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Billy Wilder
Genialer BastardRegisseur Billy Wilder (tsch) In seinen letzten Jahren muss sich Billy Wilder wie ein Dinosaurier gefühlt haben. "Entsetzlich", "grauenhaft", "ein Fiasko" - die Kritiken zu seinem letzten Film "Buddy, Buddy" (1982) waren niederschmetternd gewesen. Den ebenso berühmten wie ominösen "Wilder-Touch", das grandiose Aushebeln filmischer Regeln, suchte man in dieser schalen Komödie vergebens. Klaus Kinski als sächselnder Scharlatan, Walter Matthau als Mafioso und Jack Lemmon als verhinderter Selbstmörder - Wilders letzter Film war gleichzeitig sein schlechtester. "Der Wolf ist alt und zahnlos geworden", resümierte Wilder ernüchtert und zog sich aufs Altenteil zurück. Sein Büro am Rodeo Drive behielt er indes. Schließlich war Wilder weiterhin gefragt - als Berater und Interviewpartner, aber eben nicht mehr als Regisseur. Anzeige
Fast genau vier Jahre ist der gebürtige Österreicher nun tot. Am 27. März 2002 starb er, wenige Monate vor seinem 96. Geburtstag, in Beverly Hills. Fast ein Jahrhundert währte Wilders Leben. Es war vollgepackt mit Triumphen und Tragödien, Misserfolgen und Meilensteinen des Kinos. In den 20 Jahren zwischen dem letzten Film und seinem Tod wurde Wilder Zeuge, wie sich das System Hollywood rasant weiterentwickelte. Die Ära der Blockbuster war angebrochen, das Zeitalter überdimensionierter Kinoprojekte, der Spezialeffekte und Millionen Dollar teurer Marketingkampagnen. In diese Welt passte einer wie Wilder nicht mehr hinein. Geboren wurde er am 22. Juni 1906 in Galizien, damals eine Provinz der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Eine starre gesellschaftliche Hierarchie war das Signum dieser Zeit. Dazu kam Wilders jüdische Herkunft. Das kaiserliche Wien, in das die Wilders bald nach seiner Geburt umzogen, war auch ein Hort des Antisemitismus. Der kleine Billy musste früh erleben, was es bedeutet, in die Rolle des Außenseiters gedrängt zu werden. Wie jeden Menschen haben auch Billy Wilder seine Wurzeln geprägt. Gegen Anfeindungen setzte er sich mit Humor und Schlagfertigkeit zu Wehr. Der Dialogwitz seiner Drehbücher und der genaue Blick für Menschen und Situationen haben hier ihren Ursprung. Im jungen Wilder ist alles angelegt, was ihn später als Drehbuchautor und Regisseur auszeichnete. In Berlin, wohin es ihn Mitte der 20er-Jahre verschlug, arbeitete Wilder einige Zeit als rasender Reporter, verfasste für einen Hungerlohn Glossen und Kritiken. Die Texte sind noch heute wert, gelesen zu werden. Unter dem Titel "Der Prinz von Wales geht auf Urlaub" erschienen sie vor einiger Zeit in Buchform. Die überraschende Pointe, der Sinn fürs Skurrile, die Lust an der Bloßstellung menschlicher Schwächen verweisen schon auf den späteren Glanz des Hollywood-Regisseurs. Es sind Komödien, die Billy Wilder berühmt gemacht haben. Marilyn Monroes wehender Rock über dem Lüftungsschacht ("Das verflixte 7. Jahr") oder Jack Lemmon und Tony Curtis in Frauenkleidern ("Manche mögen's heiß") gehören zu den Filmbildern für die Ewigkeit. Gleichzeitig sind es die Komödien, die im Laufe der Zeit verloren haben. Natürlich ist "Manche mögen's heiß" auf seine Art ein perfekter Film. Wilder und sein Koautor I. A. L. Diamond haben die Dialoge gleichsam mit der Stoppuhr im Kopf geschrieben. Die Pointen sitzen, das Timing könnte besser nicht sein - und dennoch beweist gerade "Manche mögen's heiß" die Zeitgebundenheit von Humor. Was damals komisch, frivol oder frech war, ist es heute nicht mehr unbedingt. Was bleibt von Billy Wilder? Welche Filme werden nicht vergehen? Es sind diejenigen, in denen sich das Tragische in den Humor mischt, in denen Lachen und Weinen ganz eng beisammen liegen. Wilder hatte wie kaum ein anderer ein Händchen dafür. Jack Lemmon, der Inbegriff des amerikanischen Biedermanns, verlieh ihnen ein Gesicht. Wilders bester Film ist "Das Appartement" (1960), in dem Lemmon als braver Angestellter seine Wohnung seinen Vorgesetzten als Liebesnest überlässt und sich in die Freundin seines Chefs verliebt. Bleiben werden auch die Filme, in denen sich Wilder mit den Mechanismen des Filmgeschäfts und den Schattenseiten künstlerischer Kreativität auseinander setzt. "Sunset Boulevard" ist eine bittere Abrechnung mit Hollywood, für die Wilder in der Branche reichlich Prügel bezog. Einen "Bastard" nannte ihn der Produzent Louis B. Mayer. Wilder habe "die Industrie, die ihn ernährt, in den Dreck gezogen", wetterte Mayer nach der Premiere. "Das verlorene Wochenende" um einen dem Alkohol verfallenen Schriftsteller und der eher unbekannte Film "Reporter des Satans" mit Kirk Douglas als ehrgeizigem Journalisten gehören ebenfalls zu den Meisterwerken aus dieser Kategorie. Vielleicht sind es gerade die weniger bekannten Wilder-Filme, die eine erneute Betrachtung und eine genaue Analyse lohnen. Wilders Komödien mögen heute teilweise altmodisch, gar veraltet wirken, als politischer Visionär ("Eins, zwei drei") und brillanter Diagnostiker menschlicher Abgründe ("Frau ohne Gewissen") bleibt er neu zu entdecken. Sein 100. Geburtstag wäre dazu ein guter Anlass. Die ARD widmet dem Regisseur eine Billy Wilder-Reihe: 22.6. "Das Appartement", 0.35 Uhr 25.6. "Eins, zwei drei", 23.15 Uhr 25.6. "Ariane, Liebe am Nachmittag", 1.10 Uhr 26.6. "Avanti, Avanti", 0.20 Uhr 29.6. "Küss mich, Dummkopf", 1.00 30.6. "Der Glückspilz", 1.35 1.7. "Das Mädchen Irma La Douce", 0.15 Uhr 4.7. "Das Privatleben des Sherlock Holmes", 0.20 Uhr 8.7. "Manche mögen's heiß", 22.10 Uhr Außerdem bei 3sat: 22.6. "Reporter des Satans", 22.25 Uhr 23.6. "Sunset Boulevard", 22.30 Uhr Tobias Köberlein |
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