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Charlie und die Schokoladenfabrik

Charlie und die Schokoladenfabrik

(tsch) "Es ist die Geschichte eines kleinen Jungen, der noch nicht weiß, dass er der glücklichste Mensch auf dem Planeten ist und der in einem sehr, sehr schiefen Haus wohnt" - nun, der Erzähler irrt an einem Punkt. Charlie Bucket (Freddie Highmore) weiß sehr wohl, dass er glücklich ist. Auch wenn seine Mutter (Helena Bonham-Carter) nur Kohlsuppe kochen kann, der Vater (Noah Taylor) einen schlecht bezahlten Fließbandjob als Zahnpastatubenzuschrauber hat und er das winzige Haus mit seinen vier Großeltern teilt. Aber das Haus steht im Schatten der größten, schönsten und modernsten Schokoladenfabrik der Welt.

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Schokolade setzt Endorphine frei, die das Glücksgefühl steigern. Charlie bekommt zwar nur eine Tafel pro Jahr, aber die Nähe zur Fabrik Willy Wonkas (Johnny Depp) steigert die Wirkung der Glückshormone. Außerdem hat Opa Joe (David Kelly) dort früher gearbeitet und kennt eine Menge Geschichten über diesen mysteriösen Träumer und Kakaopoeten, der sich irgendwann zurückzog und die Fabrik schloss. Die Welt ist kein Platz für Träumer und Poeten, weil niemand mehr weiß, wie man glücklich ist.

"Er ist ein Pirat, der sich als Willy Wonka verkleidet," sagt Johnny Depps Sohn Jack, wenn er nach dem Beruf seines Vaters gefragt wird. Es dauert allerdings eine halbe Stunde, bis ihn Regisseur Tim Burton ins Bild schickt und Willy Wonka sein Gesicht zeigt. Es ist ein glattes Gesicht, so makellos, dass selbst Porzellanpuppen neidisch würden, wären sie zu Emotionen fähig. Es ist auch ein Gesicht, das kein Lachen kennt, höchstens einen leichten Anflug von Ironie und traurigem Sarkasmus, der sich in den Augen versteckt und ihn in der Wirklichkeit erdet.

Der Rest von Willy Wonka ist irgendwo anders, Johnny Depp macht ihn zu einem Träumer, der in seiner eigenen Welt lebt, aber selbst dort seinen Platz noch nicht gefunden hat. Ein Suchender ist Willy Wonka, erst recht, nachdem sein Lebensinhalt nach hinterhältiger Industriespionage zerplatzt ist wie ein dickes Kind, das nun wirklich viel zu viel Schokolade in sich hinein gestopft hat. Er leidet darunter - selbst sein eigenes Paradies kann ihn von seinen Depressionen nicht heilen.

Aber Willy Wonka ändert seine Meinung, die Schornsteine rauchen bald wieder, und der Chocolatier de luxe lädt fünf Kinder in seine Fabrik ein. Allerdings müssen die erst noch eine der fünf goldenen Eintrittskarten finden, die in den Wonka-Tafeln versteckt sind. Ein genialer Marketing-Trick? Nein, es ist, das stellt sich später heraus, eher der Hilferuf einer einsamen Seele.

"Das erste Kind, das eine Eintrittskarte findet, ist fett, fett, fett," prophezeit der ganz und gar realistische Opa Joe. Er hat Recht. Augustus Glubsch (Philip Wiegratz) ist fett, fett, fett und hält den versammelten TV-Berichterstattern in der Düsseldorfer Fleischerei seines Vaters stolz die goldene Eintrittskarte in die Kameras. In der anderen Hand hat er eine weitere Tafel Schokolade, in die er hastig beißt. Er kann nicht viel sagen, dafür hat er den Mund zu voll, der kleine dicke Gierschlund.

Auch die anderen Kinder, die sich Willy Wonka für einen Tag aufgehalst hat, gehen kaum als Paradebeispiele für mustergültige Erziehungsmethoden durch. Die verwöhnte Veruca Salt (Julia Winter) bekommt ihr Ticket, weil sie es will und der Fabrikantenpapa alle Schokoladenvorräte aufkauft. Der fantasielose Medienjunkie Mike Teavee (Jordan Fry) hat das System geknackt, sodass er nur eine Tafel kaufen musste und für die krankhaft ehrgeizige Violet Beauregarde (Annasophia Robb) war es sowieso klar - schließlich ist sie eine Gewinnerin.

Bleibt noch eine Karte, die Einlass in Willy Wonkas Süßwarenhimmelreich gewährt und die Frage ist nicht, wer sie findet, sondern wann Charlie sie in den Händen hält. Er bekommt sie und die Türen des Himmelreiches aus Schokoladenwasserfällen, kandierten Nüssebergen und Dauerlutscherwäldern öffnet sich. Aber nicht jeder wird darin glücklich werden. Ein Kind jedoch, so hat es Willy Wonka versprochen, bekommt am Ende der Tour einen Spezial-Super-Hauptpreis.

Roald Dahl hat mit "Charlie und die Schokoladenfabrik" ein Kinderbuch geschrieben, das im englischsprachigen Sprachraum ein Klassiker, hierzulande aber recht unbekannt ist. Was Willy Wonka bei ihm macht, erledigt hier der Struwwelpeter. Die schlechten Charaktereigenschaften der Kinder werden gnadenlos entlarvt, sie müssen die Konsequenzen tragen und kommen am Ende geläutert wieder zu sich.

Nur dass Wonka weniger brutal - aber genauso konsequent - ist und Umpa Lumpas hat, die jede Erziehungsmaßnahme mit einer frech-fröhlichen Revuenummer kommentieren.

Die Umpa Lumpas sind der heimliche Star des Films, 165 dieser Kobolde arbeiten in der Schokoladenfabrik, bedienen Maschinen, nehmen Anweisungen entgegen und singen frech-fröhliche Songs, wenn sich wieder mal ein Kind aus der Reihe der Hauptpreiskandidaten verabschiedet. Der Schauspieler Deep Roy spielt alle diese zwergenhaften Bediensteten - er betrieb einen unheimlichen Aufwand für die Rolle seines Lebens.

Tim Burton schafft mit "Charlie und die Schokoladenfabrik" einen Gegenentwurf zur Welt, einen surrealen Traumraum, in dem die Fantasie Purzelbäume schlagen kann und es den Zuschauern ganz warm ums Herz wird. Es ist eine Art Endorphin-Overkill, wie ganz viel Schokolade, aber nicht so kalorienreich. Doch dieses Traumreich ist nicht losgelöst von der echten Welt, sondern trägt sie in sich - in den traurigen Blicken und unsicheren Gesten Willy Wonkas, in der Gier, der Missgunst, dem Ehrgeiz und der Fantasielosigkeit, die bereits die Kinder infiziert haben (nicht ohne Zutun der Eltern, sie sind die wirklich bedauernswerten Gestalten). Aber auch im Lächeln Charlies, der mit seinen strahlenden Augen beide Welten umarmt und Willy Wonka letztlich zu einem glücklichen Menschen macht. Und dann sieht man endlich auch das erste Lächeln in seinem Gesicht.

Das Ganze verpackt Burton in einen exorbitanten Filmspaß, der zwei Stunden perfekt unterhält, amüsiert und ein wenig nachdenklich macht. Er lässt Christopher Lee als Zahnarzt und Vater Wonkas auftreten, zitiert mit einem Augenzwinkern Stanley Kubricks "2001 - A Space Odyssee", macht sich über die Mediengesellschaft lustig und schwelgt bei all dem in seinen skurrilen Bilderwelten, die einfach nur märchenhaft sind und im Leben das Außergewöhnliche im Alltäglichen finden. Es ist ein Film für Kinder, der die Fantasie beflügelt. Und es ist ein Film für Erwachsene, die selbst einmal Kinder waren.

Andreas Fischer

Credits:
V:Warner, USA / GB 2005, R: Tim Burton, D: Johnny Depp, Freddie Highmore, David Kelly u.a.


Ein Pirat, der sich als Chocolatier verkleidet: Johnny Depp gibt dem exzentrischen, verrückten, einsamen, verstörten und liebenswerten Willy Wonka einen Leib, eine Seele und ein Herz.
Ein Pirat, der sich als Chocolatier verkleidet: Johnny Depp gibt dem exzentrischen, verrückten, einsamen, verstörten und liebenswerten Willy Wonka einen Leib, eine Seele und ein Herz. (Warner Bros.)

Ein Kind, das mit seinem Lächeln die Welt umarmt: Charlie (Freddie Highmore) ist der glücklichste Junge der Welt und erobert nicht nur Willy Wonkas Herz.
Ein Kind, das mit seinem Lächeln die Welt umarmt: Charlie (Freddie Highmore) ist der glücklichste Junge der Welt und erobert nicht nur Willy Wonkas Herz. (Warner Bros.)

Ein See aus Schokolade kann leicht zum Verhängnis werden. Vor allem wenn man wie Augustus Glubsch (Philip Wiegratz), das dicke Kind aus Düsseldorf, nicht schwimmen kann.
Ein See aus Schokolade kann leicht zum Verhängnis werden. Vor allem wenn man wie Augustus Glubsch (Philip Wiegratz), das dicke Kind aus Düsseldorf, nicht schwimmen kann. (Warner Bros.)

Datum: 06.08.2005

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