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Esmas Geheimnis - Grbavica

Esmas Geheimnis - Grbavica

(tsch) Heldenhafte Frauen sind Lars von Triers Lieblingsthema. In einer künstlichen Welt ließ der Dogma-Anführer Nicole Kidman, Björk und Emily Watson hehre Absichten verfolgen. Die Regisseurin Jasmila Zbanic tut dies nun mit "Esmas Geheimnis" in der Realität ihrer Heimat Sarajevo. Dabei stilisiert das Drama trotz seiner betonten Alltäglichkeit die Hauptdarstellerin nicht weniger als es "Dancer in the Dark" oder "Dogville" taten.

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Esma (Mirjana Karanovic) ist allein erziehend, ihre forsche Tochter Sara (Luna Mijovic) ein gleichwertiger Partner, weit reifer, als das Alter von zwölf Jahren vermuten lässt. Unbeschwerte Gelassenheit, wie sie eine Kissenschlacht der beiden relativ zu Beginn dokumentiert, wird in den folgenden 90 Minuten allerdings in den Hintergrund rücken. Denn die Zeit ist gekommen, da das Geheimnis der energischen Esma an die Oberfläche kommt.

Jasmila Zbanic fasziniert diese scheinbar friedliche Zeit, in der aufgearbeitet werden muss, obwohl lieber verdrängt wird. Bisher porträtierte sie in Dokumentationen die Lebenswege von Mädchen in Bosnien und Serbien oder begleitete Mütter auf der Suche nach ihren Kindern. Wo die Oberfläche Kratzer bekommt und Gefühle hervorbrechen, entsteht Material für sie als Filmemacherin, die von sich sagt, dass sie sich damals, als der Krieg begann, freute, dass ihre Matheklausur ausfiel. Mit 18 erlebte Zbanic Anfang der 90-er plötzlich ein Bosnien, in dem 20.000 Frauen vergewaltigt wurden. Aus dem stetig wachsenden Interesse an diesem Thema entstand schließlich das Drehbuch zu "Grbavica".

Grbavica ist der Originaltitel und ein Stadtteil in der Nähe des Hauses, in dem die Regisseurin wohnte. Während des Krieges besetzte ihn die Armee von Serbien-Montenegro und folterte dort die Zivilisten. Noch heute spüre man dort etwas Unausgesprochenes, Unaussprechliches. Dort lebt jene Esma, dort schreitet der Wiederaufbau nur langsam voran.

Die Klassenfahrt, die Esma ihrer Tochter finanzieren will, wird zu viele Geheimnisse ans Licht bringen, als dass Harmonie aufrecht erhalten bleiben kann. Von Anfang an nimmt es die ernsthafte Frau mit der Wahrheit nicht so genau. Sie verneint die Frage nach Kindern, schließlich will sie einen Job im Nachtclub. Schon in der nächsten Szene folgt erwähnte Kissenschlacht, die unterbrochen wird von einer plötzlichen Panik, weil Sara ihre Mutter "besiegt" und ihre Handgelenke festhält. An dieser Stelle wird zum ersten Mal der Vorhang zu Esmas Seele gelüftet, ihre Angst offenbar. Angst, die sie schon einmal in ihrem Leben empfunden hat, Angst, die immer bleiben wird.

Es gibt bereits in den ersten Minuten des Dramas keine Zweifel, wohin diese Geschichte führt. Vermutlich soll der Gewinnerfilm der Berlinale 2006 nicht spannend sein. Er will nur beobachten. Das wirft eine keineswegs ketzerisch gemeinte Frage auf: Braucht eine Geschichte über das Leben nach einer Vergewaltigung keine subtile Dramaturgie? Vom moralischen Standpunkt aus ist das leicht beantwortet. So wurde lediglich der Mut belohnt, bei diesem Thema hinzusehen.

Filmisch allerdings ist dieses Debüt nicht der Rede wert. Das gute Schauspielergespann stolpert durch viele Klischees. Zu ungelenk versucht Esma die Wahrheit zu meiden, zu unausweichlich kommt dieses Geständnis auf sie zu. Die enge, partnerschaftliche Bindung hätte die Lügen und Verstrickungen bereits viel eher auflösen müssen. Letztlich wird nicht einmal der Schmerz, den die Mutter fühlt, wenn sie ihrer Tochter endlich die Wahrheit sagt, greifbar. Dafür wurden im Vorfeld überdeutlich Akzente gesetzt, sei es mit einer Forelle, weil Sara die so liebt und die Mutter ausschließlich dafür da ist, ihr Kind glücklich zu machen. Sei es mit der Kamera, die oft auf dem betroffenen Gesicht Esmas ruht. Positiv hervorzuheben sind Kleinigkeiten, die weniger plakativ transportiert werden, wie die Idee, dass hier ein Kind trotz der schwierigen Situation Selbstbewusstsein mitbekommt. Überhaupt ist es Luna Mijovic in der Rolle der Sara, die die menschliche Komponente ausmacht, viel mehr als die Mutter, die in ihrem schmerzenden Stolz immer wieder gegen die Wand läuft.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Ventura, A / D / HR / BIH 2006, R: Jasmila Zbanic, D: Luna Mijovic, Mirjana Karanovic, Kenan Catic u.a.

Laufzeit: 90 Min.


Sara (Luna Mijovic) möchte wissen, wer ihr leiblicher Vater ist.
Sara (Luna Mijovic) möchte wissen, wer ihr leiblicher Vater ist. (2006 coop99 / Deblokada / noirfilm / Jadran Film / M. Höhne)

Die allein erziehende Mutter Esma (Mirjana Karanovic) hat die gewalttätigen Erlebnisse aus der Kriegszeit bis heute noch nicht überwunden.
Die allein erziehende Mutter Esma (Mirjana Karanovic) hat die gewalttätigen Erlebnisse aus der Kriegszeit bis heute noch nicht überwunden. (2006 coop99 / Deblokada / noirfilm / Jadran Film / M. Höhne)

Nachtclub-Kollege Pelda (Leon Lucev) findet Esma sehr sympatisch.
Nachtclub-Kollege Pelda (Leon Lucev) findet Esma sehr sympatisch. (2006 coop99 / Deblokada / noirfilm / Jadran Film / M. Höhne)

Datum: 04.07.2006

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