerald Mandl und Florian Zwietnig mit ihrem Debütalbum "Die ganze Kraft einer Kultur" vorlegten. Nun erscheint ihr zweites Album, mit dem sie "Näher am Menschen" sein wollen.

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"Ich mach auch was mit Medien" (T-Shirt-Aufdruck):

Der ironische Kommentar zum teilweise selbstverliebten Auftreten mancher Medienschaffenden ist nur ein Beispiel für die gerne politisch unkorrekte Gesellschafts- und Medienkritik, mit der sich das Duo auf ihrem Debütalbum einen Namen machte. Dabei, so stellen beide klar, definiere man sich nicht "als 'Gegen-Irgendwas". "Wir sehen uns immer als Teil des Ganzen", erklärt Zwietnig. "Da gibt es so viel, dem auch wir uns nicht entziehen können." Keine Verweigerung von Promotion, Marketing und Interviews also. Aber bei aller Selbstkritik trotzdem die Kritik selbst nicht vergessen. In der Medienbranche wurde der augenzwinkernde Wink auf jeden Fall zum Großteil verstanden, nicht umsonst kamen die meisten Träger des T-Shirts aus eben jener Zielgruppe. Weitere kritische Anmerkungen der Mediengruppe konnten aber aufgrund der extremen Tanzbarkeit der Slogans auch geflissentlich überhört werden. Und mancher Zuhörer wurde vom Anliegen der Band "nichts Puristisches zu machen, sondern Stile zu vermischen", von der schnell nach vorne preschenden Kombination aus elektronisch-technoiden Beats, Billig-Synthies, Punk-Gitarren und deutschem Sprechgesang sicherlich auch deutlich verstört.

"Früher waren die beiden noch die Underground-Killer, heute hören sie sich doch fast so an wie Sportfreunde Stiller" ("Bild dir deine Meinung"):

Die schnell wachsende Popularität brachte dem Duo nämlich unter anderem Auftritte im Vorprogramm der Sportfreunde Stiller ein. Für Zwietnig waren jene Konzerte nicht weniger als die Hölle": "Es ging eigentlich die ganze Zeit nur 'Wir woll'n die Sportis sehen! Wir woll'n die Sportis sehen!' Die Leute haben uns ständig den Mittelfinger gezeigt, mit weißen Taschentüchern gewunken. Aber das hat uns auch vorbereitet, vor einem richtig großen Publikum zu spielen." Nach ersten Schwierigkeiten und Erfolgen könnte nun also der Schritt zur konsensfähigen Mehrheitsband folgen. Die hier erwähnte Textzeile aus "Bild dir deine Meinung", dem Opener des neuen Albums, spielt schon einmal mit den Urängsten von Fans vor dem Ausverkauf. Auch der Albumtitel mag irritieren, mit dem die Band, ungeniert eine Wahlkampfparole der CSU übernehmend, propagiert, "Näher am Menschen" zu sein. Dabei wird natürlich auch mit diesem Slogan zum einen erneut eine weitere politische Worthülse entlarvt, zum anderen eine wichtige Aussage über das Album getätigt. "Uns war es wichtig, von diesem Makrokosmos 'Die ganze Kraft einer Kultur' runterzubrechen auf so einen kleinen Mikrokosmos, der tatsächlich näher am Menschen ist", erklärt Zwietnig.

"Extrem gut gebaut" ("Sprengkörper"):

Und dabei lässt sich die Band nun nicht mehr so einfach auf (T-Shirt-)Slogans reduzieren, sondern spielt in den Texten auf "Näher am Menschen" mit einer bis dato ungeahnten Vieldeutigkeit, auch wenn Zwietnig dies nicht uneingeschränkt bejahen will. Zeilen wie "Mein Herz ist so schwarz wie deine Coca-Cola" und der Text zu "Sprengkörper" schließen seiner Meinung nach "generell an so eine Songtradition von uns an, in der wir uns verschiedener Bilder bemächtigen und diese dann miteinander vermischen. Bei 'Sprengkörper' ist es beispielweise so, dass wir die Themen Körperkult und Medien / Terrorismus zusammenbringen und da einfach relativ viel offen lassen, weil uns selbst an dem Thema die Spannung interessiert, die entsteht, wenn man diese Mischung vollzieht." Und Bandkollege Mandl ergänzt: "Was wir auch versucht haben, ist diese Textmenge, die wir ja oft haben, ein bisschen runterzubrechen. Einfach mit weniger Worten das Gleiche auszudrücken und nicht alles zuzuschwallen."

"Jedem sein Disco-Fiasko" ("Jedem sein Disco"):

Durch die reduzierte Textmasse steht nun die Musik häufiger im Vordergrund. Ein gewollter Umstand, meint Zwietnig, da es beiden "mit dem zweiten Album - und das ist der Unterschied zum Debüt - ein Anliegen war, vor allem musikalisch etwas Neues, Anderes zu machen". Und tatsächlich kann man auf "Näher am Menschen" feststellen, dass die oberflächlich aggressiven Punk-Gitarren kaum noch zum Einsatz kommen und das Duo auch musikalisch vielfältigere Zwischentöne anschlägt, und einen Bogen von einer gelungenen Beastie-Boys-Parodie, über nachdenklich groovenden Synthie-Pop bis hin zu fast klassisch zu nennendem Funk schlägt. Als Haupteinflüsse nennen beide, neben der Tätigkeit als DJs vor allem "klassische Disco-Platten" der späten 70er- und frühen 80er-Jahre, Disco sei einfach "super Tanzmusik, abseits von heute gängigen Strömungen wie Techno und House".

"Näher am Menschen" (Albumtitel):

Mediengruppe Telekommander wollen also näher heran, ohne sich dabei durch Befolgung gängiger Musik- und Chartkonventionen dem Hörer an den Hals zu werfen oder sich an bekannten Pop-Rezepten (wie der Fibel "Das Handbuch - Der schnelle Weg zum Nr.1-Hit" von Bill Drummond und Jimmy Cauty aka The KLF) zu vergreifen. "Wir waren letztens auf einem Scooter-Konzert", erzählt Zwietnig. "Wir wollten uns einfach mal anschauen, was da so passiert. Das ist wirklich unglaublich, mit welcher Dreistigkeit und Konsequenz die in gewisser Weise dieses KLF-Prinzip übersetzen. Natürlich auf eine sehr uncharmante Weise, aber es ist faszinierend. Ich will aber so Musik nie machen müssen."

Stefan Weber


Gerald Mandl (rechts) und Florian Zwietnig sind die Mediengruppe Telekommander.
Gerald Mandl (rechts) und Florian Zwietnig sind die Mediengruppe Telekommander. (EMI / Lars Borges)

Tanzen den Trend: Mediengruppe Telekommander (Gerald Mandl, rechts, und Florian Zwietnig).
Tanzen den Trend: Mediengruppe Telekommander (Gerald Mandl, rechts, und Florian Zwietnig). (EMI / Lars Borges)

Speerspitze der deutschen Electroclash-Bewegung: Mediengruppe Telekommander.
Speerspitze der deutschen Electroclash-Bewegung: Mediengruppe Telekommander. (EMI / Lars Borges)

Datum: 14.05.2006

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