(tsch) Als ARTE im Frühjahr Wolfgang Beckers DDR-Komödie "Good bye, Lenin!" (2002) als TV-Premiere zeigte, wurde die fünf Jahre alte Rekordquote des deutsch-französischen Kulturkanals geknackt. 1,7 Millionen deutsche Zuschauer (zuvor: "Lola rennt", 1,6 Millionen) hatten den Kulturkanal auf den hinteren Programmplätzen urplötzlich wieder entdeckt (und zusätzlich sahen 1,1 Millionen Franzosen zu). Das Erste, das den Kultstreifen nun passend zum Tag der Deutschen Einheit zeigt, wird dieses Ergebnis wohl weit übertreffen. Immerhin sahen mehr als 6,5 Millionen Kinobesucher den vielfach ausgezeichneten Abschiedsgruß an eine kleine Republik.
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Am Abend des 40. Jahrestags der DDR erleidet Mutter Kerner (Katrin Saß) einen Herzinfarkt und fällt ins Koma. Sie bekommt von den Ereignissen im Herbst 1989 nichts mit. Weder den Fall der Mauer noch die Abwicklung der Firma ihres Sohnes Alex (Daniel Brühl) oder den neuen Job ihrer Tochter Ariane (Maria Simon) bei "Burger King".
Als sie im Sommer 1990 aufwacht und "Was ist passiert?" fragt, bekommt sie von Alex "Nichts" zur Antwort. Ihr Sohn setzt nun alle Energien daran, dieses Nichts wirklich zu machen. Denn jede Aufregung könnte Mutter Kerners Tod bedeuten. Also lebt die DDR in der 79 Quadratmeter großen Plattenbauwohnung der Kerners weiter: Pioniere kommen ans Krankenbett, die "Aktuelle Kamera" wird von Alex' Westberliner Kumpel und Hobbyfilmer Denis (Florian Lukas) gefälscht, und auch für plötzlich auftauchende Coca-Cola-Werbebanner gibt es einleuchtende sozialistische Erklärungen.
Weil draußen derweil munter weiter Geschichte (Fußball-WM, Währungsunion, Einigungsvertrag) gemacht wird, verselbstständigt sich das Spiel mit der Wirklichkeit. Alex gerät immer tiefer in die Zwickmühle und weiß, dass er irgendwann die Realität anerkennen muss.
"Good bye, Lenin!" ist komisch und skurril, gleichzeitig aber auch herzlich und warm. Trotz all der Komik und den grotesk-absurden Einfällen macht der Film die DDR nicht lächerlich, sondern zeigt sie detailverliebt so, wie sie war: eine kleine Republik, in der bei weitem nicht alles stimmte, aber deren Menschen sich zu helfen wussten und ihr Leben mit großem Einfallsreichtum meisterten. Und viele erkannten durchaus an, dass die Zeit reif ist für Veränderungen.
Veränderungen gibt es vier Jahre nach Wolfgang Beckers Kinosensation auch in der Art, wie sich der deutsche Film mit der DDR-Vergangenheit auseinander setzt. Es wird ernsthafter, die Geschichten spielen näher an der Wirklichkeit. Dominik Grafs Berlinale-Beitrag "Der Rote Kakadu" und der mit sieben Deutschen Filmpreisen ausgezeichnete "Das Leben der Anderen" von Nachwuchsregisseur Florian Henckel von Donnersmarck schauen ohne Ostalgie-Brille auf die Dramen, die sich zwischen Mauerbau und Stasi-Observation abspielten und zeigen dabei eine ungeschminkte und oftmals brutale soziale Realität.
Andreas Fischer
Erich Honecker ist nur noch ehemaliger Staatsratsvorsitzender und wird von Alex Kerner (Daniel Brühl) kurzerhand unter den Arm geklemmt. (WDR)
Alex' Freund Denis (Florian Lukas) spielt die "Aktuelle Kamera" aus dem ehemaligen DDR-Fernsehen nach. (WDR)
Familienausflug in die Vergangenheit - es wird das letzte Mal sein, dass Mutter Kerner (Katrin Saß, links) Ariane (Maria Simon), Alex (Daniel Brühl) und Lara (Chulpan Khamatova, rechts) sieht. (WDR)
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