(tsch) Nein, keiner soll am Ende sagen, er hätte es nicht gewusst. Schließlich sorgt das Massenmedium Fernsehen, allen voran das ZDF, dafür, dass das Hartz-IV-Land bestens informiert ist - über die massiven Verschiebungen auf der Weltwirtschaftskarte und über das, was da aus Asien in den nächsten Jahren noch so alles zu erwarten ist. China wurde in diversen aufwändigen Auslandsreportagen und Hochglanz-Dokus schon ausführlich abgefeiert, nun kommt der nächste Gigant zwischen Wirtschaftswunder und sozialer Katastrophe an die Reihe. "Indien - unaufhaltsam" hat "heute-journal"-Chef Claus Kleber die zweiteilige Reise-Doku genannt, die er gemeinsam mit der langjährigen USA-Korrespondentin und Dokumentarfilmerin Angela Andersen realisierte. Was klingt, wie eine dezente Warnung, ist eine dezente Warnung. - Aber zugleich auch ein lebendiges Gesellschaftsporträt mit einigen atemberaubend schönen Ansichten aus einem, auch jüngst dank gewaltiger Air-India-Investitionen, gar nicht mehr so fernen Land.
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"Indien ist wie sein Wappentier, der Elefant", sagt Claus Kleber nach dieser Reise. "Etwas schwer in Gang zu bringen, aber, erst einmal unterwegs, von nichts und niemandem mehr aufzuhalten." Dennoch: Kleber und Andersen zeichnen kein eindimensionales Bild einer Gesellschaft im Aufbruch, eines Volkes von über einer Milliarde Menschen, das sich, so Heiner Gatzenmeier, Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschehen, "anschickt, die Welt zu bewegen". Wie in China sind es auch in Indien die Gegensätze, die für Dokumentarfilmer den Reiz am Thema ausmachen.
Indien ist mit einer Fläche von 3.287.590 Quadratkilometern der siebtgrößte Staat der Erde, mit 1,112 Milliarden Einwohnern ist das Land nach der Volksrepublik China und vor den USA der zweitbevölkerungsreichste Staat. Internationale Prognosen sagen voraus, dass Indiens Wirtschaftsleistung die von Deutschland schon innerhalb der nächsten 20 Jahre überholen wird. Acht Prozent Wirtschaftswachstum werden für dieses Jahr vorausgesagt. Andererseits: Nach Angaben der Weltbank haben heute 44 Prozent der Einwohner Indiens weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung. Claus Kleber und Angela Andersen trafen auf bitterarme Menschen, die vom Aufschwung nichts, aber auch gar nichts haben. Analphabetismus und die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit AIDS (5,6 Millionen Inder sind HIV-positiv) sind die beiden Kernprobleme, die Indien dringend in den Griff bekommen muss.
Vor allem trafen die Filmemacher auf ein junges Volk. Das Durchschnittsalter in Indien beträgt 26 Jahre. Mit dieser demografischen Wucht im Rücken wird dieses Land punkten: Jedes Jahr werden 15 Millionen Kinder geboren - bis 2045 soll Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Erde abgelöst haben. Keine Frage, der Titel des ersten Teils der Dokumentation trifft zu: "Ein Milliardenvolk bricht auf". Und die Aussage wird mit authentischen Bildern untermauert. Einmal rumpelt Kameramann Hartmut Seifert sogar auf dem Rücken eines Elefanten mit, nur um so eine besonders originelle Perspektive auf das Leben in Indien zu erhalten.
Aussagekräftiger als alle Zahlen und Fakten sind sowieso die Erlebnisse - und die Begegnungen. Im zweiten Teil ("Ghandis Erben als Global Player", Donnerstag, 07.09., 22.15 Uhr) wird etwa der Börsenguru Rakesh Junjunwalla vorgestellt, ein Mann, der angeblich aus 100 Dollar Startkapital eine dreiviertel Milliarde gemacht haben soll. "In Indien geht es jetzt erst richtig los", sagt der selbstbewusste Makler in die Kamera. "Indiens Infrastruktur stammt aus dem vorletzten Jahrhundert, wir haben gewaltige soziale Probleme, Indien ist ein Sprinter ohne Schuhe. Aber wir schaffen trotzdem acht bis zehn Prozent Wirtschaftswachstum. Warten Sie mal ab, was passiert, wenn unsere Schuhe fertig sind."
Ein anderer Gesprächspartner, ein Polyester-Produzent aus Bombay, der Kleber mit seinem Firmenjet durchs Land fliegt, lässt selbst den erfahrenen TV-Journalisten ungläubig staunen. Kleber fragte: "Sollen wir Europäer eines Tages aufwachen, uns die Augen reiben und fragen, wie zum Teufel uns Indien so abhängen konnte?" Der Mann habe ruhig entgegnet: "Ja, Sie haben es richtig verstanden. Indien war schon einmal die führende Kultur- und Wissensnation der Erde. Das entdecken wir jetzt neu. Und wir werden die Welt verändern." Schon klar, dass in diesem Film für alte Indien-Klischees kein Platz ist. Und, nein, keiner soll sagen, wir hätten nicht gewusst, was aus der Welt auf uns zukommt.
Frank Rauscher
Bleibt den Nachrichten der Welt auch jenseits des Fernsehstudios auf der Spur: ZDF "heute-journal"-Chef Claus Kleber. (ZDF / Peter Ruppert)
"Gateway to India" in Delhi statt Nachrichtenstudio in Mainz. (ZDF / Peter Ruppert)
Auf der einen Seite High-Tech, Computerspezialisten und Top-Ingenieure, auf der anderen Seite harte Arbeit von Kindesbeinen an. Claus Kleber, Chef des "heute-journals", und Angela Andersen zeigen Indien als ein Land mit zwei Gesichtern. (ZDF / Peter Ruppert)
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