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Gary Kemp, Musiker

Die Romantik der 80er-Jahre

Band Spandau Ballet

(tsch) Ein schöner Ausflug in die Vergangenheit: Die Konzert-DVD "Live From The N.E.C." zeigt die Londoner Band Spandau Ballet im Jahr 1986 - auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Gitarrist, Songschreiber und Mastermind Gary Kemp bearbeitete die Aufnahmen nun für das 5.1-Soundverfahren, und gemeinsam mit seinem Bruder und Ex-Bassisten Martin versah er das Ganze zudem mit einem Audio-Kommentar. Im Interview erzählt Kemp, der heute in England vor allem als Schaupieler populär ist, von der goldenen Ära der frühen 80er-Jahre, vom Entstehen der "New Romantic"-Szene, aber auch von bitteren Streitigkeiten, die eine Reunion von Spandau Ballet bis heute unmöglich machen.

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teleschau: Herr Kemp, warum erscheint die DVD gerade jetzt? Gibt es ein Jubiläum zu feiern?

Gary Kemp: Wir hatten einfach Lust, das jetzt rauszubringen. Spandau Ballet können im Moment nicht auftreten - wegen verschiedener Probleme innerhalb der Band. Trotzdem gibt es ein gewaltiges Interesse an unserer Musik. Wir wollten auch eine Art Vermächtnis hinterlassen für alle Menschen, die uns vielleicht niemals live sehen konnten.

teleschau: Sie haben einen Audio-Kommentar zu dem Konzert aufgesprochen. Welche Gefühle bewegten Sie, als Sie die alten Bilder sahen?

Kemp: In der Tat, ich habe diese Bilder seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Zuerst war ich allerdings eher technisch involviert als romantisch bewegt. Die Musik ist unbearbeitet, nichts wurde später geschönt. Mit dem 5.1-Sound fühlt es sich aber wirklich so an, als wäre man mitten im Publikum. Das hat mich, meinen Bruder und Steve Norman, der auch damals in der Band gespielt hat, echt umgehauen. Schockiert hat mich vor allem die Kameradschaft, die auf diesen Bildern zu sehen ist. Da kamen viele Erinnerungen zurück.

teleschau: Gute oder schlechte?

Kemp: Gute! Das war schließlich eine tolle Zeit in meinem Leben. In den 90er-Jahren verfolgte ich eine Solokarriere, ich wollte mir beweisen, dass ich selbst wichtiger war als die Band. Aber so einem langen Schatten wie dem von Spandau Ballet entkommt man nicht so schnell. Deshalb fühle ich mich auch ziemlich erleichtert, dass mir dieses Konzert von damals heute wieder so gut gefällt.

teleschau: Die Bandmitglieder von Spandau Ballet streiten und prozessieren seit Jahren um Namensrechte und Tantiemen ...

Kemp: Ja, und am Ende kommt immer heraus, dass niemand sich als Sieger fühlt. Einige Bandmitglieder verklagten mich 1990, weil sie einen Anteil an den Songrechten forderten. So etwas passiert oft im Musikgeschäft. Vor allem, wenn die Musiker älter und die Einnahmen weniger werden. Dann ist man frustriert, und die Streitigkeiten nehmen zu. Das ist wie in manchen Ehen. Ich freue mich immerhin darüber, dass unser alter Saxofonist Steve Norman, der mich damals auch verklagte, heute wieder ein guter Freund ist.

teleschau: Was ist das für ein Gefühl, wenn man sich plötzlich nicht mehr im Pub, sondern im Gerichtssaal trifft?

Kemp: Ich bin sehr traurig darüber, dass es immer noch diese Feindschaften gibt. Ich fände es toll, wenn wir die Chance hätten, unsere Instrumente zu schnappen und wieder Konzerte zu geben. Ich weiß nicht, ob es jemanden interessieren würde, aber für mich wäre es ein Traum und ein großer Spaß.

teleschau: Ein anderer Streit bestand darin, dass die Band ohne Ihren Bruder Martin und Sie auf Tour ging. Sie wollten gerichtlich verhindern, dass sie dafür den Namen Spandau Ballet benutzten ...

Kemp: Ja, so war es. Ich finde, der Name Spandau Ballet sollte nur verwendet werden dürfen, wenn die Originalmitglieder der Band zusammen spielen. Ich habe mal die Band Can in Berlin gesehen und das einzige echte Mitglied war der alte Gitarrist. Das fand ich damals ziemlich enttäuschend. So etwas sollte man nicht tun, finde ich.

teleschau: Gibt es eine Möglichkeit, dass Sie sich mit dem Sänger Tony Hadley darüber unterhalten?

Kemp: Das glaube ich nicht. Bob Geldof fragte uns, ob wir bei Live 8 mitspielen würden. Und wir bekamen selbst das nicht hin. Momentan scheinen die Probleme Spandau Ballets schwerer zu wiegen als die Probleme Afrikas.

teleschau: Lassen Sie uns über die Zeit sprechen, als Spandau Ballet anfing, Musik zu machen. Zusammen mit Bands wie Duran Duran oder Culture Club erhielten Sie sehr schnell die Etikette "New Romantic Movement" ...

Kemp: Ja, da war eine gewisse Stimmung im London des Jahres 1979. Irgendetwas passierte, und wir wussten, das ist jetzt unsere Generation. Eine Generation, die etwas Neues schafft aus dem Erbe von Glam Rock, Punk und Disco. Es gab Clubs in London, in denen man Kraftwerk hörte und die Kids anders aussahen. Natürlich gab es auch Medien, die New Romantic als das nächste große Ding ausriefen. Es war eine Art Kult, und wir waren so etwas wie die Hausband dieser Menschen in London. Aber der Kult interessierte uns nicht so sehr. Jedenfalls wollten wir uns nicht in eine solche Schublade stecken bleiben. Anders als die Punks wollten wir kommerziell erfolgreich sein. Ich bin mit David Bowie aufgewachsen, Marc Bolan und Roxy Music. Die Leute aus der "New Romantic" Szene waren stark von dieser Ästhetik beeinflusst.

teleschau: Ging es bei "New Romantic" denn vor allem um Mode?

Kemp: Nein, "New Romantic" besaß durchaus auch die Eigenschaften des Punk. Wir wollten zum Beispiel nicht, dass sich die Industrie in unsere Szene einmischt. Musik, Artwork, Management - das wollte wir alles in unseren eigenen Händen behalten. Viele "New Romantics" beschäftigten sich mit Multimedia: Fotografie, Video, Film, Grafik. Oder eben mit Musik. Viele Leute aus der Szene, die ich damals kannte, sind später Stars auf ihrem Gebiet geworden.

teleschau: Waren Ihnen die Punks verhasst?

Kemp: Nein, die Punks waren kein Feindbild für uns. Viele "New Romantics" waren früher in der Punk-Szene aktiv.

teleschau: Nach dem Ende der Band arbeiteten Sie vor allem als Schauspieler. Wie kam das?

Kemp: Zur Schauspielerei kam ich durch Zufall, als ich zehn oder elf Jahre alt war. In der Nähe meines Elternhauses gab es einen "Drama Club". Dort geriet ich irgendwie hinein, und wurde bald auch für Filmrollen angefragt, mein Bruder ebenfalls. 1990 wurde wir dann gefragt, ob wir die Rolle der Kray-Zwillinge spielen wollen - berühmte Gangster aus dem London der 50er-Jahre. Von diesem Punkt ging es immer weiter.

teleschau: Aber warum der Wechsel?

Kemp: Wir waren der Ansicht, dass mit den 90-ern auch eine neue Zeit angebrochen war. Die Dance Music wurde sehr populär, und die Menschen interessierten sich mehr für die Musik gesichtsloser DJs als für uns. Wir wollten eine Auszeit von der Band, deshalb konzentrierten wir uns auf die Schauspielerei - und sind niemals zurückgekehrt.

teleschau: Klingt bitter ...

Kemp: Ich hätte wirklich Lust, wieder in einer Band zu spielen. Dieses Gefühl kann man durch nichts ersetzen. Vor kurzem habe ich mit Pete Townshend über dieses Thema gesprochen. Er sagte mir, dass er lange Zeit keine Lust auf The Who hatte. Dann wachte er eines Morgens auf und dachte: "The Who ist das Größte, das ich jemals geschaffen habe!" Dieses Gefühl kommt mir bekannt vor.

Eric Leimann


Stilvoll zelbrierte Popmusik - darum ging's bei Spandau Ballet. Im Bild: Sänger Tony Hadley.
Stilvoll zelbrierte Popmusik - darum ging's bei Spandau Ballet. Im Bild: Sänger Tony Hadley. (Sony BMG)

Steve Norman spielte bei Spandau Ballet Saxophon.
Steve Norman spielte bei Spandau Ballet Saxophon. (Sony BMG)

Gänsehautgarantie - das erwartete den Zuschauer bei Konzerten von Spandau Ballet.
Gänsehautgarantie - das erwartete den Zuschauer bei Konzerten von Spandau Ballet. (Sony BMG)

Datum: 06.08.2005

Diskussion: "Gary Kemp, Musiker"

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