Cillian Murphy

Vom Zugang zur Seele

Schauspieler Cillian Murphy

(tsch) Sein Vater ist ein Schulinspektor. Dazu passt, dass sich Jungstar Cillian Murphy in seinem neuen Film als Enfant Terrible entwirft, das in seiner Schule für Unruhe sorgt. Dabei möchte der Jugendliche doch nur ein Mädchen sein - doch das im konservativen Irland! In der Filmadaption des Erfolgbuches "Breakfast on Pluto" von Patrick McCabe spielt Murphy, der mit Nebenrollen in "Batman Begins", "28 Days Later" und als fieser Profikiller in "Red Eye" bekannt wurde, einen Transvestiten. Seine auszeichnungswürdige Schauspielleistung wird unterlegt mit einem populären Soundtrack, auf dem er selbst zum Singen kommt: Er übernahm kurzerhand die Singstimme von Nancy Sinatra und säuselte den Klassiker "Sand" ins Mikro. Am 25. Mai, seinem 30. Geburtstag, startet die wohl wichtigste Rolle des Iren in den deutschen Kinos. Im Interview spricht der Schönling mit den weiblichen Gesichtszügen über das Gefühl, für gewisse Zeit eine Frau zu sein, seine wilde, aber kurze Studienzeit und erklärt, wieso sein Privatleben so uninteressant ist.

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teleschau: Wie sonderbar war es, eine Frau zu spielen?

Cilian Murphy: Sonderbar fühlte ich mich eigentlich nicht. Ich spielte die Rolle ja aus Überzeugung, weil sie mich herausforderte und aufregend war. Gleichzeitig fürchtete ich mich aber auch ein bisschen davor. Es war ein Gefühlsmix, mit dem ich zurechtkommen musste. Gerade deswegen habe ich jede Minute des Films genossen - in Frauenkleidern oder nicht.

teleschau: "Brokeback Mountain" wurde mit dem Etikett "Schwulenwestern" versehen. Fürchten Sie nicht, dass auch Sie nun in eine Schublade gesteckt werden, aus der Sie nur schwer wieder herauskommen?

Murphy: Die Leute reden viel über diesen Aspekt. Das verstehe ich auch. Aber wenn man nicht zuerst die Seele des Charakters versteht und mit ihm mitfühlen kann, dann nutzen alle physischen Äußerlichkeiten gar nichts. Wenn man also einen guten Kameramann, einen guten Make-Up-Künstler und einen hervorragenden Kostümdesigner hat, dann sieht man zwar aus wie eine Frau, aber damit ist es längst nicht getan: Ich musste mich in die Psyche der Person vertiefen, mich richtig fallenlassen, um die Rolle mit Leben zu füllen. Ich wollte kein Kleiderständer sein.

teleschau: Dabei ist der Charakter ein sehr schwieriger: Nichts scheint Kitten zu interessieren. Wie gingen Sie mit dieser Mentalität um?

Murphy: Ich finde nicht, dass ihn nichts interessiert. Vielmehr reagiert ihre Umwelt auf eine solch stereotype Weise auf sie, dass sie eine innerliche Verteidigungshaltung annimmt. Es ist also eine psychologische Abwehrreaktion, kein Desinteresse. Selbst in den Momenten, wo sie so tut, als würde sie nicht verstehen, was da vor sich geht, als sie mit der IRA in Kontakt kommt: Sie durchschaut ganz genau, was geschieht.

teleschau: Jetzt sprechen Sie von Ihrer Rolle, als wäre Sie tatsächlich weiblich.

Murphy: Da muss man aufpassen: Sie hat eigentlich nie vorgegeben, eine Frau zu sein. Um mich in die Situation hineinzuversetzen, beobachtete ich Transvestiten in London, las viele Bücher darüber und schaute mir ganz normale Frauen an: wie sie laufen, wie sie sich verhalten, bewegen. Die Hauptquelle war aber die Buchvorlage des Films "Breakfast on Pluto" von Patrick McCabe.

teleschau: Woher, denken Sie, hat sie im konservativen Irland ihre Inspiration bekommen, eine Frau zu sein?

Murphy: Das ist im Grunde nicht zu beantworten. Sie ist einfach ein Individuum und auf ihre Art einzigartig. Sie hat nie irgendjemandem nachgeeifert, sondern sich selbst intuitiv entwickelt. Sicherlich hat sie sich vom Londoner Glamour der damaligen Zeit inspirieren lassen, doch blieb sie immer sie selbst.

teleschau: Kann eine solche Rolle in der heutigen Zeit noch ein Risiko für einen Schauspieler sein, oder ist es mittlerweile ein Job wie jeder andere auch?

Murphy: Es kommt ganz auf die Geschichte an, die erzählt werden soll. Riskant oder mutig: Diese Begriffe passen nicht, weil es eine Erzählung aus einem Guss ist. Natürlich: Riskant wäre es allemal, wenn es ein langweiliges Drehbuch gegeben hätte, wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass der Film schlecht wird.

teleschau: Es klingt wie ein Kinderspiel: Doch war es nicht schwer, sich als Mann mit einem solchen Charakter zu identifizieren?

Murphy: Das war verdammt hart, natürlich. Ich brauchte einige Monate, um mich darauf einzulassen und bis zum Kern ihrer Seele vorzudringen. Das ist aber nicht das Problem: Mich reizt es ungemein, mich in solche Charaktere hineinzuversetzen, die sich extrem von meiner eigenen Natur unterscheiden. So mache ich es immer: Wenn ich ein Drehbuch lese und denke, es ist einfach, dann kann ich es gleich bleiben lassen. Ich brauche die Herausforderung.

teleschau: Manchmal so sehr, dass Sie Ihren Stolz vergessen und um eine Rolle flehen ...

Murphy: Ich habe die Rolle so sehr gewollt, dass ich Neil Jordan, den Regisseur, tatsächlich genervt habe, bis ich die Zusage bekam. Ich hatte mich einfach in das Buch von Pat McCabe verliebt und wollte unbedingt die Gelegenheit nutzen, mit Jordan, für mich einer der besten Regisseure überhaupt, zu arbeiten. Chancen, Charaktere wie Kitten zu spielen, gibt es vielleicht alle zehn Jahre einmal. Ich musste es einfach machen. Die Zeit rannte mir davon: Im Film spiele ich ja auch Kitten im Alter von 16 oder 17 Jahren. Dabei feiere ich dieses Jahr schon meinen 30. Geburtstag. Viel länger hätte es nicht dauern dürfen.

teleschau: Was bedeutet Schauspielerei für Sie?

Murphy: Auf einer einfachen Ebene besteht die Schauspielerei daraus, die Kleider zu wechseln und die Stimme zu verändern. Aber ich möchte ein Stück Kunst abliefern. Wenn ich dazu die Möglichkeit habe, sei es auf der Theaterbühne oder auf der Kinoleinwand, dann ist es genau das, was ich immer wollte. Ich möchte in Erinnerung bleiben.

teleschau: Dabei wollten Ihre Eltern doch eigentlich, dass Sie Jura studieren.

Murphy: Eineinhalb Jahre lang habe ich dieses Leben ausprobiert, doch anstatt zu studieren, hing ich mit Musikern herum, spielte Jazz- und Rockgitarre, trank viel Alkohol und hatte einfach eine tolle Zeit. Es war eine akademische Bauchlandung. Glücklicherweise spielte ich dann in einem Stück mit dem Titel "Disco Pigs" mit und entschied mich im richtigen Moment, es doch lieber mit der Schauspielerei zu versuchen, anstatt auf irgendeiner rechtswissenschaftlichen Hochschule herumzugammeln.

teleschau: Dann wäre Ihnen aber ein Leben in der Öffentlichkeit erspart geblieben.

Murphy: Es ist sehr einfach, das normale Leben zu behalten, das man hatte und behalten möchte. Na klar: Wenn man sich wie eine Berühmtheit verhält, dann wird man auch wie ein Promi wahrgenommen. Doch weil ich mich wie ein Schauspieler verhalte, werde ich wie ein Schauspieler behandelt - das ist eine ganz einfache Gleichung. Mein Kollege Colin Farrell zum Beispiel hat ein öffentliches Leben. Die Leute verzehren sich danach herauszufinden, wie sein Privatleben, sein geheimes Leben aussieht. Ich bin sehr erfolgreich darin, mein Leben uninteressant zu halten.

teleschau: Klingt ganz einfach ...

Murphy: Es gibt eben bestimmte Schauspieler, die nie in der Boulevardpresse auftauchen. Ich gehöre dazu. Oder schauen Sie sich Johnny Depp an. Doch es gibt noch viele mehr, bei denen man gar nicht auf die Idee kommt zu fragen: Wie sieht's bei ihm eigentlich zu Hause aus? Man sollte diesbezüglich auch gar kein Interesse wecken. Doch wer durch sein Verhalten unbedingt schlafende Hunde wecken will, der muss auch mit den Konsequenzen leben.

teleschau: Dennoch hatten Sie sich für die Rolle des Batman in "Batman Begins" beworben. Da drängten Sie doch förmlich in die Öffentlichkeit.

Murphy: Wenn ich Theater spiele oder einen Film drehe, ist das mein Job. Danach gehe ich nach Hause und schalte ab. Für mich ist das klar getrennt. Ich habe mich für die Rolle des Batman wie fünf weitere Schauspieler auch beworben, das stimmt. Aber ich merkte gleich: Mir fehlt die körperliche Beschaffenheit, um die Rolle auszufüllen. Christian Bale war die nahe liegende Wahl. Und es hat sich ausgezahlt: Er war in dem Film der beste Batman von allen. Doch ging ich ja nicht ganz leer aus und konnte trotzdem mit Christopher Nolan zusammenarbeiten. Nach dem Screentest rief er mich an und bot mir die herrliche Rolle eines der ältesten Bösewichte der Batman-Comics an. Ich sagte natürlich sofort zu. Ich hatte also wirklich keinen Grund, beleidigt zu sein. Wenn man gute Arbeit leistet, zahlt sich das irgendwann aus.

Leif Kramp

Wertung
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Cillian Murphy brauchte dem eigenen Bekunden nach einige Monate, um sich auf seine neue Rolle einzulassen.
Cillian Murphy brauchte dem eigenen Bekunden nach einige Monate, um sich auf seine neue Rolle einzulassen. (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)
Wird am 25.05., dem Starttag von "Breakfast on Pluto", 30 Jahre alt: Cillian Murphy.
Wird am 25.05., dem Starttag von "Breakfast on Pluto", 30 Jahre alt: Cillian Murphy. (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)
Geschminkt und mit auffallendem Hut nimmt man Patrick Braden (Cillian Murphy) seine Frauenrolle durchaus ab.
Geschminkt und mit auffallendem Hut nimmt man Patrick Braden (Cillian Murphy) seine Frauenrolle durchaus ab. (2006 Sony Pictures Releasing GmbH)

Datum: 26.05.2006

Diskussion: "Cillian Murphy"

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