logo
Anzeige
PJ Harvey

Erklärungsversuche zur Kreativität

Anzeige

 

Vielleicht ist ja nicht Polly Jean Harvey die Besessene. Vielleicht sind es ihre Kritiker, die seit dem Erscheinen ihres ersten Albums mit geradezu obsessiver Energie nach Parallelen zwischen Biografie und künstlerischem Output der Engländerin fahnden. All diese Versuche zielten bisher ins Leere. PJ Harvey ist und bleibt mit den Mitteln der Spekulation nicht zu fassen. Egal, ob ihre Ex-Lover nun Nick Cave oder Vincent Gallo hießen - ihre musikalische Seelen-Katharsis betreibt die inzwischen 36-Jährige unter völliger Abkopplung des Privaten. PJ Harvey, die Songwriterin, ist ihr eigener Kosmos, ein musikalisches Perpetuum Mobile, das sich stetig aufs Neue regeneriert. Jetzt erscheint mit "PJ Harvey On Tour: Please Leave Qietly" eine mehr als beachtenswerte DVD. Gibt sie etwa intime Einblicke in diesen mehr als beachtenswerten Lebensraum?

Nicht wirklich, denn wenn PJ Harvey dem Zuschauer- und Hörer eines sicher nicht bietet, dann ist es eine Film gewordene Homestory. Wo Kolleginnen schon das Allerheiligste zeigen, sich selbst beim Schminken oder einfach viel Bein, da steht PJ Harvey für eine andere Generation. Sie zeigt, dass es hinter dem Glitzervorhang des Entertainments eben einen Punkt gibt, an dem das Geschlecht keine große Rolle spielt: die Kreativität, die Seele. Das vereint sie mit Künstlerinnen wie Scout Niblett, Björk, Cat Power oder zuletzt The Organ. Ihr Spiel negiert klassische Rollenbilder, ohne wie die Riot-Girl-Bewegung der 90er-Jahre gleich den Kampf zu suchen, gleich laut loszupoltern.

"PJ Harvey On Tour: Please Leave Qietly" ist - man mag's kaum glauben - die erste DVD überhaupt, die von PJ Harvey veröffentlicht wird. Es gab bisher nur ein Live-Video, das 1994 erschien und längst vergriffen ist. Es ist ohnehin kaum mit dem vergleichbar, was Universal hier abliefert. So versteckt sich im Bonusbereich ein 28-minütiges Interview mit der Künstlerin, in dem sie spannende Einblicke in ihre Arbeitsweise gibt und die Entwicklungsgeschichte des letzten regulären Studioalbums "Uh Huh Her" beschreibt. Regisseurin Maria Mochnacz verlässt dabei den Weg, den solche Interviews meistens gehen. Sie inszeniert das Gespräch als Collage, die immer wieder von Jingles und Live-Bildern unterbrochen werden und schafft so eine verpixelte Ästhetik, die an das MTV-Programm der frühen 90er-Jahre erinnert. Das mag manchmal etwas anstrengend sein, sicher - gleichzeitig vermeidet es aber den visuellen wie dramaturgischen Stillstand, der solche Extras oft so trocken und langweilig macht.

16 Songs sind es, die den eigentlichen Mittelpunkt dieser DVD ausmachen. Dabei wurde nicht eine Performance herausgegriffen, sondern - abermals eine Collage - ein Film aus vielen verschiedenen Auftritten der "Uh Huh Her"-Tour zusammengeschnitten. Puristen mögen das bemängeln, die Vorteile liegen aber auf der Hand: Die DVD ist kein abgefilmter Abend, bei dem man nicht dabei war, kein Ersatz fürs eigentliche Konzert, sondern sie zeigt die verschiedenen Facetten, verschiedenen Looks und auch verschiedenen Stimmungen der Polly Jean Harvey gut auf. Kurze "Behind The Scenes"-Sequenzen, die im Bonusbereich auch einzeln angewählt werden können, sorgen für Abwechslung - und geben den Musikern und der Crew die Möglichkeit, sich zu der Tour zu äußern. Für Fans wohl am spannendsten: Zwei neue Songs sind es, die PJ im Gepäck hatte: das nach dem Album benannte, bluesige "Uh Huh Her" und das reduziertere, experimentelle "Evol". Höhepunkt sind freilich die ungezügelte Live-Variante des Klassikers "Down By The Water" und "The Letter", das den Film, abschließt. Was etwas nervt: Welcher Song nun wo aufgenommen wurde, wird nicht verraten.

Audio-Cracks mögen bemängeln, dass die CD nur im PCM-Stereo-Sound vorliegt. Der kann aber voll überzeugen, kommt satt und ausgewogen daher. Leichte Schwankungen lassen sich durch die verschiedenen Venues erklären. Auch in Sachen Bildqualität punktet "Please Leave Quietly" - alles in allem ein tolles Lebenszeichen einer tollen Künstlerin.

Jochen Overbeck


Eine bemerkenswerte Collage: "PJ Harvey On Tour - Please Leave Quietly".
Eine bemerkenswerte Collage: "PJ Harvey On Tour - Please Leave Quietly". (Universal)

Datum: 02.06.2006

Facebook aktivieren

Diskussion: "PJ Harvey"

Um eine Diskussion zu "PJ Harvey" zu beginnen melden Sie sich bitte im Forum an. Wenn Sie noch nicht registriert sind, können sie sich jetzt registrieren um an den Diskussionen teilzunehmen.
Artikel ID 170150

Weitere Artikel, die Sie interessieren könnten:

    Lordi
    Spaziergänge in nördlichen, finnischen Wäldern können zu unangenehmen Begegnungen führen. Denn dort, irgendwo zwischen den Blockhütten, hausen düstere Gestalten: eine halb verweste Mumie, ein blondgelocktes ...

    Tempeau - Kein Weg zurück
    Grunge's not dead! Nein, Kurt Cobain ist nicht von den Toten auferstanden, dafür sind Pearl Jam wieder da. Und - vielleicht mag's seltsam klingen - auf dem neuen Album "Kein Weg zurück" der Hamburger Band ...

    Marilyn Manson - Eat Me, Drink Me
    Gleich, ob burlesker Boheme mit faschistoidem Faible, amputierter Freak oder androgynes Alien - all die verkopften Konzepte, die um seine Kunstfigur und Musik gestrickt waren, hat Marilyn Manson offenbar ...

    Eagles Of Death Metal - Death By Sexy
    Die Eagles Of Death Metal - ein Jux sollte es am Anfang sein. Der Name der Band entstand im Suff, auch sonst nahmen es Jesse Hughes und Josh Homme mit ihrem kleinen Projekt eher von der ironischen Seite. ...

    "Bang Your Head" - Die DVD zum Festival
    Die 90er-Jahre sind vorbei, und die Freunde der gegepflegten Starkstromgitarre freut's. Denn in jener Dekade war Heavy Metal tot, erstickt in der eigenen Langeweile. Herkömmlicher Rock wurde plötzlich ...

    Wolfmother - Wolfmother
    Irgendwie funktioniert Zeitgeist-Hardrock ja immer eher über diese etwas ironisierte Fashion-Schiene. Wenn man Bands wie The Darkness oder die Towers Of London betrachtet und anhört, kann man das alles ...


 
Anzeige
livedome
Konzert-DVD im Stream
Gentleman
Gentleman am 27.04. ab 20.00 Uhr als » Musikstream

Anzeige
.
Partner von Fantastic Zero


itemid = 74 - id = 1483 - task = view - option = com_content - limitstart= 0