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Muse

Musik aus der Askese

Band Muse

(tsch) Mit ihrem neuen Album "Black Holes & Revelations" verlässt der britische Dreier Muse seine bisherige Umlaufbahn, um sich fortan in den unendlichen Weiten des Musikkosmos' zu verlieren. Ab sofort gilt: Anything goes, da die Band nun die Limitierungen der eigenen Instrumentierung ignoriert, wie Bandboss Matthew Bellamy erklärt.

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teleschau: Was folgt, wenn man sich als Band mit dem letzten Album bereits selbst die "Absolution" erteilt hat?

Matthew Bellamy: Die Idee war, jeden einzelnen Song den neuen Werkes völlig anders klingen zu lassen. "Black Holes & Revelations" sollte anders klingen, als alles, was wir bislang geschrieben haben.

teleschau: Abgesehen davon, dass das jede Band will - wie erreicht man das?

Bellamy: Wir fuhren zunächst in ein kleines Studio nach Frankreich, um uns sozusagen "auf Null" zurückzusetzen, um völlig neu anzufangen. Wir haben dort zunächst den Abbruch unserer bisherigen Fähigkeiten betrieben.

teleschau: Mit welchem Ergebnis?

Bellamy: Wir experimentierten stärker mit elektronischen Instrumenten und sogen eine Menge neuer Einflüsse auf. Es ging uns darum, die Art, wie wir bisher Musik machten, völlig zu zerlegen und neu zusammenzubauen.

teleschau: Euer Bastelseminar fand im hübschen französischen Miraval statt, in alten Gemäuern zwischen Weinbergen und sanften Hügeln. Klingt entspannt und romantisch.

Bellamy: War es auch. Wir hatten kein Telefon, kein Internet, kein Fernsehen. Es war eine regelrechte Abschottung vom normalen Leben. Eine tolle Atmosphäre, um kreativ zu arbeiten.

teleschau: Also Musik aus der Askese?

Bellamy: Könnte man sagen. Das Château ist sehr alt, aus der Zeit der Tempelritter, mit geheimen Tunneln und einer spannenden Geschichte. Ein sehr inspirierender, geschichtsträchtiger Ort. In dem Raum, in dem wir probten, hatte sich sogar eine Horde Fledermäuse häuslich eingerichtet, der es völlig egal war, ob wir dort herumlärmten. Sie flogen uns um die Köpfe, während wir probten.

teleschau: Danach ging's weiter ins legendäre New Yorker "Electric Ladyland"-Studio. Spürt man dort noch den Vibe von Jimi Hendrix?

Bellamy: Die Technik hat sich verändert, das Design nicht. Alles sieht dort noch genau so aus, wie Hendrix es konzipierte. Ich war überrascht, denn Design, Möbel, Wandgestaltung - alles wirkt total futuristisch, absolut modern. Ich finde diese Seite an Hendrix ebenso interessant wie seine Musik.

teleschau: Apropos Inspiration, die Band Deines Vaters (The Tornados) soll bei Dir eine gewichtige Rolle gespielt haben.

Bellamy: Ja. Als ich begann, Musik zu machen, interessierte mich nur Rock. Aber mit jedem unserer Alben haben sich meine Einflüsse erweitert. Das betrifft auch die Musik meines Vaters. Am Anfang fand ich sie blöd und uncool. Er hat in den späten 50er-Jahren Musik für die damalige Zeit sehr experimentelle Musik gemacht, mit seltsamen Effekten und ungewöhnlichen Produktionstechniken. Dadurch bin ich dazu gekommen, dass wir mehr ausprobieren und uns öffnen sollten.

teleschau: Außerdem bist Du vor den Aufnahmen ins Königreich von Buthan gereist, um Texte zu schreiben. Warum das?

Bellamy: Wenn ich Ideen suche, Ruhe, Inspiration und Balance, ist es für mich am besten, wenn ich weit weg von zu Hause bin. Damit entkopple ich mich von den Zwängen moderner Technologie und kehre zu rudimentärer Kreativität zurück. In unserer westlichen Zivilisation steht man ständig unter Druck, überall werden Informationen auf einen abgefeuert - per E-Mail, Internet, Handy - alles wird schneller und hektischer. Und manchmal muss ich mich einfach mal dem ganzen Input entziehen, um neuen Ideen Raum zu geben. Außerdem ist Buthan ein wunderschönes Land mit einer sehr interessanten Kultur. Ich mag es, in den Bergen herumzuklettern. Ich hab's trotz erheblicher Atemprobleme auf einen Viertausender geschafft! Das war die Anstrengung wert.

teleschau: Ihr habt Eure typischen Stilmittel - die Kontraste zwischen Gefühl und Härte, Melodie und Krach - stärker ausgereizt. Ein Song wie "Supermassive Black Hole" zeigt außerdem, dass Ihr auch grooven könnt, zeigt Einflüsse von Prince und Kanye West.

Bellamy: Es gibt seit jeher diese Seite in uns, aber wir fanden es immer schwer, das in Songs umzusetzen. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil ich eben kein schwarzer Sänger bin, mit Blues- und R'n'B-Feeling. Aber diesmal war es uns wichtig, auch diese Seite zu zeigen und so einen Song aufs Album zu nehmen. Aber statt wie die Red Hot Chili Peppers oder Rage Aganist The Machine zu klingen, haben wir Elektronik in den Song gepackt und den Beat verändert. Das hat eine Menge Spaß gemacht.

teleschau: Wo steht Ihr mit dem neuen Album?

Bellamy: Ich denke, es repräsentiert eine Veränderung. Auf den ersten beiden Alben mussten wir uns finden, "Absolution" war bereits experimenteller. Und dieses Album ist eine Durchgangsstation auf unserem Weg. Wir sind jetzt bereit, Alben aufzunehmen, die sehr anders sein können, als die Liveperformance.

teleschau: Damit verlasst Ihr die Limitierungen als Trio?

Bellamy: Ja, vielleicht entwickeln wir uns langsam zur Studio-Band. Wir sind jetzt wesentlich offener, musikalisch all das umzusetzen, was wir wollen. Wir sind uns bewusst, dass wir uns öffnen müssen - etwas, worüber wir schon immer nachdachten, es aber noch nie umsetzten. Zukünftig müssen wir uns Gedanken machen, ob wir ein Orchester mitbringen, Trompeter, jemanden, der sich um die Elektronik kümmert. Ab sofort ist alles denkbar.

teleschau: Du warst nach der letzten Tour angeblich ein Stalking-Opfer, musstest Telefonnummer und E-Mail-Adresse ändern. Was war los?

Bellamy: Opfer ist zu viel gesagt. Als ich zu der Zeit in London wohnte, klingelte ganz oft mein Telefon, und wenn ich abhob, wurde sofort aufgelegt. Oder es klingelte an der Tür, und niemand war da. Eines Tages standen zwei Typen vorm Eingang und wollten den Gaszähler ablesen. Da die beiden extrem jung aussahen, fragte ich, ob sie sich ausweisen könnten. Konnten sie aber nicht. Stattdessen sagten sie: "Du hast dir ja die Haare gefärbt seit der Tour!" Das war's - andere Probleme hatte ich nicht.

teleschau: Der britischen Presse war zu entnehmen, dass sich eine Frau umbringen wollte, falls Du keinen Sex mit ihr haben würdest. Abgesehen von der Zweifelhaftigkeit dieser Offerte: Ist das nicht das, wovon Rockstars träumen?

Bellamy: (lacht) Nicht wirklich. Und dieses Problem kannte ich übrigens noch nicht! Okay, in Russland gibt es ein Mädchen, dass es irgendwie schaffte, immer Backstage zu sein, um mir großformatige Nacktbilder von mir zu zeigen, die sie selbst gemalt hatte. Das machte mich ein bisschen verlegen.

Stefan Woldach


Muse - das sind Matthew Bellamy (Frontmann, rechts), Chris Wolstenholme (Bass, Mitte) und Dom (Drums).
Muse - das sind Matthew Bellamy (Frontmann, rechts), Chris Wolstenholme (Bass, Mitte) und Dom (Drums). (Warner Music Group)

"Wenn ich Ideen suche, Ruhe, Inspiration und Balance, ist es für mich am besten, wenn ich weit weg von zu Hause bin", erklärt Matthew Bellamy (Mitte), der Sänger von Muse.
"Wenn ich Ideen suche, Ruhe, Inspiration und Balance, ist es für mich am besten, wenn ich weit weg von zu Hause bin", erklärt Matthew Bellamy (Mitte), der Sänger von Muse. (Warner Music Group)

Das neue Album von Muse repräsentiert ihre Veränderung.
Das neue Album von Muse repräsentiert ihre Veränderung. (Warner Music Group)

Datum: 03.07.2006

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Diskussion: "Muse"

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