Veronica Ferres

"Mein Lachen, mein Weinen"

Schauspielerin Veronica Ferres

(tsch) Veronica Ferres wirkt stolz und glücklich, wenn sie von ihrer neuen Rolle erzählt. In der Verfilmung von Hans-Jürgen Massaquois Autobiografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger" spielt sie die Mutter eines schwarzen Kindes, das mitten in Hamburg das Dritte Reich überlebt. Dass die Begeisterung der 41-jährigen Schauspielerin für den Stoff echt ist, zeigt die Tatsache, dass sich die Ferres nach Erscheinen des Buches selbst darum bemühte, die Filmrechte zu erwerben. Doch zunächst zog sie den Kürzeren. Der Produzent Markus Trebitsch - ebenfalls ein Fan des bewegenden Bestsellers - hatte sich nach einem Besuch bei Hans-Jürgen Massaquoi in den USA den viel versprechenden Filmstoff schon gesichert. Für den Hamburger Filmunternehmer war Veronica Ferres trotzdem die erste Wahl bei der Besetzung von Hans-Jürgen Massaquois Mutter - womit sich am Ende alles zum Guten fügte. Markus Trebitsch bekam für seinen gelungenen ZDF-Zweiteiler (So., 01. und Mo., 02.10., 20.15 Uhr) einen hoch motivierten Star - und Veronica Ferres eine der wichtigsten Rollen ihrer Karriere.

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teleschau: Sie haben Hans-Jürgen Massaquoi, den Autor der Autobiografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger", während der Dreharbeiten kennen gelernt. Wie haben Sie die Begegnung erlebt?

Veronica Ferres: Wenn zwei Menschen viel voneinander wissen, können solche Begegnungen mit wenigen Worten stattfinden. Dass ich viel von ihm wusste, war klar, denn ich hatte das Buch gelesen und mich auf die Rolle seine Mutter zu spielen, vorbereitet. Doch auch er hatte vor Beginn der Dreharbeiten sehr viel über mich wissen wollen. Er ließ sich andere Filme zeigen, in denen ich mitspielte. Die Begegnung war sehr emotional. Er nahm meine Hand zwischen seine beiden Hände und schaute mir tief in die Augen. An seinen glänzenden Augen merkte ich, wie aufgewühlt er war. In dem Moment wusste ich, das ist der Blick eines Sohnes auf seine Mutter.

teleschau: Es war also eine sehr intime Begegnung zwischen zwei eigentlich fremden Menschen ...

Veronica Ferres: Ja, das war es. Diese Intensität hat sicherlich auch mit dem besonderen Verhältnis zwischen Hans-Jürgen und seiner Mutter zu tun. "Neger, Neger, Schornsteinfeger" ist in gewisser Hinsicht auch eine Liebesgeschichte zwischen einem Sohn und seiner Mutter - erzählt vor dem Hintergrund der Erlebnisse eines Jungen mit dunkler Hautfarbe im Dritten Reich.

teleschau: Was wurde eigentlich aus Massaquois Mutter nach dem Krieg?

Veronica Ferres: Sie blieb in Hamburg, heiratete später noch einmal und bekam weitere Kinder.

teleschau: Hans-Jürgen Massaquoi ist nach dem Krieg in die USA ausgewandert. Hatten Sie den Eindruck, dass er Deutschland dennoch als seine Heimat betrachtet?

Veronica Ferres: Ich glaube, er hat sich diese Heimat zurückgeholt. Als der Produzent Markus Trebitsch ihn in den USA besuchte, um ihm das Filmprojekt vorzustellen, sprach Massaquoi die ganze Zeit nur Englisch. Bis er dann am Ende im reinsten Hamburger Dialekt zu Trebitsch sagte: "Ich vertrau' dir meinen Film an, Jung." Daran ist sicherlich immer noch eine große Vorsicht zu spüren. Der Mann ist jetzt 80 Jahre alt und das Buch erst vor sieben oder acht Jahren erschienen. Allein daran sieht man, wie lange er brauchte, bevor er sich seiner eigenen Vergangenheit stellen konnte.

teleschau: Was ist für Sie das Besondere an seiner Geschichte?

Veronica Ferres: Am meisten fasziniert mich die Tatsache, dass das persönlich empfundene größte Unglück dieses schwarzen Jungen lange Zeit darin bestand, dass man ihn nicht in die Hitlerjugend lassen wollte. Dies sagt unheimlich viel über die Gefährlichkeit dieses Regimes aus. Wenn jemand sich nichts sehnlicher wünscht, als in die Arme seines Mörders zu fallen, ist das einfach absurd. In dieser Szene erfährt man viel von der hohen Verführungskunst der Nationalsozialisten . Die Geschichte von Hans-Jürgen Massaquoi zeigt, wie attraktiv das Böse damals war und wie gut es sich getarnt hat.

teleschau: Sie spielen Bertha Baetz, die Mutter von Hans-Jürgen Massaquois. Das war eine allein erziehende Mutter mit einem schwarzen Kind im Deutschland der 30er-Jahre. Wären nicht diese politischen Umstände, würde man einfach nur sagen: eine unglaublich moderne Frau ...

Veronica Ferres: Als allein erziehende Mutter eines unehelichen farbigen Kindes war sie zunächst einmal die einzige Frau, die so lebte. Doch sie führte dieses Leben mit einem unglaublichen Selbstbewusstsein und einer großen Liebe zu diesem Kind. Das wird schon in der ersten Szene deutlich, als sie nach der Geburt von ihrer Freundin im Krankenhaus besucht wird und den Kommentar zu hören bekommt: "Bertha, was hast du denn da gemacht? Ein Mohrenkind!" Bertha antwortet ganz selbstbewusst: "Nix da Mohrenkind, der heißt Hans-Jürgen mit Bindestrich." Sie geht mit einer unvoreingenommen Direktheit mit ihrem Kind um und sieht einfach nur den Menschen. Das ist natürlich sehr modern und absolut vorbildhaft.

teleschau: Wie würden Sie den Charakter Massaquois Mutter beschreiben: Eine moderne Frau und außergewöhnlich kämpferische Mutter?

Veronica Ferres: Nicht nur. Sie ist eine durchaus komplexe Frau, die auch sehr oft einsam war, ein brüchiger Charakter. Jemand, der oft verletzt wurde. Der Film zeigt ja auch ihren zunehmenden Verfall. Nicht nur rein optisch, sondern auch emotional wird sie immer kraftloser. Schließlich verschwindet sie immer mehr aus dem Film wie auch aus dem Leben ihres Sohnes. Trotzdem bleibt sie in seinem Herzen.

teleschau: Sie haben sich nach der Lektüre des Romans um die Filmrechte bemüht, mussten aber feststellen, dass die schon vergeben waren. Dachten Sie beim ersten Lesen der Autobiografie schon daran, dass sie gerne die Rolle der Mutter spielen würden?

Veronica Ferres: Genauso war es. Das ist für mich wirklich eine absolute Traumrolle - zum einen wegen der Geschichte, die ich atemlos sehr bewegend und beeindruckend finde, und zum anderen weil es für mich als Schauspielerin eine ganz große Herausforderung war, eine Frau zu spielen, die auf einer derart scharfen Klinge balanciert. Wenn sie nur einen Fehler macht, kann das den Tod ihres Sohnes bedeuten. Sie muss die meiste Zeit verbergen, was sie wirklich fühlt. Über die Hälfte des Films sagt sie etwas ganz anderes als sie eigentlich sagen möchte...

teleschau: Es gibt immer wieder Geschichten von extrem mutigen Frauen aus dem Dritten Reich. Woher nahmen diese Frauen ihre Courage?

Veronica Ferres: Wenn es darum geht, seine Kinder zu schützen, wächst fast jede Frau über sich hinaus. Sicher gab es auch im Dritten Reich Situationen, in denen der Mut dieser Frauen Männer zum Nachdenken gebracht hat. Leider nicht genug!

teleschau: Obwohl "Neger, Neger, Schornsteinfeger" eine Geschichte aus dem Dritten Reich ist, das ja immer zur Schwarzweißmalerei einlädt, wird das Thema Rassismus hier sehr differenziert behandelt. Es gibt Figuren wie den von Jürgen Tarrach gespielten Blockwart und überzeugten Nazi, der den kleinen Hans-Jürgen eigentlich mag und sich wie ein netter Onkel verhält ...

Veronica Ferres: Der Film erzählt sehr wahrhaftig von den Menschen und ist sehr nah am wirklichen Leben dran. Es ist eine sehr emotionale Geschichte, die aber von der Drehbuchautorin Beate Langmaack überhaupt nicht reißerisch, sondern sehr sensibel erzählt wird. Die Gefühlswelt der Menschen wird sehr genau widergespiegelt. Die Erzählweise ist sehr direkt, fast schon pur. So zeichnet die Drehbuchautorin Menschen, die einfach nicht den gängigen Klischees entsprechen.

teleschau: Und sie trifft damit die Realität ziemlich genau!

Veronica Ferres: Ja, natürlich. Deshalb ist dieser Film für mich auch ein wahrhaftiger Film mit spannenden Figuren. Ich kann ganz klar sagen - für mich ist es ein großer Film für mein schauspielerisches Schaffen.

teleschau: Haben Sie die Figur der Mutter auch mit eigenen Eigenschaften - mit der Persönlichkeit Veronica Ferres - gefüttert?

Veronica Ferres: Das tut man ja immer. Es ist schließlich mein Lachen, mein Weinen, das man da sieht. Und auch die Art, wie sie sich trennt: Sie fühlt sich ja von dem Vater Hans-Jürgens verstoßen, macht diese Trauerarbeit aber mit sich selbst aus und beschwert sich nicht bei dessen Eltern, die sie ja im Prinzip gut behandelt haben. So eine stille Trauerarbeit zu spielen, die Darstellung einer solchen reinen Innenwelt - das ist eine wahnsinnige Herausforderung, solche Rollen liebe ich.

teleschau: Spielen Sie gerne historische Figuren?

Veronica Ferres: Bei Menschen, die wirklich gelebt haben, ist man als Schauspieler verpflichtet, eine besondere Sorgfalt walten zu lassen. Das bedeutet eine besondere Verantwortung, die gewissenhafte Recherche mit sich bringt, um der Figur gerecht zu werden. Dies macht die Rolle schwieriger, aber dies ist eine Herausforderung, der ich mich gerne stelle.

teleschau: Haben Ihre Eltern den Krieg noch bewusst miterlebt?

Veronica Ferres: Meine Mutter ist 1933 geboren, mein Vater 1929. Sie haben den Krieg also durchaus als Kinder und Jugendliche miterlebt.

teleschau: Was haben Sie Ihnen vom Krieg erzählt?

Veronica Ferres: Es waren traumatische Erlebnisse: die Flucht in den Bunker oder Beobachtungen wie die, dass der Großmutter von einem Bombensplitter der Arm abgerissen wurde. Es gab aber auch Geschichten wie die, dass mein Großvater auf dem Bauernhof in Düsseldorf-Hamm im Misthaufen Juden versteckt hat.

teleschau: Ihr Großvater war also auch einer der Couragierten?

Veronica Ferres: Das war er - der Vater meiner Mutter. Der Vater meines Vaters wiederum weigerte sich, in die SS einzutreten, woraufhin er von angeblichen Freunden denunziert wurde. Deshalb schickte man ihn als einen der Ersten an die Front, von wo er als Kriegskrüppel wieder kam. Im Alter von 40 Jahren war das Leben meines Großvaters zerstört: Er war nicht mehr ansprechbar, eine gebrochene Persönlichkeit.

teleschau: Eine deutsche Kriegs-Familiengeschichte, die auch Ihr Leben noch prägte?

Veronica Ferres: Ja. Vor allem, weil mein Vater immer darunter litt, dass er von frühester Kindheit an sozusagen der einzige Mann in der Familie war. Er musste bereits als Junge für die kleine Schwester und die Mutter aufkommen, diese Familie ernähren. Wenn mein Vater heute davon erzählt, ist immer noch viel Schmerz und Trauer zu spüren.

Eric Leimann


Spielt die allein erziehende Mutter eines schwarzen Kindes im Dritten Reich: Veronica Ferres in der Verfilmung der Autobiografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger" von Hans-Jürgen Massaquoi.
Spielt die allein erziehende Mutter eines schwarzen Kindes im Dritten Reich: Veronica Ferres in der Verfilmung der Autobiografie "Neger, Neger, Schornsteinfeger" von Hans-Jürgen Massaquoi. (ZDF / Maria Krumwiede)

Hatten sofort einen emotionalen Draht zueinander: der Schriftsteller Hans-Jürgen Massaquoi, nach dessen Autobiographie der Zweiteiler "Neger, Neger, Schornsteinfeger" entstand, und Veronica Ferres, die Darstellerin seiner Mutter Bertha Baetz.
Hatten sofort einen emotionalen Draht zueinander: der Schriftsteller Hans-Jürgen Massaquoi, nach dessen Autobiographie der Zweiteiler "Neger, Neger, Schornsteinfeger" entstand, und Veronica Ferres, die Darstellerin seiner Mutter Bertha Baetz. (ZDF / Wolfgang Lehmann)

Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte aus Nazi-Deutschland: Bertha Baetz (Veronica Ferres) mit ihrem sechsjährigen Sohn Hans-Jürgen (Luka Kumi, Mitte) und Hans-Jürgen als Teenager (Thando Walbaum, links).
Eine unglaubliche, aber wahre Geschichte aus Nazi-Deutschland: Bertha Baetz (Veronica Ferres) mit ihrem sechsjährigen Sohn Hans-Jürgen (Luka Kumi, Mitte) und Hans-Jürgen als Teenager (Thando Walbaum, links). (ZDF / Wolfgang Lehmann)

Datum: 11.09.2006

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