Es sind die Gegensätze, die die Musik von Matisyahu so spannend machen. Einmal ist da der Sound. Reggae, mit leichten Querverweisen in die Elektrik, in den Rock, in HipHop-Strukturen. Aber die üblichen Begleiterscheinungen des Offbeat, die Einbettung in die nicht immer angenehme Gesellschaftsstruktur des Dancehall, die fehlen hier halt. Matisyahu hat dem Reggae einen anderen, seinen Glauben eingefügt. Er ist chaddistischer Jude und lebt streng nach den Regeln dieser orthodoxen Lehre, was man auch optisch sofort an Schläfchenlocken und Vollbart erkennt. Jetzt erscheint mit "Youth" das zweite Album des Künstlers. Eigentliche Heimstätte ist nach wie vor JDub - ein Label, das gleichzeitig eine Non-Profit Organisation ist, deren Ziel die Förderung von jüdischer Musik und des interkulturellen Austauschs ist.
Nun wurde sozusagen die Jah-Spiritualität gegen eine andere ersetzt. Der Hörer, der vorher noch nicht die mediale Auseinandersetzung mit dem New Yorker suchte, bekommt davon folgerichtig schon aus sprachlichen Gründen zunächst sehr wenig mit, ihm dürften chaddistische Anspielungen in den Texten nichts sagen, er wird zunächst nur die Musik rezipieren können, die einem sehr angenehmen Ansatz folgt. Matisyahu verbindet den ruhigen Reggae eines Peter Tosh oder Bob Marley mit moderneren Bestandteilen, vor allem, was die Produktion betrifft. Er arbeitet bisweilen im Ragga-Stil der jamaikanischen Soundstystems, da spielt aber auch dezente Elektronik mit HipHop-Appeal ("Time Of Your Song") ebenso eine Rolle wie afrikanische Einflüsse und sogar Rock. Am schönsten ist der zärtlichste Track des Albums: "What I'm Fighting For" ist ein religiöses Erbauungslied der besten Sorte, gleichzeitig aber, was die Hookline angeht, unwiderstehlich und vom Aufbau her einfach, aber brillant.
Natürlich leistet Matisyahu mit dieser Platte auf gewisse Art und Weise Missionarsarbeit. Gleichzeitig betont er immer wieder, dass er eigentlich schon dann die religiöse Seite des Menschen anspricht und stimuliert, wenn er seine Songs in ihre Herzen bringt: "Wer zu meinen Konzerten kommt oder meine Platten kauft, möchte Musik - das ist das, was ich den Leuten gebe. Es soll aber Musik sein, die ihnen etwas beibringt, die ihnen etwas lehrt". Was auffällt: Trotzdem fehlt zumindest bei der europäischen Reggae-Peergroup die Akzeptanz für den 26-Jährigen. Seine Zielgruppe ist eine andere als die, die sie sein sollte. Eine, die zunächst die kulturellen Zusammenhänge und dann die Musik wahrnimmt, eine, die sich nicht zum Mainstream zählt. In den USA ist das etwas anders. Hier ist Matisyahu im Pop angekommen. "Youth" stieg bei seinem US-Release auf Platz vier der amerikanischen Charts ein - für ein so kontroverses Album bemerkenswert.