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Der freie Wille

Der freie Wille

(tsch) Jürgen Vogel kann alles spielen. Er ist nicht nur der Sympathieträger mit Zahnlücke, sondern hat in kleineren Produktionen schon etliche unbequeme Rollen übernommen. Aber kann er wirklich alles spielen, oder anders: Ist es sinnvoll? In Matthias Glasners "Der freie Wille" ist er Theo, ein Mann, der wegen Vergewaltigung neun Jahre im Gefängnis war und sich nun in der Freiheit zurechtzufinden versucht. Mit Hilfe einer Frau.

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Es ging ein Aufschrei durch das Berlinale-Publikum im Februar, denn die Missbrauchsszene zu Beginn ist deutlich, blendet nicht ab. Aber es war zu erwarten, dass Glasner, der mit Vogel in der Vergangenheit "Die Mediocren" sowie "Sexy Sadie" drehte, diesmal sehr harte Kost liefert, sich auf eine Gratwanderung begibt. Über Schuld und Sühne sprechen, aber nicht richten wollen - wie also den Triebtäter anlegen?

Vogel interpretiert diesen Theo als schweigsamen Charakter, zögerlich, mit einem unangenehmen animalischen Einschlag. Neun Jahre und vier Monate nach seiner Tat richtet er sich ein neues, von Routine geprägtes Leben ein. Glasner scheut sich nicht vor Wiederholungen, reiht die Rituale des Triebtäters, der sich unter Kontrolle haben möchte, aneinander, Tag für Tag. Die Realität ist sein Feind, bedeutet einen ständigen Kampf. Fast erschrickt man, als man bemerkt, dass sein Blick auf eine Unterwäschenwerbung an der Bushaltestelle geht. Vielleicht hatte man es sich nur eingebildet. Der Regisseur lässt den Zuschauer sehr langsam in diese bedrohliche Welt und bleibt - auch wenn das Kritiker anders sehen - unaufdringlich.

Bei einer Studie über die Interpretation des freien Willens, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, sollte man voraussetzen, dass der Filmemacher seinen Weg bewusst gewählt hat. Und die sehr lange Laufzeit des Films deutet darauf hin, dass Matthias Glasner einen sehr differenzierten Blick in diese fremde Welt vorhat. Er führt Jürgen Vogel an seine Grenzen, Grenzen der Scham, der Prostitution. Es mag einem kein zweiter Schauspieler einfallen, der die unglückliche Kreatur so glaubwürdig verkörpert hätte. Menschlich und unberechenbar. In der Erinnerung lacht er kein einziges Mal.

Als er Nettie (Sabine Timoteo, "Gespenster") kennenlernt, kommt der Aspekt der Rettung hinzu. Von Angst und dem Versuch sich zu vertrauen, ist diese Beziehung geprägt. Jürgen Vogel und die burschikose Sabine Timoteo agieren, als würden sie ununterbrochen auf dünnem Eis laufen und treffen damit genau die Anspannung der beiden Protagonisten.

Genau an dieser Stelle macht es Glasner dem Kritiker schwer, weiterzuschreiben. Fast drei Stunden dauert sein Film, und damit er wirken kann, wie er soll, muss hier ein Strich gezogen und werden.

Wie Hans-Christian Schmids hochgelobter "Requiem" verkörpert auch "Der freie Wille" eine neue deutsche Härte im Kino. Glasner kam sehr viel schlechter weg, dafür gibt es verschiedene Gründe. Er inszeniert sehr langsam, ohne wirklich mehr zu sagen, was man auch in knappen zwei Stunden erzählen könnte. Er bringt keine neuen Aspekte oder Hintergründe seiner Figuren, sodass sich der Zuschauer mit möglicherweise ambivalenten Gefühlen ob des dramatischen, komplexen Themas, durchaus eingesperrt fühlt. Es ist eine Qual, diese Odysseen zu überstehen. Doch das ist im Sinne des Erfinders.

Glasner, der dieses Thema sechs Jahre vorbereitet hat, sagt nichts dazu, ob sich ein Triebtäter therapieren lässt. Er selbst führte die Kamera und fühlte dabei mitunter "Selbstekel". Er nahm es in Kauf, denn er hatte sich vorgenommen, "einen zarten Film über den Terror der Einsamkeit" zu drehen. Mag das für die Situation ein reichlich poetischer Ausdruck sein, so kommt seine Beschreibung der übrigens chronologischen Vorgehensweise dem, was er wollte, näher: "Ich habe, egal, was passiert - ob grausam oder vorsichtig hoffnungsvoll - alles mit der gleichen Anteilnahme mit der Kamera begleitet."

Sicher, man könnte sich daran stören, dass Nettie für ein verstörtes Mädchen zu stylish gekleidet ist, man könnte sich auch daran stören, dass sehr viel und laut geatmet wird in diesem Drama. Könnte man, aber es wird einen nicht davon abhalten, danach über das Leben und dessen Grenzen nachzudenken.

Claudia Nitsche

Credits:
V:Kinowelt, D 2006, R: Matthias Glasner, D: Jürgen Vogel, Sabine Timoteo, Manfred Zapatka u.a.

Laufzeit: 163 Min.

Kinostart:
24.08.2006


Theo Stoer (Jürgen Vogel) will nach neun Jahren Haft ein ganz normales Leben beginnen.
Theo Stoer (Jürgen Vogel) will nach neun Jahren Haft ein ganz normales Leben beginnen. (Kinowelt Filmverleih)

Mit aller Kraft versucht Theo (Jürgen Vogel), seinen abnormalen Gelüsten nicht mehr nachzukommen.
Mit aller Kraft versucht Theo (Jürgen Vogel), seinen abnormalen Gelüsten nicht mehr nachzukommen. (Kinowelt Filmverleih)

Weil Netti Engelbrecht (Sabine Timoteo) jahrelang von ihrem Vater missbraucht wurde, will sie von Männern eigentlich nichts wissen.
Weil Netti Engelbrecht (Sabine Timoteo) jahrelang von ihrem Vater missbraucht wurde, will sie von Männern eigentlich nichts wissen. (Kinowelt Filmverleih)

Datum: 22.08.2006

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