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Keane
Die Ruhe nach dem SturmKeane Keane (tsch) Es war schwer, diesem einen Song in den letzten Jahren zu entkommen. "Somewhere Only We Know" war ein Stück, das in Reality-Dokus im Hintergrund lief - dann, wenn's traurig wurde. Die Radiosender nahmen es in die Heavy Rotation, in den Clubs tanzte dazu die Szene-affine Britpop-Crowd. Das Album "Hope And Fears" hielt sich beeindruckende 30 Wochen in den deutschen Longplay-Charts. Keane waren gewissermaßen Coldplay-Thronfolger, bereit für das ganz große Ding. Die Herren um Tom Chaplin spielten vor Millionen von TV-Zuschauern bei Live 8, als U2-Support - und lösten sich beinahe auf. Drummer Richard Hughes erzählt, warum mit "Under The Iron Sea" doch noch das zweite Album erscheinen konnte - und warum es so außergewöhnlich klingt. Anzeige
teleschau: "Under The Iron Sea" ist ein trauriger Titel für eine Platte. Woher kommt er? Richard Hughes: Es ist eine Liedzeile aus "The Crystal Bowl". Und diesen Song schrieb Tim während der nie enden wollenden US-Tour vor eineinhalb Jahren. Wir kämpften damals, aber wir hatten keine Kraft mehr. Wir kommunizierten kaum, wir teilten nicht mehr die Dinge, die uns Spaß machten. Wir hatten einfach so eine Art Lagerkoller. Aber darüber reden konnten wir auch nicht. Deswegen schlossen wir uns sozusagen von den anderen weg, versteckten uns - wir tauchten ab, in ein tiefschwarzes Meer, in dem man sich gegenseitig nicht mehr wahrnahm. teleschau: Es heißt, Ihr hättet Euch fast aufgelöst ... Hughes: Ja, aber während der Tour war das uns gar nicht so klar. Da war nur unsere Freundschaft vorbei, am Ende. Erst, als wir wieder ins Studio gingen, wurde uns bewusst, dass das auch Auswirkungen auf das Bandgefüge haben würde. Am Anfang war alles voller Zweifel. Bisweilen dachten wir, dass einer irgendwann einfach nicht mehr kommen und das Kapitel Keane so beenden würde. teleschau: Habt Ihr das ausdiskutiert? Hughes. Das war nicht nötig, es war eher so eine Instinkt-Geschichte. Wir genossen es dann irgendwann doch, die Platte aufzunehmen, die Songs auszuarbeiten. Zumal ja die einzelnen Lieder die Probleme und unsere Sorgen thematisieren. Musik war sozusagen eine Ausdrucksform, ein Kommunikationsmittel. teleschau: Rechnet man in einer Band mit solchen Problemen? Hughes: Das sind Dinge, die man nicht planen kann. Man weiß doch auch in einer Freundschaft nicht, was man erwarten kann, wie sich Stimmungen entwickeln. Es war einfach seltsam - plötzlich merkst Du: Alles um dich herum ist dunkel, und du weißt gar nicht, wie du das bewältigen sollst. teleschau: Habt Ihr nach der US-Tour eine Pause gemacht? Hughes: Nein, ich denke auch nicht, dass das etwas gebracht hätte. Da hätte sich doch keiner entspannen können. Jeder hätte sich irgendwohin gesetzt und Angst gehabt, dass das alles kaputt gehen würde. teleschau: Worin unterscheidet sich "Under The Iron Sea" musikalisch vom Vorgänger? Hughes: Wir versuchten diesmal nicht, perfekt zu sein. Wir wollten unsere Stimmung einfangen, die Sache zu Ende bringen. Da liegt auch der Unterschied zu "Hopes And Fears". Als wir das aufnahmen, kannten wir unser Ziel. Diesmal hatten wir nur ein Gefühl im Bauch, das raus musste. teleschau: "Is It Any Wonder" ist Euer bisher härtester Song ... Hughes: Tim versuchte da, sein Klavier nach Jimi Hendrix klingen zu lassen, und es ist ihm auch ganz gut gelungen, wie ich finde. Er gammelt wirklich viel in Second-Hand-Musicshops rum und gibt dort ein Vermögen aus. Mittlerweile hat er jede Menge Effektgeräte, und durch irgendein Teil jagte er diesen Akkord durch, bis er richtig hart klang. Wahrscheinlich, weil dieser Song laut sein muss - er handelt von Ärger, von Machtlosigkeit, erzählt über diese moderne Welt, in der wir leben und die immer schwieriger wird. teleschau: Was hat es mit dem "Hamburg Song" auf sich? Hughes: Es ist ein wahnsinnig depressives Stück Musik. Sorry, aber es gibt eben wenig Licht auf dieser Platte (lacht). Mit Hamburg hat das Stück leider gar nichts zu tun. Tim nannte es so, weil das erste Demo in Hamburg aufgenommen wurde, als wir dort einen freien Tag hatten und in einem Tonstudio ein bisschen herumexperimentierten. teleschau: Ihr habt bei Live 8 vor 100.000 Leuten gespielt. Andererseits war die britische Musikpresse bisweilen sehr grob. Wie geht man mit solchen Extremen um? Hughes: Schlechte Kritiken lese ich nicht mehr, da kriege ich nur miese Laune. Wir wissen auch so, dass wir viele Fans und Unterstützer haben, übrigens auch ohne Mega-Events wie Live 8. Was wichtig ist: Auch wenn Du vor zehn oder vor hundert Leuten spielst, musst Du alles geben, dir bewusst machen, dass das die Menschen sind, ohne die du nichts wärst. Wir hören ja die ganze Zeit von denen, sie kommen bei Konzerten zu uns, wollen mit uns über unsere Songs reden oder uns einfach sagen, was ihnen die Musik bedeutet. Das ist wichtiger als das, was irgendjemand schreibt. teleschau: Wie reagierten sie denn auf die neuen Lieder? Hughes: Wir haben in den letzten Monaten fast alle Tracks von "Under The Iron Sea" gespielt. Und den Leuten gefiel es gut. Was erstaunlich war: Die neuen Stücke verleihen auch den Songs von "Hopes And Fears" Flügel, sie klingen jetzt viel energiereicher. Nach drei Jahren Touren mit 15 Songs ist es auf jeden Fall eine nette Abwechslung, neues Material zu haben (lacht). teleschau: Was wollt Ihr ändern, um nicht wieder in Band-gefährdende Routine abzurutschen? Hughes: Wir wollen wieder in kleineren Hallen spielen, sozusagen bei Null anfangen. Wir wollen versuchen, die Platte auf der Bühne gut umzusetzen, was eine Herausforderung ist, weil da sehr viel alte Technik drinsteckt. Und natürlich wollen wir auf uns aufpassen - die Dinge einfach etwas ruhiger angehen und mehr aufeinander hören. Jochen Overbeck |
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