Water
(tsch) Das Shah-Rukh-Khan-Überangebot bei RTL II vermittelt ein völlig falsches Bild vom Kino des Subkontinents: Indien ist nicht nur Bollywood - bei fast 1.000 Filmen im Jahr wäre das auch dann wohl etwas zu einseitig. Natürlich sind die opulenten dreistündigen Masalas aus Liebe, Familie, Tradition, Tanz und Gesang der erfolgreichste Exportschlager. Abseits des konfektionierten dreistündigen Mainstream-Bombasts hat sich aber eine kleine Clique Filmemacher etabliert, die mit Offenheit und Distanz auf ihr Land blicken können, ohne die Traditionen zu vergessen. Deepa Mehta ("Bollywood/Hollywood"), die seit 1973 in Kanada lebt, ist eine dieser Regisseurinnen. "Water" (2005) ist der letzte Teil der Elemente-Trilogie, die Mehta mit "Fire" (1996) und "Earth" (1998) begonnen hat.
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Tragisch und melancholisch auf der einen Seite, romantisch und fröhlich auf der anderen erzählt Deepa Mehta - vielleicht etwas zu konventionell - eine emotional bewegende und sozial kritische Geschichte aus dem Indien am Ende der Kolonialzeit. 1938: Kalyani (Lisa Ray) ist eine junge Witwe, die ihr restliches Leben, so will es die Tradition, in einem Witwenhaus fristen muss. Alternativen wären Tod auf dem Scheiterhaufen oder die Heirat mit dem jüngeren Bruder des Verstorbenen. Ausgestoßen aus der Gesellschaft müssen indische Witwen "Buße" dafür tun, in einem früheren Leben den Tod des Ehemannes verantwortet zu haben. Selbst achtjährige Mädchen, wie Kalyanis "Ziehkind" Chuyia (Sarala), die früh verheiratet wurden und ihren Mann gar nicht kannten, gelten als unrein und aussätzig.Doch 1938 ist eine Zeit des Wandels: Der junge Jurist Narayan (John Abraham) tritt in das Leben von Kalyani und Chuyia. Der Anhänger des gerade aus dem Gefängnis entlassenen Mahatma Ghandis verliebt sich in die schöne Witwe, will sie heiraten und wehrt sich mit aller (Willens-)Macht gegen die Widerstände in Familie und Gesellschaft. Doch die sind hart zu brechen, selbst eine starke Liebe hat es nicht einfach. Dass der Film nicht in Romantikkitsch abdriftet, verhindert Deepa Mehta mit radikalen Mitteln. Die Liebesgeschichte in einem Land, das den Aufstand gegen die britischen Kolonialherren beginnt und einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen muss, bleibt realistisch bis zum Schluss. Der Grundton des Films ist dann auch traurig und bedrückend - trotz gelegentlicher heiterer Brechungen aus Humor und Musik sowie der überwältigenden Bollywood-Ästhetik der Bilder. Der unbeschwerte Traum von Freiheit wird von religiösem Fanatismus und dem starren Kastenwesen schlichtweg zerquetscht. Eine der Stärken von "Water" ist es, die Hintergründe des religiös anmutenden Fanatismus zu zeigen. Es geht schlicht und einfach ums Geld. Ausgestoßene Frauen müssen nicht mehr versorgt werden, brauchen kein Essen, kein Bett, keine Kleidung. Die Kritik an den Verkrustungen der indischen Gesellschaft, in der sich die Lage der Frauen immer noch nicht grundlegend verändert hat, ist weiterhin aktuell: Die Dreharbeiten wurden im Jahr 2000 von ultrakonservativen, radikalen Gläubigen (natürlich Männern) mit Gewalt sabotiert und konnten erst fünf Jahre später beendet werden.
Andreas Fischer
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Credits: V:Universum, CDN / IND 2005, R: Deepa Mehta, D: Sarala, Johna Abraham, Lisa Ray u.a.
Laufzeit: 117 Min. Kinostart: 07.09.2006
Narayan (John Abraham) will sein Leben nicht mehr ohne Kalyani (Lisa Ray) verbringen. (Universum)
Kalyani (Lisa Ray) staunt über das mondäne Leben im Britischen Viertel. (Universum)
Narayan (John Abraham) liebt Kalyani (Lisa Ray) und will sie heiraten. (Universum) |
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