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Tom Tykwer

Über die Wupper

Regisseur, Drehbuchautor Tom Tykwer

(tsch) Es schien nicht einfach zu werden: Als Bernd Eichinger sich nach langer Suche schließlich entschieden hatte, dass "Lola rennt"-Regisseur Tom Tykwer das mit 50 Millionen Euro bislang teuerste deutsche Filmprojekt "Das Parfum" (Start: 14.09.) inszenieren sollte, gab es nicht wenige Zweifler, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen dem Mainstream-Produzentenveteranen und dem mitunter als grüblerisch-schwierig geltenden Kunstfilmer für schlichtweg unmöglich hielten. Auch der Berliner Regisseur selbst, der bisher durch thematisch wie formell innovative und experimentelle Filme von sich reden machte, konnte bis dato mit historischen Filmen, die er "fast alle langweilig findet", eher wenig anfangen. Eichingers "faszinierende Visionen" waren es schließlich, die Tykwer, der sich damals in einer schöpferischen wie persönlichen Krise befand, davon überzeugten, die Herausforderung in Angriff zu nehmen und Süskinds "seltsam intimes Epos" in einen populären Film zu übersetzen.

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Herausgekommen ist ein erschreckend sinnlicher Bilderrausch, ein kunstvoll-monumentales Drama, das für den visionären Filmemacher erstaunlich viele Parallelen zu vergangenen Projekten aufweist: "Der Stoff ähnelt in bestimmten Strukturen den Geschichten in meinen bisherigen Filmen", erklärt der 41-jährige gebürtige Wuppertaler. "Auch hier steht ein Mensch im Vordergrund, der nach Anerkennung und Liebe ringt, der versucht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, weil er eine Sehnsucht nach Nähe hat. Die Sehnsucht ist Thema in all meinen Filmen." Dazu gesellen sich in Tykwers Werk Zufall und Schicksal und immer wieder die Kraft der Liebe, die in seinen utopischen Kino-Phantasien einfach alles zu bewältigen vermag.

So auch in dem laut Tykwer "romantisch-philosophischen Action-Liebes-Experimental-Thriller" "Lola rennt", seinem erst dritten Kinofilm, mit dem er 1998 nicht nur das heimische Publikum begeistern konnte, sondern auch internationale Bewunderung bei Regisseuren, Schauspielern und Kritikern zugleich erntete. Was eigentlich als pragmatisches Rettungsprojekt der finanziell vor dem Aus stehenden und 1994 von Tykwer mitbegründeten Produktionsfirma "X-Filme" aus der Patsche helfen sollte, schnell geschrieben und ebenso rasch gedreht war, wurde für den Regisseur - wie auch für Hauptdarstellerin Franka Potente - zu einem Türöffner, wie er seinesgleichen sucht. Tykwer wurde fortan als einer der vielversprechendsten Regisseure der Welt gehandelt, der sich vor Angeboten auch auf internationaler Ebene kaum retten konnte.

Dass Tykwer sein Leben seiner Leidenschaft fürs Kino widmen würde, zeichnete sich bereits frühzeitig ab. Schon als Elfjähriger drehte er eigene Super-8-Filme, später half er in einem Programmkino aus, um so manch eine Altersbeschränkung zu umgehen. Als er nach dem Abitur bei nahezu allen europäischen Filmschulen abgelehnt wurde, blieb Tykwer weiterhin Vorführer und stieg 1987 zum Programmmacher des Berliner "Moviemento"-Kinos auf. Rosa von Praunheim inspirierte den Cineasten schließlich zu seinem ersten Kurzfilm "Because" (1990). Als das Projekt auf den Hofer Filmtagen vom Publikum gut aufgenommen wurde, hatte Tykwer Blut geleckt. Vier Jahre später drehte er seinen ersten Spielfilm, "Die tödliche Maria", für den er mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. 1997 folgte mit "Winterschläfer" das zweite Kinoprojekt, ebenfalls hochgelobt und unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis in Silber geadelt.

Während andere nach dem "Lola"-Hype die Bodenhaftung verloren hätten, blieb der Berliner von dem ganzen Bohei um seine Person relativ unbeeindruckt und wählte für sein nächstes Projekt "Der Krieger und die Kaiserin" (2000) einen recht unglamourösen und eher beschaulichen Drehort: seine Heimatstadt Wuppertal. Tykwer thematisiert in seinem nach persönlichem Empfinden "gelungendsten Film - episch und intim, persönlich und universell zugleich" erneut die alles überwindende Kraft der Liebe. Die Hauptrolle übernahm wie schon zuvor in "Lola rennt" seine damalige Lebensgefährtin Franka Potente. Die finanziellen Verlockungen Hollywoods können Tykwer bis heute nicht dazu bringen, seinem künstlerischen Anspruch untreu zu werden: "Das Ziel ist der Film", sagt er. "Das Abfallprodukt ist das Geld, was er kostet. Der Gewinn ist die Inspiration. Also werde ich hoffentlich weiterhin nachdenklich phantasieren, abschweifend fokussieren, analytisch träumen. Im Kino. Fürs Kino."

Doch Multitalent Tykwer kann mehr als nur Regie führen: So ist der Ko-Autor von "Das Leben ist eine Baustelle" (1997) bei einem Großteil seiner Filme ebenso für das Drehbuch und sogar für den Soundtrack verantwortlich: "Ich mag alles, was mit einer starken Stimme zu mir spricht, was mir eine Vision vermittelt", erklärt Tykwer, der als Achtjähriger seine ersten Klavierstunden nahm. "Das Genre ist mir egal. Das gilt für alle Künste."

Nachdem er seit "Lola rennt" nicht mehr zur Ruhe gekommen war und 2002 mit "Heaven" für die amerikanische Firma Miramax seinen ersten englischsprachigen Film mit den internationalen Stars Cate Blanchett und Giovanni Ribisi inszenierte, machte sich bei Tykwer, der auch von persönlichen Problemen geplagt wurde, schließlich eine gewisse künstlerische Ermüdung bemerkbar: "Ich war nicht nur erschöpft", erinnert er sich. "Ich fühlte mich praktisch tot."

Nun saß er für sein größtes bisheriges Projekt, die Bestsellerverfilmung "Das Parfum", zwei Jahre beim Drehbuchschreiben Seite an Seite mit Bernd Eichinger. Jahre, die ihn stark gemacht haben, wie er versichert: "Unsere Zusammenarbeit war von einer außergewöhnlichen Harmonie geprägt, von einer gemeinsamen Vision. Und ich konnte einen Film realisieren, von dem ich immer geträumt habe." Die Schaffenskrise scheint überwunden, Tykwer fühlt sich wieder wohl in seiner kreativen Blase, über die er einst in einem Gespräch mit Tim Burton in der "FAZ" so poetisch philosophierte: "Das sind Zustände großen Glücks: Wenn man auf einer Welle der Inspiration durch einen Film reitet, und auf geheimnisvolle Weise öffnet man immer die richtige Tür in den nächsten Fantasieraum."

Ute Nardenbach


Der Wahl-Berliner Tom Tykwer führt bei seinen Filmen nicht nur Regie, sondern ist meist auch für das Drehbuch und die Musik verantwortlich.
Der Wahl-Berliner Tom Tykwer führt bei seinen Filmen nicht nur Regie, sondern ist meist auch für das Drehbuch und die Musik verantwortlich. (Jim Rakete)

Der Berliner Kunstfilmer Tom Tykwer konnte mit historischen Filmen bislang eher wenig anfangen, weil er sie als "steif, artifiziell, unglaubwürdig und irgendwie überpudert" empfand. Mit "Das Parfum" wollte er nun "endlich mal einen guten Kostümschinken drehen".
Der Berliner Kunstfilmer Tom Tykwer konnte mit historischen Filmen bislang eher wenig anfangen, weil er sie als "steif, artifiziell, unglaubwürdig und irgendwie überpudert" empfand. Mit "Das Parfum" wollte er nun "endlich mal einen guten Kostümschinken drehen". (X-Verleih)

Mit "Lola rennt" kam für Regisseur Tom Tykwer und seine Hauptdarstellerin Franka Potente der internationale Durchbruch.
Mit "Lola rennt" kam für Regisseur Tom Tykwer und seine Hauptdarstellerin Franka Potente der internationale Durchbruch. (X-Filme)

Datum: 11.09.2006

Diskussion: "Tom Tykwer"

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