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Medea

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Wenn es einen Film gibt, der Pier Paolo Pasolini überlebte, dann zweifellos sein Meisterwerk "Das 1. Evangelium - Matthäus" von 1964. Pasolini hatte darin Jesus als einen dieseitigen Menschen geschildert, angeblich ohne Drehbuch, nur mit der Bibel in der Hand. Sein mitreißendes Schwarzweiß-Poem ist bis heute neu geblieben wie am ersten Tag. Wer nun das leuchtende Farb-Epos "Medea" (1969) sieht, wird entdecken, dass es Pasolini auch in diesem, fünf Jahre später gedrehten Film, um die Entdeckung eines Mythos ging - und wieder um die Liebe. Man könnte sagen, Pasolini habe sie geradezu in der Gestalt des Lichts symbolisiert und visualisiert.

Nie hat man leuchtendere, hellere und doch stets beruhigende, warme Farben gesehen. Das Licht spielt, noch vor der großen Maria Callas als Medea, die Hauptrolle in diesem Film, der ein magisches Fest der Farben ist. Diese Medea, so schwer ihr Schicksal auch sein mag, bewegt sich optisch in einem Paradies, in einer utopischen Welt. Daran kann auch das Blutopfer (!), das selbstredend an den Opfertod Christi gemahnt, nichts ändern. Nie sieht man sich an diesen Farben, dem goldenen Gelb des Getreides, dem Grün der Olivenhaine, dem zarten Blau des Horizontes satt.

Gern möchte man Jasons und Medeas unglückliche Geschichte vergessen. Und es scheint denn auch so, als dass der antike Mythos für Pasolini hier nichts als ein Vehikel, ein willkommener Erzählanlass für eine bekannte Geschichte war. Der Zentaur gleich zu Beginn, der den Knaben Jason mit einer endlosen Suada griechischer Genealogien überschwemmt, könnte ein Indiz dafür sein. Sieben Minuten lang macht er sich über uns und den armen Knaben auf seinem befellten Rücken her. Und gerne sei auch eingestanden, dass wir die folgende Metaphysik Pasolinis nicht verstanden haben. Wie ist sie nun, die Welt? Göttlich und so ganz und gar nicht natürlich - oder doch bloß ein gottfernes Nichts? Da kann sich der Atheist Pasolini offenbar nicht entscheiden.

Wie gut, dass sein Film 106 Minuten lang beinahe ohne jede Phrasen und Dialoge auskommt und so zurückfindet zu den Ursprüngen des Kinos: zu Licht, Farbe, Klang, Bewegung, Musik. Pasolini macht fast nichts falsch: Er lässt die nicht einmal von ihm, sondern vom Produzenten Franco Rossellini ausgesuchte Maria Callas (die 1953 die Medea in Cherubinis Oper in der Scala sang) nicht etwa große Gesten zelebrieren; er verfremdet die Laiendarsteller, wenn sie mit einem göttlichen Lächeln gewissermaßen neben der Handlung stehen, er verwendet ausgesuchte Weltmusik, die von mongolischen Hörnern bis zu den hyperventilierenden Stimmen der Beduinenweiber reicht.

Man nehme "Medea" als einen abstrakten Film, dann hat man was davon. Und lasse sich - in der deutschen Fassung - auch von leicht asynchronen Lippen nicht stören. Es lohnt sich, diesem Fest der Farben und der Töne beizuwohnen.

Ein bisschen enttäuschend, weil (fast) ohne Pasolini auskommend, ist das Bonusmaterial. Man fällt auf den Boden der Tatsachen, wenn sich Giuseppe Gentile, der Darsteller des Jason als Bronzemedaillen-Gewinner von Mexiko '68 outet. Pasolini hatte sein Bild in der Zeitung gesehen. Doch er weiß, er war ein Instrument, auf dem der Meister spielt. Der Schauspieler Laurent Terzieff (Zentaur) macht ein bisschen den gehässigen Franzosen. Pasolini, so berichtet er, war nie da, wo die Kamera stand. Aber: "Er hatte den besten technischen Stab, den man damals kriegen konnte." Beste Einsichten werden vom Kostümbildner Piero Tosi geboten. Sein Bericht, wie er die Stoffe und Farben fand, machen die Sorgfalt und die traumhafte Sicherheit klar, mit der Pasolini hier zu Werke ging. Eine Dokumentation über die Dreharbeiten beinhaltet seltene Super 8-Aufnahmen, Werkfotos und Interviews mit Darstellern (Laurent Terzieff, Giuseppe Gentile) und Mitarbeitern Pasolinis.

Wilfried Geldner

bewertungsbox

bildformat 1,85:1 (anamorph)
sprachen Deutsch (1.0), Italienisch (1.0)
untertitel Deutsch, Englisch, Französisch
extras Erinnerung an Dreharbeiten; Zusätzliche Szenen; Callas-Porträt
laufzeit 106 Minuten
tonsystem Dolby Digital
regionalcode Regionalcode 2
preis Ca. 18 Euro
bewertung bild gut
bewertung ton befriedigend
bewertung extras gut

Credits:
(Italien 1969, R: Pier Paolo Pasolini, D: Maria Callas, Giuseppe Gentile, Massimo Girotti u.a.)


Medea ist blind vor Eifersucht und nimmt grausame Rache: Pasolinis Inszenierung des antiken Stoffes beeindruckt vor allem durch Farben und Licht, aber auch durch die Darstellung der Operndiva Maria Callas, die in der Rolle der verstoßenen Medea die eigenen Kinder ermordet. Arthaus präsentiert zwei DVDs mit hilfreichem Bonusmaterial.
Medea ist blind vor Eifersucht und nimmt grausame Rache: Pasolinis Inszenierung des antiken Stoffes beeindruckt vor allem durch Farben und Licht, aber auch durch die Darstellung der Operndiva Maria Callas, die in der Rolle der verstoßenen Medea die eigenen Kinder ermordet. Arthaus präsentiert zwei DVDs mit hilfreichem Bonusmaterial. (Arthaus)

Ganz ohne große Gesten, also anders als auf der Opernbühne, spielt die große Diva des 20. Jahrhunderts, Maria Callas, die Titelrolle in Pier Paolo Pasolinis "Medea".
Ganz ohne große Gesten, also anders als auf der Opernbühne, spielt die große Diva des 20. Jahrhunderts, Maria Callas, die Titelrolle in Pier Paolo Pasolinis "Medea". (Arthaus)

Maria Callas (links) spielt die Königstochter Medea, die der griechischen Sage zufolge Mann und Kinder ermordet hat.
Maria Callas (links) spielt die Königstochter Medea, die der griechischen Sage zufolge Mann und Kinder ermordet hat. (Arthaus)

Datum: 22.08.2006

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Diskussion: "Medea"

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