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Geheime Staatsaffären

Geheime Staatsaffären

(tsch) Skandale sind schrecklich und herrlich zugleich: Offenbaren sie einerseits den menschlichen Makel, oft sogar etliche davon, bündeln sie doch andererseits Medieninteresse, bekommen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und sorgen für allerhand Spekulationen: gute Unterhaltung eben. Der Wirtschafts- und Politskandal um den französischen Öl-Konzern "Elf Aquitaine" war ein solcher Kristallisationspunkt, in dem sich all die Schlechtigkeit, Gier und Hochmut hochrangiger Manager und Politiker mit Macht Bahn brach. Es war der größte Korruptionsprozess, den Frankreich je gesehen hatte.

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Schmiergeldzahlungen, um Wettbewerbsvorteile zu erringen, private Bereicherung, Verflechtungen bis in die hohe Politik: Top-Manager des Konzerns wurden zu hohen Geld- und Haftstrafen verurteilt, und auch der frühere Außenminister und ehemalige Verfassungsrichter Roland Dumas musste damals etwa 150.000 Euro Strafe zahlen, weil zu viele Francs in den ausufernden Lebensstil seiner Geliebten geflossen waren.

Die Verteidigung beschwichtigte, die Angeklagten seien doch alle Gefangene eines Systems gewesen, das bereits in den 50er-Jahren unter Präsident Charles de Gaulle etabliert worden sei. Schon damals soll es so genannte "schwarze Kassen" gegeben haben, um die Wettbewerbsvorteile des Konzerns zu sichern.

Die Ermittlungen beförderten derart viele interessante Details zu Tage, dass ein Film zum "Elf"-Skandal längst überfällig war. Schon allein die Person Alfred Sirvens, Top-Manager des Unternehmens, lieferte allerhand Material für bestes Entertainment: Als die Korruption aufflog, flüchtete er außer Landes, wurde auf den Philippinen gefasst und prahlte bei seiner Festnahme damit, dass er mit seinem Wissen die "Republik 20 Mal hochgehen lassen könne". "Elf" diente der französischen Regierung Anfang der 90er-Jahre als verlängerter Arm der Diplomatie vor allem in Schwarzafrika. Auch beim Verkauf der ostdeutschen Raffinerie Leuna - ebenfalls eine Affäre für sich - sorgte er für das nötige Schmiergeld. Bei seiner Verhaftung schluckte Sirven sogar die SIM-Karte seines Handys hinunter, damit die Polizei nicht ermitteln konnte, wen er zuletzt angerufen hatte.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis diesen spannenden Verwicklungen Leinwandehren zuteil würden. Und dennoch: Claude Chabrol, mit beinahe 50 Filmen der fleißigste und angesehenste noch lebende Regisseur Frankreichs, dokumentierte weniger das, was geschehen ist, sondern nahm die Affäre als Ausgangspunkt, um daran eine Charakterstudie zu entwickeln, wie Macht jeden auch noch so ehrbaren Menschen korrumpieren kann. Nicht politische Verfehlungen, wie der deutsche Titel "Geheime Staatsaffären" glauben lässt, spielen bei Chabrol eine exponierte Rolle, sondern eben jene gefährliche Trunkenheit, die nur Macht bewirken kann.

Eva Joly heißt die Untersuchungsrichterin, die im Fall "Elf Aquitaine" all den Dreck ausbuddelte, der den Prozess schließlich zu einem der spektakulärsten in der europäischen Wirtschaftsgeschichte werden ließ. In ihrem Buch "Im Auge des Zyklons" schildert sie ihre sechsjährige Tätigkeit, wie sie mit Mafia-Methoden zum Schweigen gebracht werden sollte, von Schmiergeldzahlungen in Milliarden und entwirft damit das Bild eines Siegs von David gegen Goliath. Die Elf-Affäre selbst entbehrte nicht einer gewissen ungewollten Komik: Die damals existierenden Schwarzgeld-Konten trugen beispielsweise teils skurrile Namen wie "Tomate" oder "Languste".

Im Film wird Joly gespielt von Isabelle Huppert, mit der Chabrol bereits zum siebten Mal zusammenarbeitete. Jeanne, so ihr Name im Film, gelingt ein großartiger Coup, indem sie den Firmen-Chef Humeau, gespielt von François Berléand, der zuletzt als Kommissar in den beiden "Transporter"-Filmen von Luc Besson zu sehen war, verhaften lässt. Ihr Ziel: dem Manager und seinen Partnern die Veruntreuung von Geldern und Bestechung nachzuweisen.

Natürlich erfährt sie Unterstützung von all jenen, die sich vom Fall der Bosse etwas versprechen. So wird sie von einem aufstrebenden Herren namens Sibeaut (etwas überzeichnet: Patrick Bruel) mit Insider-Informationen versorgt. Je mehr Erfolge sie bei der Entlarvung der Verbrechen feiert, desto berauschter wird die Untersuchungsrichterin von ihrer Macht über die Niedertracht. Darunter zu leiden hat vor allem ihr Ehemann Philippe (zu bemitleiden: Robin Renucci), von dem sie sich immer mehr entfernt. Als die Ermittlungen immer mehr Einfluss auf ihr Privatleben nehmen und sie sogar in einen mysteriösen Autounfall verwickelt wird, droht sie das aus der Bahn zu werfen - denn nichts ist für eine Richterin schlimmer, als die Kontrolle zu verlieren.

Was Chabrol gelingt, ist eine spannende Leinwandarbeit über die Wandlung eines Charakters von der Kämpferin für Gerechtigkeit zu einer erbitterten Kämpferin um des Kampfes Willen. Außer Acht gelassen wird dabei fast völlig die Verstrickung der politischen Elite in den Wirtschaftsskandal, weshalb auch der deutsche Titel unglücklich gewählt ist. Wie negativ sich die weitgehende Macht und Freiheiten französischer Untersuchungsrichter auswirken können, ist auch für deutsche Zuschauer faszinierend mitzuerleben, vor allem, weil Isabelle Huppert in ihrer Rolle wahrlich aufgeht. Sie ist kantig, biestig, streitbar, aalglatt und beweist Humor - je nachdem, was die Situation erfordert.

Der Name "Elf Aquitaine" fällt im Film nicht, doch Chabrol nahm diese Affäre als passgenaue Schablone, um seine eigene Sicht von den Mächtigen zu schildern - und wie er sie am liebsten scheitern sieht. Mit seinen mittlerweile 76 Jahren, so sagt der Regisseur, fühle er sich selbst aber keineswegs mächtig, obwohl er dankbar dafür sei, die Geschichten erzählen zu dürfen, die er für interessant hält. Es habe einige schlechte und einige gute Filme in seiner Karriere gegeben. "Geheime Staatsaffären" gehört zu den besseren.

Leif Kramp

Credits:
V:Concorde, F / D 2006, R: Claude Chabrol, D: Isabelle Huppert, Patrick Bruel, François Berléand u.a.

Laufzeit: 110 Min.


Für Richterin Jeanne Charmant (Isabelle Huppert) ist der neue Fall eine echte Herausforderung.
Für Richterin Jeanne Charmant (Isabelle Huppert) ist der neue Fall eine echte Herausforderung. (2006 Concorde Filmverleih GmbH)

Sibaud (Patrick Bruel) weiß noch mehr, als er vorgibt.
Sibaud (Patrick Bruel) weiß noch mehr, als er vorgibt. (2006 Concorde Filmverleih GmbH)

Jeanne (Isabelle Huppert) erfährt von Ehemann Philippe (Robin Renucci), dass sie Besuch bekommen.
Jeanne (Isabelle Huppert) erfährt von Ehemann Philippe (Robin Renucci), dass sie Besuch bekommen. (2006 Concorde Filmverleih GmbH)

Datum: 17.07.2006

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