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Sometree

Kunst kennt keine Formeln

Band Sometree

(tsch) Dänemark-Hannover-London-Berlin: Für den Kreativprozess ihres vierten Werks waren die Hannoveraner Indie-Rocker von Sometree gut unterwegs. Nach einer freiwilligen Askese in Dänemark und verschiedenen Produktionen probierte die Band in England einige Songs ihres neuen Albums "Bending The Willow" live aus. Der Testballon kam an. Und gut zurück: Jetzt lässt die Vierer-Kombo das komplette Werk auf seine Fans hierzulande los - schöntrunkene Lieder mit einer bemerkenswerten Detailflut, die zeigen, wie mühelos man sich von Strukturen und Arrangements lösen und im freien Spiel mit Sounds, Tonarten und Beats trefflich rocken kann. Das findet auch Gitarrist Sebastian Lindner.

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teleschau: Ihr habt Euch Ende 2004 in Dänemark eingegraben, um das neue Album zu schreiben. Klingt sehr asketisch. War es das auch?

Sebastian: Eigentlich nicht. Aber für uns ist es für jedes Album wichtig, wegzufahren, von Verpflichtungen Zuhause, von möglichen Störungen und von der Erreichbarkeit. Wir wollten uns alle zusammen eine Woche Zeit nehmen, konzentriert arbeiten, ohne dass einer abends nach Hause fährt.

teleschau: Danach folgte die Produktion mit Tobias Levin, dem ehemaligen Blumfeld-Gitarristen und Produzenten von Tocotronic, Kante und To Rococo Rot. Was für einen Sound wolltet Ihr erreichen?

Sebastian: Das ist schwierig zu sagen. Gradmesser sind für uns immer die vorherigen Alben. Unser letztes, "Moleskine", war relativ weit in den Raum hinein produziert, klang recht indirekt. Diesmal wollten wir alles weiter nach vorne holen. Das war anfangs sehr abstrakt, aber unser Anspruch. Und besonders diesen Gegensatz - auf der einen Seite Sometree und auf der anderen Tobias Levin - wollten wir probieren, weil das eigentlich nicht passt. Das hat uns gereizt, weil wir einen anderen Sound gesucht haben. Wir wollten seinen Input.

teleschau: Wenn Musik, wie Ihr sagt, auch eine Reflexion ist, was habt Ihr dann gehört?

Sebastian: Wenn es um Räumlichkeiten und Atmosphären ging, waren das Alben wie von The Album Leaf. Die Band ist zwar nicht wirklich eine Referenz, aber, was Stimmungen angeht, unschlagbar. Ebenso die vorletzte Platte von Kashmir. Aber das sind nur kleine Aspekte. Für uns gäbe es vermutlich keine Scheibe, bei der alle sagen würden: Das ist es!

teleschau: Ihr seid dann nach Berlin, um Bläser, Klavier und Gesang aufzunehmen. Klingt wie eine unendliche Reise auf der Suche nach Sounds ...

Sebastian: Vielleicht nicht unbedingt nach Sounds, aber es war definitiv die Verfolgung unserer Idee, die man nur schwer beschreiben kann. Das Album sollte in eine gewisse Richtung gehen. Aber Vieles war nicht geplant und hat sich so ergeben. Dieses Album ist das Ergebnis eines Prozesses.

teleschau: Ihr habt einige der neuen Stücke bereits bei Konzerten in England ausprobiert. Wie waren die Reaktionen?

Sebastian: Ziemlich gut. Es waren ein paar Leute da, die uns von vorherigen Touren kannten. In Gesprächen bekamen wir mit, dass die Reaktionen sehr positiv waren. Obwohl das neue Material und wir noch nicht hundertprozentig live-tauglich waren, weil das Album mit allerlei Sounds, Bläsern und Hintergrundflächen gespickt ist. Das konnten wir erst einmal nur bedingt testen - aber trotzdem schon mal probieren, wie sich das anfühlt.

teleschau: Hättet Ihr eine Umschreibung für Euer neues Album? Melancholischer, schwermütiger EMO-Ambient-Rock würde passen, trifft es aber trotzdem nicht.

Sebastian: Wir tun uns da selbst schwer. Ich habe einen Standardspruch, um mich da rauszuwinden: Ich nenne es 'laute Schlagzeugmusik - mit noch lauteren Gitarren!' (lacht) Das trifft es genauso wenig. Wir haben punktuell viele Wurzeln, gemeinsam und individuell. Wir sind vier unterschiedliche Typen, die bei Sometree zusammentreffen. Es gibt keinen generellen gemeinsamen Nenner.

teleschau: Das, woran sich andere Bands festhalten, findet man bei Euren neuen Songs kaum: Song-Strukturen. Einige Lieder kommen fast ganz ohne klassische Gliederungen und Song-Abschnitte daher, fließen stattdessen und verändern sich unmerklich.

Sebastian: Genau das war uns wichtig: aus solchen Strukturen rauszugehen, normale Schemata aufzubrechen. Und ein Song ist erst fertig, wenn alle sagen, dass er total fetzt. Das ist für uns ein bedeutendes Kriterium. Ein schwieriger Prozess, bis alle zufrieden sind ...

teleschau: Das Album ist dichter geworden als "Sold Heart To The One" und "Moleskine" ...

Sebastian: Ja genau. Wir bauen mit den vier Hauptinstrumenten ein Grundgerüst. Zeitnah kommt dann alles andere dazu, tritt im Song nach vorne oder wandert im Mix in den Hintergrund. Aber das Wichtigste ist, dass für uns ein Song erst einmal ohne diese Ergänzungen und Verzierungen funktionieren muss.

teleschau: Ihr habt angeblich "tausende Instrumente" ausprobiert. Welche zum Beispiel?

Sebastian: Das waren natürlich eine Menge virtueller Instrumente am Keyboard. Wir arbeiteten ziemlich experimentell im Studio und nahmen bei einem Song wie "FSDP-1" bestimmt mehr als 128 Spuren auf. Wobei man beim Mischen auch schon mal gnadenlos aussortiert und rausschmeißt, weil man sonst komplett wahnsinnig wird.

teleschau: Ihr müsst gut organisiert sein.

Sebastian: Oder auch nicht! (lacht) Das macht ein neues Album mitunter auch sehr, sehr kräftezehrend.

Die Sometree-Tourdaten:

05.06., Karlsruhe, Radio Oriente

06.06., Köln, Blue Shell

07.06., Berlin, frannz Club

08.06., Hamburg, Tanzhalle St. Pauli

08.06., Hamburg, Michelle Record Store

15.06., Jena, Rosenkeller

16.06., Illingen, Sommernachtstrauma Open Air

17.06., Marburg, Cafe Trauma

23.06., A-Wien, Donauinselfest

29.07., Großefehn / Ostfriesland, Omas Teich Festival

11.08., Osnabrück, Sicksound Open Air

13.08., München, Theatron Arena

Stefan Weber


Sebastian Lindner (links) macht mit seinen Jungs von Sometree (Alex Pavlidis, Bernd Bauerochse, Björn Bauermeister) "laute Schlagzeugmusik mit noch lauteren Gitarren".
Sebastian Lindner (links) macht mit seinen Jungs von Sometree (Alex Pavlidis, Bernd Bauerochse, Björn Bauermeister) "laute Schlagzeugmusik mit noch lauteren Gitarren". (PIAS Recordings)

Sometree zeigen, wie mühelos man sich von Strukturen und Arrangements lösen kann.
Sometree zeigen, wie mühelos man sich von Strukturen und Arrangements lösen kann. (PIAS Recordings)

Datum: 10.06.2006

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