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Paul Greengrass

"Der Film kommt zur richtigen Zeit"

Regisseur Paul Greengrass

(tsch) Paul Greengrass ist von massiger Statur, ein Filmemacher mit Leib und Seele. Der 50-Jährige hatte in den vergangenen Wochen einiges auszuhalten. Als britischer Regisseur wagte er sich an den ersten Kinofilm, der über die Terroranschläge vom 11. September 2001 gedreht werden sollte. Als der Trailer anlief, hagelte es Kritik. "Zweieinhalb Minuten: In solcher Kürze lässt sich ein solcher Film einfach nicht vermitteln", sagt Leigh Zimmerman, die eines der Terror-Opfer spielt. Greengrass lenkt den Blick auf den United Airlines Flug 93 von New York nach San Francisco, also das vierte Flugzeug, das von den Terroristen vor knapp fünf Jahren entführt und nach Washington DC gelenkt werden sollte. Doch dazu kam es nicht. Die Maschine stürzte auf einem Feld in Pennsylvania ab. Was damals genau geschehen ist, liegt bis heute im Dunkeln. Dennoch glaubt Greengrass, die Wahrheit so detailliert wie möglich abgebildet zu haben. Im Interview begegnet der Regisseur von "Flug 93" (Start: 01.06.) den Vorwürfen und erklärt, was seiner Meinung nach hinter der aktuellen Debatte über Sinn und Unsinn von 9/11-Filmen steht.

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teleschau: Wieso entschieden Sie sich für den United Airlines Flug 93, um die Terroranschläge vom 11. September 2001 filmisch zu behandeln?

Paul Greengrass: Die Ereignisse von damals werden für mich symbolisiert durch dieses hochmoderne Flugzeug. Hier kommt es durch die tödliche Konfrontation mit den Terroristen zu einem Höhepunkt im Kampf ums Verderben. In dem wir übrigens alle uns befanden, noch befinden und weiterhin befinden werden, wenn wir nicht aufpassen.

teleschau: Ließ sich dieser Gedanke während des Drehs vermitteln?

Greengrass: Ich versuchte es, den Schauspielern klar zu machen: Wenn sie aus ihren Sitzen aufspringen, um sich gegen die Terroristen zu erheben, dann sollten sie nicht nur die damalige Situation nachstellen. Es ging darum, sich - ohne einen Gedanken an Politik zu verschwenden - auf ihre Angst und Verzweiflung zu konzentrieren, die sie im Hier und Jetzt spüren. Die besten Filme sind die, die aus einer persönlichen Betroffenheit heraus entstehen.

teleschau: War das auch der Grund für Sie, sich überhaupt an dieses schwierige Thema zu wagen?

Greengrass: Schon. Wenn sich ein Regisseur wie ich, der eine Geschichte um alles in der Welt erzählen will, ans Werk macht, dann ist das der sicherste Garant dafür, dass ein Film entsteht, für den man mit Stolz geradestehen kann. Gleich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wuchs in mir der Wunsch, die Ereignisse filmisch zu reflektieren.

teleschau: Manchen kommt der Film zu früh in die Kinos. Wie gehen Sie mit der teilweise harschen Kritik um?

Greengrass: Der Sachverhalt ist ziemlich kompliziert. Viele Leute fragen mich, ob es nicht zu früh sei für einen 9/11-Film, doch nie kam diese Frage von einem persönlich Betroffenen, also Angehörigen der Terror-Opfer. Die kritisieren eher, dass es so lange gedauert hat, bis sich das Kino diesem Thema widmet. Ein weiterer Punkt ist der Widersinn, dass wohl jeder Fernsehsender auf der Welt und alle anderen Medien sich dem Thema über Jahre intensiv widmeten, aber ein Kinofilm jetzt plötzlich zu früh kommen soll. Das ist vollkommener Quatsch.

teleschau: Dennoch wird dem Medium Film eine besondere Rolle als Gedächtnismaschine beigemessen.

Greengrass: Das ist insofern richtig, als dass journalistische Berichterstattung oder Kommentierung genau diese Leistung nicht schafft, nämlich erinnerungswürdige Bilder ins kollektive Gedächtnis zu bringen. Ein Kinofilm indes ist auf seine eindringliche Art einzigartig. Wir werden auf einer sehr sinnlichen Ebene gepackt, gerade weil das Kino mit seiner großen, übermenschlichen Leinwand und seinem lauten, kraftvollen Ton mehr bietet als andere audiovisuelle Medien.

teleschau: Da stecken Sie aber in einem Widerspruch: Einerseits kritisieren Sie, dass Kinofilme offenbar mit besonderer Aufmerksamkeit bedacht werden, andererseits streichen Sie selbst diese Sonderrolle hervor.

Greengrass: Wichtig ist doch eigentlich nur, wieso es diese Kluft gibt zwischen dem offensiven Wunsch der Betroffenen, sich dem Thema zu widmen, und vielen anderen Menschen, die nichts direkt mit den Geschehnissen zu tun haben und lieber die Augen davor verschließen wollen. Denn offenbar gibt es ja tatsächlich viele Menschen, die den 11. September im Kino noch nicht verkraften können oder wollen. Aber ich versichere Ihnen: Wer zu einer betroffenen Familie gehört, kann leicht in Rage geraten angesichts dieser öffentlichen Haltung. Die Angehörigen bekamen das Etikett "Opfer" aufgeklebt und sollen es offenbar gefälligst auch deutlich mit sich herumtragen. So denkt der Rest der Welt von ihnen und gibt ihnen keine Chance, ein normales Leben zu führen. Indem wir ihnen in unserer Selbstgefälligkeit die Opferrolle überstülpen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, gehört zu werden.

teleschau: "Flug 93", ein Film für die Opfer?

Greengrass: Wenn er diesen Familien eine Stimme geben kann, hat sich der Film schon ausgezahlt.

teleschau: In welcher Weise haben Sie sich mit den Angehörigen der Opfer im Vorfeld auseinander gesetzt?

Greengrass: Wir führten über 100 Interviews mit den Familien und arbeiteten sehr eng mit ihnen zusammen. Ich habe mich auch persönlich darum bemüht, mit den Angehörigen der Terroristen ins Gespräch zu kommen. Doch die Chance wurde mir nicht gegeben. Die Familie von Ziad Jarrah, dem Piloten unter den Terroristen, glaubt bis heute nicht, dass Ziad an Bord war. Es gab also teils auch Momente, in denen ein Gespräch nicht mehr produktiv gewesen wäre.

teleschau: Wie also näherten Sie sich der Seite der Terroristen?

Greengrass: Es gab natürlich viele Ermittlungen, was die Psyche und Hintergründe der Attentäter anging. Ich glaube daher, dass wir die Terroristen ebenso glaubhaft darstellen wie die Passagiere. Auch sie waren getrieben von Angst. Wenn man politische Gewalt verstehen möchte, muss man mit Menschen sprechen, die direkt von ihr betroffen waren. Doch der Rest der Menschheit, also wir, möchte überhaupt nichts von diesen Fragen wissen, sondern sein Leben ungetrübt weiterleben. Wir wollen uns vom 11. September nicht noch einmal in unserem schönen ruhigen Alltag stören lassen.

teleschau: Angesichts des couragierten Handelns der Passagiere von United Airlines Flug 93 könnte man meinen, sie seien Helden oder zumindest heldenhaft gewesen.

Greengrass: Es ist eine Tatsache, dass im medialen Nachspiel die verzweifelte Abwehrreaktion der Passagiere von Flug 93 für politische Ziele missbraucht wurde. Bester Beweis ist der Ausdruck "Let's Roll", der zu einem griffigen politischen Slogan wurde. Das soll einer der Passagiere gerufen haben, als sie zum Cockpit stürmten, um die Terroristen zu überwältigen. Dabei hatte der Mann sicherlich keinerlei politische Hintergedanken im Kopf.

teleschau: Sondern?

Greengrass: Wenn man in einem Flugzeug sitzt, das von Verbrechern gekapert wird, die sich ganz offensichtlich auf einer Selbstmordmission befinden, und man dann tatsächlich stirbt bei dem Versuch, das Ruder herumzureißen, dann ist das doch kein Triumph, kein Sieg. Ich möchte mit diesem Film eines ganz deutlich machen: Wir sollten uns von jeglichem politisch gefärbten Ballast befreien und die Geschehnisse so betrachten, wie sie waren: Ja, die Passagiere waren nichts anderes als außergewöhnlich mutig. Niemand kann den Film sehen und nicht der Ansicht sein, dass sie couragiert gehandelt haben. Aber es hat sich eben nicht ausgezahlt. Ihr Mut hat sie nicht gerettet. Jegliche Verherrlichung ist unsinnig.

teleschau: Inwiefern hatten Sie bei der Verfilmung einen dokumentarischen Anspruch?

Greengrass: Ich halte es für immens wichtig, dass Kinofilme die Welt so darstellen, wie sie ist. Es gibt schon genug Unterhaltung aus Hollywood, die natürlich ihre Berechtigung hat. Ich selbst sorge da ja auch hin und wieder für neuen Stoff. Aber der Kinofilm hat eine lange und ehrbare dokumentarische Tradition - nehmen wir das Beispiel all der Filme über den Vietnam-Krieg. Wir befinden uns zurzeit in einem wahren Hoch solcher Arbeiten: "München", "Brokeback Mountain", "Syriana", "Good Night, and Good Luck" und eben auch "Flug 93".

teleschau: Am Ende präsentieren Sie einige Fakten: Unter anderem steht dort geschrieben, dass die nächsten Kampfflugzeuge der US-Luftwaffe hunderte Kilometer entfernt waren, als Flug 93 abstürzte. Wie stehen Sie zu den Theorien, die genau das Gegenteil behaupten?

Greengrass: All die Verschwörungstheorien sind unwahr, obwohl ihnen weiträumig Glauben geschenkt wird. Das ist für mich ein Indikator dafür, dass der Film zur richtigen Zeit in die Kinos kommt. Je mehr Verschwörungstheoretiker sich um ein Ereignis Gedanken machen, desto bedeutender ist es. Das Problem all dieser Gedankenspiele ist, dass sie komfortabel sind: Es ist herrlich bequem, wenn man sich darauf verlassen kann, dass es da draußen finstere, große Mächte gibt, die alles zu verantworten haben und heimlich unser Leben kontrollieren. Die Wahrheit macht mir viel mehr Angst: Dass das System zusammengebrochen ist. Dass der nächste Kampfjet - übrigens ohne Raketen - 700 Meilen entfernt war. Dass die Behörden keine wirksamen Befehle geben konnten. Der Film handelt davon, dass niemand die Situation unter Kontrolle bekommen konnte - nicht das Militär und nicht die Flugaufsichtsbehörde.

teleschau: War es ein Vorteil, dass Sie als britischer Regisseur das amerikanische Trauma von außen angehen konnten?

Greengrass: Kann sein, doch halte ich es rückblickend für wichtiger, dass ich bereits Erfahrungen mit dieser Art von Film hatte. Ich verbrachte den Großteil meiner Karriere damit, Konflikte rund um den Globus filmisch zu begleiten oder zu behandeln. Wer nur einmal mit angesehen hat, wie Menschen in einem Krieg umgebracht werden und wie viele Waffen dafür benutzt werden, vergisst das niemals.

Leif Kramp


Regisseur Paul Greengrass setzte den Film "Flug 93" in Szene.
Regisseur Paul Greengrass setzte den Film "Flug 93" in Szene. (005 Universal Pictures International)

Die Passagiere des Fluges bereiten den Zugriff vor. Sie wollen die Entführer von ihrem Handeln abhalten.
Die Passagiere des Fluges bereiten den Zugriff vor. Sie wollen die Entführer von ihrem Handeln abhalten. (005 Universal Pictures International)

Datum: 27.05.2006

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