Claude Chabrol

"Eine andere Form des Kasperletheaters"

Regisseur Claude Chabrol

(tsch) Es sind einige Jahre ins Land gegangen, seit Claude Chabrol mit seinem ersten Kinofilm "Die Enttäuschten" auf sich aufmerksam gemacht hat. Seit 48 Jahren dreht der Franzose mit dem besonderen Gespür für spannende Stoffe Filme und hat rein gar keine Lust, damit aufzuhören. Seinen Biss hat der 76-Jährige nicht verloren. Außerdem gibt er sich gerne als liebenswerter Dickkopf: "Ja, ich rauche gerne. Und die, die es mir verbieten wollen, rauchen doch auch alle im Geheimen." Sein neuester Film "Geheime Staatsaffären" (Kinostart: 20.07.) beschäftigt sich mit Machtspielen in Frankreich, die er aber gerne als universelles Problem sehen möchte. Im Interview spricht der Altmeister über reale Vorbilder des verdorbenen Treibens, Karrierefehler und verrät, ob er selbst gerne Macht ausübt.

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teleschau: Ihr Film erinnert an einen großen Skandal rund Elf Aquitaine Frankreich. Wie real sind die Darstellungen?

Claude Chabrol: Der echte Fall diente mir nicht unbedingt als Grundlage für den Film, aber als roter Faden. Das zentrale Thema war eigentlich die Figur dieser Untersuchungsrichterin. Der Fall hat den großen Vorteil, dass man den französischen Zuschauern nicht so viel erklären muss, weil sie sich weitgehend darin auskennen und durch dieses Vorwissen gleich tief in die Materie einsteigen können. Es war wirklich interessant, weil diese Affäre um das Unternehmen eben ein sehr großer Betrugsfall war. Die beteiligten Leute waren schlicht lächerlich. Besonders freute mich, und damit hatte ich auch gerechnet, dass die Zuschauer eben diese Leute in den Filmfiguren wieder erkannten. In diesem Sinne ist mein Film eine andere Form des Kasperletheaters.

teleschau: Wird das deutsche Publikum verstehen, worum es geht?

Chabrol: Für mich war es wichtig, diese Affäre zu verallgemeinern und so darzustellen, dass sie auch so verstanden werden kann. Daher ließ ich alle möglichen charakteristischen Details außen vor. Das Grundprinzip von Schummelei, Mogelei, Betrug - wie Sie es auch nennen wollen - sollte erkennbar werden.

teleschau: Dennoch bleibt es zunächst ein französisches Thema ...

Chabrol: Ja, ich hatte ein wenig die Befürchtung, dass es trotz dieser Verallgemeinerungen schwierig werden könnte, den Film ins Ausland zu verkaufen. Aber die Reaktionen auf dem europäischen Filmmarkt haben mich eines Besseren belehrt: Jedes Land hat offenbar seine ganz speziellen Betrugsskandale, die in dem Film wiedererkannt werden können.

teleschau: Die Protagonistin ist eine ambivalente Figur: Als Untersuchungsrichterin findet sie selbst immer mehr Gefallen daran, Macht auszuüben.

Chabrol: Man muss sich nur in ihre Situation versetzen: Je mehr Macht sie bekommt, desto mehr verrät sie auch ihren eigenen Beruf. Sie kommt zwar voran, aber sie verstrickt sich gleichzeitig auch in das Verbrechen. Dabei ging ich von einem Berufsbild aus, das sehr widersprüchlich ist. Die Besonderheit des französischen Untersuchungsrichters ist, dass man belastende und nicht belastende Dokumente gleichermaßen suchen muss. Der Untersuchungsrichter arbeitet für beide Seiten gleichzeitig, ist also in sich eine gespaltene Persönlichkeit. Das ist im Grunde eine unmögliche Aufgabe, die vielleicht gerade deswegen häufig Frauen anvertraut wird. In Frankreich sind viele Frauen Untersuchungsrichterinnen.

teleschau: Wie mächtig fühlen Sie sich selbst als Regie-Legende?

Chabrol: Ich nutze diese Macht nicht. Sie interessiert mich auch nicht. Machtausübung ist immer ein Eingeständnis der Schwäche. Ich halte mich eher für eine starke Persönlichkeit, also brauche ich so etwas wie Macht nicht.

teleschau: Nie?

Chabrol: Nun, in den seltenen Fällen, in denen ich Macht ausübe, rufe ich mir ein Taxi.

teleschau: Macht es Ihnen Spaß, mächtige Menschen in Ihren Filmen scheitern zu lassen?

Chabrol: Das sind vor allem Leute, die sich selbst zu sicher sind. Ich liebe es, Dinge zu relativieren: Es gibt eine Spezies von Mensch, die ihre Position und ihre Funktion auf dem Schilde vor sich hertragen. Und die führe ich gerne mit einigen Handgriffen in den Bereich des Realistischen wieder zurück. Wie bei der Eröffnung dieses Films: Dieser Mann, der auf dem Höhepunkt seiner Macht steht, findet sich am Ende nur in Unterhosen wieder. Das gefällt mir.

teleschau: Sie drehten knapp 60 Filme. Wie zufrieden blicken Sie auf Ihre Karriere zurück?

Chabrol: Es gibt sicherlich einige bessere Filme unter den 60 und auch einige schlechtere. Wenn man so viel dreht, glauben Sie mir, dann ist das nicht ein Ausdruck von Selbstüberschätzung, sondern von Bescheidenheit. Daraus spricht eher die Erkenntnis, dass man nicht in der Lage ist, ein Meisterwerk zu schaffen. Deswegen muss ich so viele drehen. Ich merke das auch manchmal schon während der Dreharbeiten, dass der Film nicht so gut wird. Dann heißt es: Zähne zusammenbeißen und in Würde einen schlechten Film zu Ende bringen. Ich glaube, vier oder fünf meiner Filme sind wirklich nicht gelungen. Für die Hälfte aller meiner Filme glaube ich mich nicht schämen zu müssen.

teleschau: Wie haben Sie sich in all den Jahren verändert?

Chabrol: Ich werde sicherlich nicht milder. Das würde voraussetzen, dass ich früher schlimmer gewesen wäre. Und das war ich wirklich nie. Filme zu drehen, macht mir immer mehr Spaß. Natürlich gibt es die immer selben Beunruhigungen wie vor dem ersten Drehtag oder nach dem Abschluss, wenn es darum geht, wie sich der Film schlagen wird bei der Kritik und dem Publikum. Diese kleinen Angstzustände sind mit der Zeit immer geringer geworden und sind fast gänzlich verschwunden. Übrig geblieben ist die Freude an der Arbeit. Mit der Erfahrung, dass es nie wirklich schwierig für mich wird, Filme zu finanzieren, kann ich mich allein auf die positiven Seiten der Regie konzentrieren. Ich bin in der glücklichen Lage, das umsetzen zu können, was ich möchte.

teleschau: Frankreich wird und wurde von sozialen Unruhen erschüttert. Denken Sie, dass sich die Lage in Zukunft noch weiter zuspitzen wird?

Chabrol: Ich glaube, es kann durchaus noch schlimmer werden. Doch bin ich der Überzeugung, dass das, was die jungen Leute dort in den Vororten von Paris getan haben, durchaus noch eine höfliche Art der Warnung war. Sie haben Dinge in ihrem eigenen Kiez verbrannt. Die Warnung war unmissverständlich: "Beim nächsten Mal fackeln wir eure Autos ab."

teleschau: Was also ist zu tun?

Chabrol: Der Staat muss zumindest ein Minimum an Ordnung sicherstellen, aber in gleicher Weise für die Menschen Rahmenbedingungen schaffen, in denen sie ein lebenswertes Leben haben können. Dass der Staat als Reaktion auf die Ereignisse massive Repressionen ausübt, wird die Lage nicht verbessern. Eigentlich sind die Menschen, auch die Jugendlichen, in den Vororten sehr ruhig. Ihr Problem ist, dass sie den Worten im Fernsehen mehr glauben als ihrer eigenen Beobachtungsgabe. Dadurch kann das Vorgehen der Politik nach hinten losgehen. Dabei ist seit Jahren klar, dass es nicht mehr so weitergehen kann, weil der Lebensstandard so erschreckend niedrig ist in manchen Teilen des Landes.

Leif Kramp


Im Juni 1930 wurde der Apothekersohn Claude Chabrol in Paris geboren.
Im Juni 1930 wurde der Apothekersohn Claude Chabrol in Paris geboren. (2006 Concorde Filmverleih GmbH)

Der Regisseur Claude Chabrol im Gespräch seiner Darstellerin Isabelle Huppert. Gemeinsam drehten sie "Geheime Staatsaffären" (Start: 20.07.).
Der Regisseur Claude Chabrol im Gespräch seiner Darstellerin Isabelle Huppert. Gemeinsam drehten sie "Geheime Staatsaffären" (Start: 20.07.). (2006 Concorde Filmverleih GmbH)

Datum: 17.07.2006

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