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Sin City

Sin City

(tsch) Im Grunde ist "Sin City" ein Liebesfilm. Eine Hommage an die Emotionen und das, was sie bewirken können. Wobei Frauen hier nur die Katalysatoren, die Auslöser sind. "Sin City" ist ein Film von Männern, mit Männern und vor allem für Männer. Die dürfen träumen, knapp über zwei Stunden lang, von all dem, was Mann zu tun bereit sein könnte, wenn er denn wirklich mutig wäre. Und zur Liebe fähig. "Sin City" bedient sich keineswegs bei der visuellen Ästhetik des klassischen Westerns, doch lässt er dessen Regeln neu aufleben.

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Dabei wird alle Welt zunächst von den optischen Eindrücken sprechen, die sich aus "Sin City" mitnehmen lassen. Und von seiner Brutalität. Der Regisseur Robert Rodriguez legt hier die womöglich treueste Comic-Verfilmung aller Zeiten vor. Er setzt die gezeichneten Abenteuer des Autors Frank Miller Bild für Bild um, bedient sich auch bei den Dialogen nahezu ausschließlich der knappen, überzogenen Comic-Sprache. Er lässt eigentlich notwendige Bilder weg, andere wiederum dürfen scheinbar ewig wirken.

Schon der Prolog weist den Weg. Die Frau in dem roten Kleid wird nicht mehr lange zu leben haben. Doch erst einmal steht sie da, hoch über den Dächern einer imaginären Stadt, in der dies alles spielt. Und sie trifft dort diesen Mann. Alles ist schwarzweiß, den gesamten Film über. Nur ab und an kommt Farbe ins Spiel. Rot vorwiegend, immer dann, wenn es um Liebe und Schmerz geht. Gelb ab und an, wenn Arme und Beine abgetrennt oder Sexualstraftäter mit bloßen Händen entmannt werden.

Drei Geschichten erzählt Rodriguez, die allesamt die Liebe als Auslöser haben. Bruce Willis spielt einen herzkranken Cop und damit die einzige Figur, die sich in "Sin City" zumindest halbwegs dem Gesetz verbunden sieht. Er rettet ein kleines Mädchen aus den Klauen eines Vergewaltigers und gibt dafür beinahe sein eigenes Leben hin. Er wird Jahre später das Mädchen (Jessica Alba) wieder finden und seine Mission zu Ende bringen müssen. Mit einem fairen Handel - junges Leben gegen altes Leben.

Mickey Rourke, der hier ein unfassbar eindrucksvolles Comeback feiert und dabei hinter seiner Maske kaum zu erkennen ist, spielt einen irren, deformierten Amokläufer, der auf Rachefeldzug geht, nachdem ein Mädchen, das ihm eine Nacht lang Liebe schenkte, getötet wurde. Ob ihre Emotionen nur gespielt waren, ist ihm egal. Und schließlich ist da Clive Owen, wenn man so will die realste Figur des Films, der ein paar befreundeten Nutten (angeführt von Rosario Dawson) in einem Krieg gegen die Polizei und den Mob hilft. Benicio Del Toro, der Mann mit dem Gesicht, das wie kein anderes in die Ästhetik des Films passt, wird sein Gegner sein.

Getrieben sind sie alle von ihren Herzen. "Sin City" ist in gewisser Hinsicht also ein durch und durch romantischer Film, der dabei natürlich auf die diesbezüglich bekannten Elemente verzichtet und stattdessen die vollkommene Selbstaufgabe der Kerle für ihre Ideale setzt. Sie agieren in einer ausschließlich künstlichen Welt. Nichts ist hier echt, alles am Computer entstanden, und gerade deshalb erscheinen die Emotionen der drei Hauptcharaktere so ungefiltert und schonungslos auf der Leinwand.

Dass die Aggressionen für alle sichtbar dargestellt werden, lässt "Sin City" ganz sicher auch zum Splatterfilm werden, der folglich nicht gerade jedermanns Geschmack treffen kann. Man muss es schon ertragen können, wenn Elijah Wood erst die Gliedmaßen abgetrennt werden und ihm danach ein hungriger Wolfshund auf seinen verbliebenen (und noch lebenden Torso) gehetzt wird. Was bleibt, ist der Kopf und nur der Kopf. "Sin City" hat keine Jugendfreigabe, und das ist - vorsichtig formuliert - sehr richtig so.

Doch seine Kraft und seine Nachhaltigkeit erfährt der Film nicht aus diesen überaus brutalen Momenten, sondern aus seinen männlichen Hauptfiguren, allesamt verlorene Seelen, die ein einziges Mal bereit sein wollen, für die Liebe alles aufs Spiel zu setzen. Ob sie dabei siegen oder nicht, ist zweitrangig. Ja, die persönliche Niederlage ist gar Notwendigkeit. Wie bei den alten Western-Helden, die sich nach getaner Arbeit und dem erfolgreichen Duell gegen den größten aller Schurken vor irgendeinem Saloon von einem Amateur abschießen lassen. Der Tod als Ende aller Mühsal. Wir haben einen faszinierenden Film gesehen.

Kai-Oliver Derks

Credits:
V:Buena Vista, USA 2005, R: Robert Rodriguez, Frank Miller, D: Bruce Willis, Mickey Rourke, Jessica Alba u.a.


Kaum zu erkennen. Mickey Rourke spielt den sich auf einem Rachefeldzug befindlichen Marv. Links: Lucille (Carla Gugino).
Kaum zu erkennen. Mickey Rourke spielt den sich auf einem Rachefeldzug befindlichen Marv. Links: Lucille (Carla Gugino). (2005 Dimension Films)

Nancy Callahan (Jessica Alba) wurde als Kind durch John Hartigan (Bruce Willis) gerettet. Nun, da sie erwachsen ist, braucht sie ein weiteres Mal seine Hilfe.
Nancy Callahan (Jessica Alba) wurde als Kind durch John Hartigan (Bruce Willis) gerettet. Nun, da sie erwachsen ist, braucht sie ein weiteres Mal seine Hilfe. (2005 Dimension Films)

Dwight (Clive Owen) steht der resoluten Gail (Rosario Dawson) zur Seite.
Dwight (Clive Owen) steht der resoluten Gail (Rosario Dawson) zur Seite. (2005 Dimension Films)

Datum: 06.08.2005

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