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"Neger, Neger, Schornsteinfeger"

"Neger, Neger, Schornsteinfeger"

(tsch) Eigentlich war klar, dass die Autobiografie "Neger, Neger, Schornsteinfeiger" von Hans-Jürgen Massaquoi nicht lange auf eine Verfilmung warten musste. Dafür ist die Geschichte des schwarzen Jungen, der in den Dreißigern und Vierzigern das Nazi-Regime im Hamburger Arbeiterbezirk Barmbek überlebt, einfach zu groß, zu faszinierend, zu unfassbar. "Der Führer hat noch nicht entschieden, was mit den Negern passieren soll", sagt Blockwart Mahnke (Jürgen Tarrach) zum kleinen Hans-Jürgen, dem Freund und Spielkameraden seines Sohnes. In der Naivität dieser hilflos nett gemeinten Aussage liegt der ganze Schrecken des Nazi-Alltags. Der offensichtliche "Nichtarier" Hans-Jürgen Massaquoi überlebte seine Kindheit nur deshalb, weil Deutschland zu viel mit Krieg und Judenmord zu tun hatte. Im ZDF-Zweiteiler "Neger, Neger, Schornsteinfeger" (So., 1.10., und Mo., 2.10., jeweils 20.15 Uhr) wird seine Lebensgeschichte ebenso einfühlsam wie publikumswirksam ins Bild gesetzt.

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Seinen Vater hat der kleine Hans-Jürgen - großartig verkörpert von den drei jungen Schauspielern Thando Walbaum (14-19 Jahre), Steve-Martin Dwumah (9-10), Luka Kumi (5-6) - niemals kennen gelernt. Seine frühe Kindheit verbringt er mit Mutter Bertha (Veronica Ferres) in der Villa seines schwarzen Großvaters, des liberianischen Konsuls in Hamburg. Als der in sein Heimatland zurückkehrt, möchte Mutter Bertha in Hamburg bleiben. Ein Umzug in den vergleichsweise ärmlichen Stadtteil Barmbek steht an, die Mutter geht wieder als Krankenschwester arbeiten. In Barmbek wird Hans-Jürgen Anfang der 30er-Jahre als einziges schwarzes Kind eingeschult. Auf der Straße begegnet man dem Exoten mit einer Mischung aus Neugier, Sympathie und Diskriminierung.

Der selbstbewusste Junge findet dennoch Spielkameraden und auch erwachsene Gönner wie Nachbarin Möller (Petra Kelling), Polizist Reesen (Charly Hübner), die erste Lehrerin Fräulein Eilert (Sabine Wolf) oder den späteren Blockwart Wilhelm Mahnke. Doch die Zeiten werden härter. Als die Nazis die Macht übernehmen und die Gesellschaft nach ihren Vorstellungen umzubauen beginnen, wird dem schwarzen Kind seine Außenseiterrolle immer brutaler vor Augen geführt: Der Junge darf nicht aufs Gymnasium, obwohl er Klassenbester ist. Es folgt der Ausschluss vom Sportunterricht.

Was für ihn jedoch lange Zeit am schwersten wiegt - Hans-Jürgen darf nicht wie seine Freunde bei der Hitlerjugend mitmarschieren. Derweil hat sich seine Mutter Bertha neu verliebt. Auch der nette Franz Wahl (Götz Schubert), mit dem sich Hans-Jürgen gut versteht, rückt später aus Feigheit von seinem Ziehsohn ab. Schließlich ist der ehrgeizige Personalchef des Krankenhauses auch in der Partei engagiert.

"Wenn wir uns diesen Stoff ausgedacht hätten", so der stellvertretende ZDF-Programmdirektor Hans Janke bei der Präsentation des Prestige-Zweiteilers vor Journalisten, "dann hätten sie mich jetzt zu Recht in der Luft zerrissen". Manche Geschichte sind eben so unglaublich, dass man sie nur verfilmen darf, weil sie wirklich so passiert sind. Autorin Beate Langmaack (entwickelte den neuen "Polizeiruf 110" aus Schwerin) und Regisseur Jörg Grünler ("Der zehnte Sommer", "36 Stunden Angst") fanden in dem spannend erzählten Film tatsächlich die goldene Mitte zwischen großem Gefühlsfernsehen und sensibel aufgearbeiteter Zeitgeschichte.

Hans-Jürgen Massaquoi, der nach dem Krieg in die USA auswanderte und dort zu einem bekannten Journalisten wurde, besuchte sogar die Dreharbeiten des Zweiteilers bei Berlin und begegnete bewegt seiner "Mutter" Veronica Ferres. Mit Film und Darstellerin soll er übrigens sehr zufrieden gewesen sein. "Neger, Neger, Schornsteinfeger" ist auch deshalb ein großer TV-Moment, weil er viele Formen des Rassismus, versteckte und offene, für den Zuschauer deutlich erfahrbar mache. Dass man das Heranwachsen dieses lange Zeit unbeschwerten Jungen aus einer Art subjektiven Gefühlskamera erlebt, ist vielleicht eine der subtilsten und größten Leistungen dieser gelungenen Romanverfilmung.

Eric Leimann


Eine deutsche Mutter mit schwarzem Sohn im Dritten Reich: Bertha Baetz (Veronica Ferres) zusammen mit dem sechsjährigen Hans-Jürgen (Luka Kumi).
Eine deutsche Mutter mit schwarzem Sohn im Dritten Reich: Bertha Baetz (Veronica Ferres) zusammen mit dem sechsjährigen Hans-Jürgen (Luka Kumi). (ZDF / Astrid Wirth)

Die Hamburger Krankenschwester Bertha Baetz (Veronica Ferres) ist stolz auf ihr Schulkind Hans-Jürgen (Luka Kumi).
Die Hamburger Krankenschwester Bertha Baetz (Veronica Ferres) ist stolz auf ihr Schulkind Hans-Jürgen (Luka Kumi). (ZDF / Maria Krumwiede)

Die allein erziehende Mutter Bertha Baetz (Veronica Ferres) hat wieder einen neuen Partner gefunden. Franz Wahl (Götz Schubert) ist Personalchef im Krankenhaus.
Die allein erziehende Mutter Bertha Baetz (Veronica Ferres) hat wieder einen neuen Partner gefunden. Franz Wahl (Götz Schubert) ist Personalchef im Krankenhaus. (ZDF / Wolfgang Lehmann)

Datum: 02.10.2006

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Artikel ID 174616

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